Zeitung Heute : Der Herr der Diebe

Es war der größte Kunstraub Deutschlands. Anwalt Liebrucks holte die Bilder zurück. Nun ist die Sache vor Gericht

Verena Mayer[Hamburg]

Als er dann in dieser Waldhütte stand, vor sich die Ganoven mit zwei weltberühmten Gemälden, eines von William Turner, eines von Caspar David Friedrich, da dachte der Rechtsanwalt, wenn du jetzt einen Fehler machst, bist du tot. Doch Edgar Liebrucks machte keinen Fehler. Er brachte die Männer dazu, ihm die Bilder zu überlassen. Und er gab sie denen zurück, denen sie geraubt worden waren.

Das Bild „Nebelschwaden“ von Caspar David Friedrich, 32,5 mal 42,4 Zentimeter groß, hängt nun wieder dort, wo es hingehört, in der Kunsthalle in Hamburg. Hier könnte ein spektakulärer Kriminalfall zu Ende gehen. Doch um das Bild ist ein bizarrer Rechtsstreit zwischen Edgar Liebrucks und der Kunsthalle entbrannt. Es geht um geraubte Kunst und darum, wie man sie wiederbekommt. Und es geht um eine viertel Million – das Lösegeld, das für die „Nebelschwaden“ bezahlt wurde.

Der Kunstkrimi beginnt im Jahr 1994, die Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt „Goethe und die Kunst“. Die Besucher drängeln sich vor allem um die Prunkstücke: Die Londoner Tate Gallery hat „Schatten und Dunkelheit“ sowie „Licht und Farbe“ des britischen Malers William Turner als Leihgaben geschickt, die Hamburger Kunsthalle die „Nebelschwaden“ von Caspar David Friedrich. Doch es interessieren sich auch andere für die Gemälde. In der Nacht des 28. Juli dringen Räuber in das Gebäude ein. Sie entreißen einem Wachmann die Schlüssel und stehlen die beiden Turners und die „Nebelschwaden“. Einige der Beteiligten werden gefasst, wer die Drahtzieher waren, ist ungeklärt. Man vermutet, dass es sich um die so genannte Jugo-Mafia handelte. „Die wussten jedenfalls sehr genau, was sie taten“, sagt Rechtsanwalt Liebrucks.

Edgar Liebrucks kam 1998 ins Spiel, besser gesagt kam ein Mitarbeiter von Scotland Yard in seine Frankfurter Kanzlei. Seit vier Jahren waren die Bilder verschollen, die Versicherungen hatten gezahlt. Die Tate Gallery wollte die Gemälde dennoch zurück, koste es, was es wolle. Die beiden Spätwerke Turners gehören zum englischen Kulturerbe, der High Court Ihrer Majestät hatte zur Wiederbeschaffung unkonventionelle Maßnahmen genehmigt, so eine Operation unter dem Decknamen „Kobalt“. Geleitet wurde sie von Detective Sergeant Rokoszynski, Undercover-Agent bei Scotland Yard, genannt „Rocky“. Er habe gehört, dass Edgar Liebrucks als Anwalt einen „sehr, sehr guten Ruf in der Unterwelt“ genieße, sagte Rocky, als er in Liebrucks‘ Büro stand. Ob er sich vorstellen könne, diese Kontakte für Scotland Yard spielen zu lassen.

Edgar Liebrucks ist 60 Jahre alt. Er ist ein ergrauter Mann, der langsam, aber bestimmt redet. Er trägt ein altmodisches Sakko und eine nicht dazu passende Krawatte, so eine verwuschelte Erscheinung kann man sich nur leisten, wenn man keinen Wert auf Äußerlichkeiten legen muss. Liebrucks stammt aus einer großbürgerlichen Familie, die Mutter war Bildhauerin, der Vater Philosophieprofessor. Liebrucks ist aufgewachsen mit humanistischer Bildung, Museumsbesuchen und Klavierspiel, mit jeder seiner Gesten strahlt er das Selbstverständnis einer Schicht aus, für die Kunst ein Teil des Lebens ist.

