Zeitung Heute : Der Herausforderer

Sein berufliches Motto lautet: Gebt mir eine Aufgabe, ich kann sie lösen. Er verkaufte Schuhe, brachte das Lafayette auf Kurs, jetzt führt er das KaDeWe in die Liga der weltbesten Kaufhäuser

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Von Armin Lehmann Die alte Frau ist ratlos. Sie steht im Eingangsbereich des KaDeWe, am Informationsstand, um sie herum Gedränge, Kommen und Gehen, sie fragt: „Wo sind nur die Stoffe hin?“ Die Frau sagt, dass sie sich auf den Frühling gefreut habe, auf neue Farben, neue Stoffe. Sie sei dorthin gegangen, wo sie immer hingeht, in den fünften Stock, und dann weiter nach Gefühl, so wie sie es seit Jahren gewohnt war. Aber sie hat die Stoffe nicht gefunden.

Patrice Wagner kennt die Frau nicht, sie ist eine von Tausenden von Kunden. Wagner ist Geschäftsführer im Kaufhaus des Westens, er sitzt im sechsten Stock, unter ihm kniet Berlin. Er ist der Mann, der das Lafayette aus der Krise holte, jetzt soll er das KaDeWe zum 100-jährigen Geburtstag 2007 auf Augenhöhe mit dem Harrods in London oder den Galeries Lafayette in Paris hieven. Von Konzernchef Thomas Middelhoff wurde er auserkoren, das KaDeWe als Top-Modell auf andere Karstadt-Quelle-Häuser zu übertragen, kurzum: Der Franzose, 38 Jahre, ist ein Shooting-Star der Branche, jung, erfolgreich, nach dem Motto: Gebt mir eine Aufgabe, ich kann sie lösen.

Aber jetzt verzieht der Visionär das Gesicht, die Geschichte von der Frau am Eingang schmerzt, er sagt: „Es gibt nichts Schlimmeres als einen verwirrten Kunden.“

Wagner, ein bisschen bärig, aber nicht tapsig, stellt sich an einen riesigen Grundriss in seinem Büro. Es ist eine Kunst, Menschen in großen Kaufhäusern nicht zu verwirren. Das KaDeWe ist sehr groß, 60 000 Quadratmeter Verkaufsfläche, sechs Stockwerke. Wenn die alte Frau jetzt neben Wagner stünde, würde er sie um Verzeihung bitten und ihr erklären, warum sein muss, was nicht jeder versteht: „Wir schaffen ja gerade Orientierung, aber das dauert eben seine Zeit.“ Metamorphose nennen sie das im KaDeWe, es ist die charmanteste Umschreibung für Zumutung. Aber wenn alles vorbei ist, 2007, wird es weniger verwirrte Kunden geben. Wagners Finger tippelt über den Grundriss und zeigt auf neue Wege, parallel angeordnet, sie ermöglichen klare Sichtfelder – auch auf die Rolltreppen. So etwas gab es vorher nicht. Wagner holt nicht nur die Luxusmarken ins Haus, er räumt auch ordentlich auf.

Vor neun Jahren war Wagner als Kunde im KaDeWe selbst ein bisschen verwirrt gewesen. Es war im Mai 1997. Wagner, der Internationalen Handel in Toulouse studierte und sich 1990 im gediegenen schwäbischen Kaufhaus „Breuninger“ bewarb, bekommt das Angebot, als Geschäftsführer ins Lafayette zu wechseln. Er ist für zwei Tage in Berlin, mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Berlin ist ausgebucht, er schläft in einer Art Arbeiterzimmer, er sieht die Stadt zum ersten Mal, sie ist laut, voll, anarchisch; nicht wie das Deutschland, das er kannte: ruhig, sauber, heimelig. Er liebt Berlin vom ersten Augenblick an, er sieht die Herausforderung, eine Aufgabe. Er soll sich ja für das Lafayette entscheiden, aber er geht auch ins KaDeWe, aus Interesse, als Kunde. Und ist enttäuscht. „Ein bisschen eingeschlafen“, sagt er, habe er damals gedacht. Die Orientierung fiel schwer, Modernität fehlte.

Aber er geht ja an die Friedrichstraße, nicht an den Tauentzien.

Die Aufgabe in Berlins neuer Mitte hat Patrice Wagner gelöst, er hat das Lafayette auf den richtigen Weg gebracht. Andere, die ihn kennen, sagen: Weil er sich nicht scheute, Verantwortung zu übernehmen und unbequeme Entscheidungen zu treffen. Ein Weggefährte sagt, er sei sehr schnell im Kopf, oft schneller als seine Mitarbeiter. Er verlange viel, aber seinen großen Anspruch erfülle er selbst am besten. Wagner versuche, alte Strukturen aufzubrechen, manchmal mit großer Klappe und nicht immer so charmant, wie man es Franzosen gerne nachsagt.

Aber man muss eigentlich niemand anderen über Patrice Wagner befragen, er spricht offen über sich, imposant ehrlich, zum Beispiel sagt er: „Manchmal bin ich eine Mimose.“ Er kokettiert nicht mit seinen Schwächen, er gibt sie zu. Er weiß, dass er die Menschen, seine Mitarbeiter, ab und an überfährt und dann empfindlich reagiert, wenn die ihm nicht so schnell folgen können. Er hat dann ein Ziel im Kopf, das die anderen noch gar nicht sehen können. Aber er will, dass seine Leute Verantwortung übernehmen und gestalten, „deshalb nimmt er sie mit auf seinen Weg“, sagt jemand, der ihn gut kennt. Er handele letztlich nach dem Grundsatz: „Ein Chef ist nur so gut wie sein Team.“ Noch so eine Herausforderung für den Ungeduldigen.

Und woher kommt das Selbstbewusstsein? Auf Wagners Fensterbrett im Büro liegt ein Motorradhelm, er fährt schweres Gerät, eine BMW R 1200 GS, aber das sagt nicht viel. Vielleicht ist sein Selbstbewusstsein eher aus Demut heraus gewachsen. Er war kein Tellerwäscher, aber er hat ganz unten angefangen – am Boden. Er hat vor seinen Kunden gekniet, als Schuhverkäufer bei Breuninger, befristeter Vertrag, acht Jahre später verließ er das Haus als Geschäftsführer. Wagner würde nie ein schlechtes Wort über Verkäufer verlieren, er weiß, wie schwer es für einen Verkäufer sein kann, jeden Kunden als König zu behandeln. Auch diese Aufgabe hat er erfüllt.

Und jetzt Luxus. Immer wieder muss Wagner auf die Frage antworten, ob das KaDeWe nur noch Luxus biete, er sagt dann, „wir demokratisieren den Luxus“ und meint: Die Menschen gönnen sich wieder Qualität. Die Ansicht finden Branchenkenner mutig. Wagner findet, Mut sei keine Rebellion – sondern eine Herausforderung.

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