Zeitung Heute : Der Herr der Bilder

Der Tagesspiegel

Von Peter Siebenmorgen

Edmund Stoiber verfügt über mehr internationale Erfahrung als jeder vorangegangene Herausforderer eines Bundeskanzlers. In seinen neun Amtsjahren als bayerischer Ministerpräsident hat er viele Auslandsbesuche absolviert – seit Franz Josef Strauß, bei dem Stoiber in die Schule der Politik gegangen ist, zählen die regelmäßigen Ausflüge in die große weite Welt ja sozusagen zu den Pflichten dieses Amtes. Wie gewandt sich Stoiber auf dem internationalen Parkett bewegen kann, hat er gerade erst wieder gezeigt. Amerika-Besuche zählen für Unionspolitiker zwar schon immer zu den einfacheren Dingen des Lebens, aber das schmälert den Erfolg seiner USA-Reise nicht. Offensichtlich verlief das Gespräch mit dem Präsidenten so herzlich, dass es wenig darüber zu rätseln gibt, wen George W. Bush wählen würde, wäre er denn Deutscher.

Nun sind Auslandsbesuche eines Kanzlerkandidaten ganz gewiss der falsche Anlass, sich mit der Regierung anzulegen. Wie schlecht es in der Heimat ankommt, in der Fremde den Kanzler anzukreiden, hat Stoiber vor 22 Jahren, als er Wahlkampfmanager für den damaligen Kandidaten Strauß war, selbst erlebt. Für mehr als schöne Bilder und nette Geschichten sollte man bei Visiten in fernen Ländern, erst recht bei eminent wichtigen Freunden, also tunlichst nicht sorgen.

Dennoch wird es für den Kandidaten allmählich höchste Zeit, das zu leisten, wofür sich Auslandsbesuche am wenigsten eignen – darzulegen, wofür er steht. Vor Stoibers Abreise nach Washington und New York kochten zwei außenpolitisch bedeutsame Themen hoch: die Zukunft der Bundeswehr und, zweitens, die deutsche Rolle in Nahost. Doch bei beiden Fragen wartet man bisher vergeblich darauf, zu erfahren, wie Stoiber, sollte aus dem Kandidaten einmal ein richtiger Kanzler werden, die Dinge sieht.

Die Union macht sich so ihre Gedanken über die künftige Struktur und Rolle der deutschen Streitkräfte. Aber das teilt sich den Wählern vor allem dadurch mit, dass sich die Granden der CDU darüber in giftigen Wortgefechten öffentlich zerstreiten. Kein Hinweis auf tolle Führungsleistungen des gemeinsamen Kandidaten.

Das Verhältnis zu Israel und Palästina ist eines der heikelsten Felder der deutschen Außenpolitik. Doch die Union überlässt es der Regierung, mit den Zeitungskommentatoren darüber zu streiten, was deutsche Soldaten eventuell in Bethlehem zu suchen haben.

Wäre es doch allein die Außen- und Sicherheitspolitik, in der die Union auf ein eigenes Profil verzichtet – drei Monate, nachdem sie sich endlich auf einen Kandidaten verständigt hat, fünf Monate vor der Bundestagswahl selbst. Eine merkwürdige Ideenruhe rund um den Kandidaten herrscht auf nahezu allen Politikfeldern – abgesehen vielleicht von der Zuwanderungsfrage, bei der die Öffentlichkeit aber auch nicht genau weiß, was Überzeugung, was politisches Programm und was Inszenierung oder wahltaktisches Kalkül ist. Ende des Monats sollen die wirtschafts-, finanz- und sozialpolitischen Teile des Wahlprogramms vorgestellt werden; an diesem Montag berät das strategische Lenkungsteam der Unionskampagne hierüber. Doch dem Vernehmen nach gibt es außer ein paar Gedanken-Skizzen nichts, worauf man sich schon verständigt hätte. Aufbau Ost? Sehr viel mehr als die Bilder vom Besuch des schwarzen Wolfs bei Rotkäppchen ist da nicht greifbar.

Und so kann man fast die gesamte politische Agenda dieses Landes abfragen, ohne dass sich schon eine Antwort herausschält, was die Union und ihr toller Kanzlerkandidat, der doch ansonsten stets als Meister der Präzision gesehen werden möchte, eigentlich will. Eines allerdings gelingt wunderbar – Amerika hat dies erwiesen, und auch die regelmäßigen Abstecher Stoibers nach Ostdeutschland belegen es eindrucksvoll: Nicht nur Schröder versteht sich darauf, Politik als schaustellendes Gewerbe zu betreiben. Nur, eigentlich hatte es die Union doch mit Substanz versuchen wollen.

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