Wie es sich in einer solchen Familie gehört, wurde er Anwalt. Ein sehr gefragter. Liebrucks hat die ganz harten Leute verteidigt, Größen aus der Frankfurter Unterwelt oder einen Islamisten im Frankfurter Prozess um einen geplanten Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Straßburg. Im Gerichtssaal war Liebrucks durch sein energisches Auftreten aufgefallen. Er wollte seinen eigenen Anwaltskollegen vom Prozess ausschließen lassen, weil der angeblich vertrauliche Informationen an die Presse weitergegeben habe.

Das Angebot von Rocky nahm Edgar Liebrucks an. Die Sache habe ihn gereizt, sagt er, schon vom Juristischen her. Wie man einen solchen Auftrag legal über die Bühne bringen könne, ohne die Hintermänner misstrauisch zu machen. Die nennt er nur „die Leute“. Etwas Schelmisches blitzt in seinen Augen auf. Ein bisschen wollte er es den Kunsträubern auch beweisen. Dass er, der Kunstsinnige, es allemal mit ihnen aufnehmen konnte.

Liebrucks ging erst einmal auf Nummer sicher. Er ließ sich von der Staatsanwaltschaft zusichern, dass nicht gegen ihn ermittelt würde und dass er später ein Zeugnisverweigerungsrecht habe. Von dem macht er seither Gebrauch. Über die Hintermänner sagt er kein Sterbenswörtchen. Nur so viel: Er wurde von den „Leuten“ zu einsamen Waldlichtungen gebracht, dort verhandelte er mit ihnen.

Kunstwerke werden heutzutage kaum mehr geraubt, um sie weiterzuverkaufen. Viel aussichtsreicher ist es, Geld für ihre Rückgabe zu verlangen, „Art-napping“ nennt sich das. Wie beim Kidnapping ist man schnell in einer Zwickmühle. Zahlen die Museen, machen sie sich erpressbar und ermutigen Nachahmungstäter. Zahlen sie nicht, drohen Kulturgüter verloren zu gehen. Wie eben „Schatten und Dunkelheit“ aus dem berühmten Turner-Flügel. In Schatten und Dunkelheit, auf jeden Fall aber in einer rechtlichen Grauzone, verlaufen die meisten Rettungsaktionen. Die Tate Gallery etwa hatte eine hohe Summe auf ein deutsches Konto überwiesen – für allfällige Lösegeldzahlungen. Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt segnete den Transfer ab.

Liebrucks verhandelte gut. Auf einer Parkbank übergab er im Juli 2000 einen Geldkoffer und konnte wenig später Turner Nummer eins den Engländern aushändigen. Turner Nummer zwei war schwieriger. Zwischen den „Leuten“ und ihm ging es hin und her. Um Bewegung in die Sache zu bringen, zahlte Liebrucks den „Leuten“ als Vertrauensbeweis zwei Millionen Mark. Aus eigener Tasche und auf eigenes Risiko.

„Er war in einem erbarmungswürdigen Zustand“, sagt Hans Georg Graf Lambsdorff, ein Anwaltskollege und Freund, dem sich Liebrucks eines Tages anvertraute. Aber Liebrucks wollte die Sache durchdrücken. Im Dezember wurde er schließlich von zwei Hehlern in eine Waldhütte bei Offenbach geführt. Dort befand sich Turners „Licht und Farbe“, kurz vor Weihnachten 2002 übergab er es der Frankfurter Staatsanwaltschaft. Dann wurde das Gemälde per Sicherheitstransport nach England gebracht. Die Tate Gallery machte bei der Geschichte einen satten Gewinn. Die Versicherung hatte einst 24 Millionen Pfund gezahlt, für acht Millionen hatte die Tate Gallery später das Eigentum an den Turners wieder zurückgekauft. Blieben nach Abzug aller Spesen für die Operation „Kobalt“ umgerechnet 20 Millionen Euro. Edgar Liebrucks wurde nach London eingeladen und gefeiert.

