Zeitung Heute : Der Hermes-Schock

Der Tagesspiegel

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„Gott flaniert“ heißt ein wunderbar abgründiges Hörspiel von Lothar Trolle. Dessen Grundidee ist so simpel wie wirkungsvoll: Gott Hermes, die Hauptfigur der Fabel, flaniert durch eine zeitgenössische Landschaft. Nach mythischer Überlieferung ist Hermes für helle wie dunkle Dinge des Lebens zuständig. Er schützt die Wanderer, aber auch die Diebe und Lügner. Nebenbei hat er ein ausgezeichnetes Verhältnis zu den Musen. Bei Trolle sind die Widersprüche nun ins Extrem gesteigert. Sein Hermes stiehlt, vergewaltigt und mordet. Währenddessen ist er aber im Kopf pausenlos mit den Feinheiten der deutschen Verskunst beschäftigt. Mit Klopstocks Alexandrinern, Lessings Blankversen, Goethes freien Rhythmen. Regisseur Klaus Buhlert hat die schwarze Parabel auf Kunst und Verbrechen wie ein Stück Popmusik in Szene gesetzt. Ein Schock fü r den Kopf, ein Genuss für die Ohren (Deutschlandfunk, 5.März, 20Uhr10, UKW97,7 MHz).

Wer schon immer mal den bürgerlichen Klassiker Feuchtwanger lesen wollte, aber nie die Geduld aufbrachte, könnte es nun mit der Hö rspielfassung des Romans „Erfolg“ versuchen. Ein episch breites Zeit- und Sittengemälde der frühen 20er Jahre in Bayern. Einerseits Weimarer Republik und kulturelle Moderne, andererseits dumpfer Provinzialismus, Obrigkeitsstaat, Geburtsstunde des Nationalsozialismus. In spannenden, eindrücklichen Figuren porträtiert Feuchtwanger die treibenden Kräfte seiner Epoche (Deutschlandradio, 3.März, 18Uhr30, UKW 89,6 MHz).

Das spannendste Theater in Berlin macht im Augenblick gewiss der Dramatiker René Pollesch. Im Prater hetzt Pollesch jeden Abend schöne Schauspielerinnen in extreme philosophische Diskursabenteuer. Weil die Schauspielerinnen so sexy sind, lässt sich der Zuschauer hier eine Reflexionsdichte gefallen, die ihn anderswo zur Flucht aus dem Theater treiben würde. Auch im Radio funktioniert Polleschs ästhetische List. Das Hörspiel „Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr“ erzählt von der Telearbeiterin Heidi Hoh und ihren Kolleginnen. Deren Firma befindet sich im Internet, aber ihr Arbeitsplatz ist zu Hause am Computer. Was ist da Innen-, was ist Außenwelt? Was ist privat, was öffentlich? Alle traditionellen Orientierungssysteme versagen. Überhaupt scheint das Leben im Zeitalter der Globalisierung in ein konturloses Fließen zu geraten. Als Gegenwehr bleibt den Frauen nur wortmächtige Hysterie. Doch was heißt hier nur! Pollesch macht faszinierendes Theater daraus. Psychedelischer Dialogterror, musikalisches Geschrei. (Deutschlandradio, 4.März, 0Uhr05).

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