Der Erfolg sei für Liebrucks „ein enormes inneres Erlebnis gewesen“, sagt Lambsdorff. Hans Georg Graf Lambsdorff, 74 Jahre alt, ist ein weißhaariger Herr, der aus einer anderen Zeit zu kommen scheint und Formulierungen wie „an jenem Tage“ verwendet. Eines Tages vertraute Liebrucks ihm ein Geheimnis an. In der Waldhütte hatte Liebrucks nämlich noch etwas anderes gesehen: die „Nebelschwaden“ von Caspar David Friedrich. Das Bild hat Caspar David Friedrich vermutlich 1820 in Dresden gemalt. Es zeigt eine Strohhütte, vor der ein Bauer mit seinem Ackerwagen sitzt. Der Vordergrund ist dunkel, die Landschaft dahinter düster. Krähen kreisen am Himmel und deuten Unheil an. Das ließ nicht lange auf sich warten.

Erst einmal war Lambsdorff jedoch Feuer und Flamme, den „CDF“, wie die beiden das Bild nannten, zurückzuholen. Im Beisein seines Freundes rief Liebrucks in Hamburg an. 30 Sekunden dauerte das Gespräch. Am Apparat war Tim Kistenmacher, der Geschäftsführer der Kunsthalle. „Geben Sie mir mal Ihre Nummer. Ich rufe Sie zurück“, sagte er.

Tim Kistenmacher ist ein verbindlicher Mann. Er wusste, dass sich das Museum nicht erpressbar machen dürfe und hatte nicht vor, Lösegeld zu zahlen. Doch auch er wollte das Bild zurück. Kistenmacher besprach sich mit der Staatsanwaltschaft Frankfurt. Die gab abermals grünes Licht, und Edgar Liebrucks hatte einen neuen Auftrag. Doch diesmal wollten „die Leute“ mehr, sie hatten in der Zeitung vom Deal der Tate gelesen. „Jetzt diktieren wir die Bedingungen“, sagten sie. 1,75 Millionen wollten sie, Liebrucks handelte sie auf 850 000 runter und holte sich ein Polaroid, das die „Nebelschwaden“ mit einer aktuellen Tageszeitung zeigte.

Mehrere Monate ging es hin und her. Die Kunsthalle versuchte, Liebrucks hinzuhalten, die Täter drohten, das Bild zu zerstören oder an einen Japaner zu verkaufen. Liebrucks und Graf Lambsdorff dachten, dass sie handeln müssten. Also sagten sie den „Leuten“ jetzt, die Kunsthalle würde eine halbe Million herausrücken. „Das war natürlich ein Trick, wir dachten, dazu sind wir moralisch berechtigt“, sagt Lambsdorff und kichert ein bisschen, es ist die Freude eines soignierten Herren, der die Halbwelt ausgetrickst hat.

Kistenmacher soll versprochen haben, zunächst einmal 250 000 Euro lockerzumachen. Ein Herr, der im Rat der Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Kunstsammlungen saß, wollte ihm unter die Arme greifen. Doch „die Leute“ wollten abermals Bares sehen, um Vertrauen zu fassen. Liebrucks fuhr in die Schweiz und lieh sich 250 000 Euro. In zwei Umschlägen brachte er das Geld über die Grenze. „Ich habe gelernt: Die Täter wollen einen Vorschuss. Aber die Kunsthalle wollte nicht im Voraus zahlen, also musste ich in Vorleistung gehen.“

Eines Tages im Sommer 2003 führte Liebrucks schließlich seinen Freund Lambsdorff zu seinem Auto. Auf der Rückbank lag Liebrucks‘ Anwaltsrobe, darunter lagen die „Nebelschwaden“. Wie er an das Bild gekommen ist, ist sein Geheimnis. Jedenfalls brachte es Liebrucks nach Hause, wickelte es in ein Handtuch und versteckte es in seinem Klavier. Dann rief er Kistenmacher an. Der druckste herum und sagte, nun müsse der Mäzen nur noch das Geld flüssig machen. Liebrucks solle sich in einer Woche wieder melden. Der wurde allmählich nervös. In seinem Klavier lag ein gestohlenes Meisterwerk, und „die Leute“ wollten das restliche Geld. Es kam noch schlimmer.

„Mäzen abgesprungen“, faxte Kistenmacher an Edgar Liebrucks. Die Stiftung hatte es sich anders überlegt. Auch die Kulturbehörde bedankte sich nicht bei Liebrucks, sondern beantragte eine Hausdurchsuchung, um das Bild beschlagnahmen zu lassen. Der Rechtsanwalt wollte das Bild so schnell wie möglich loswerden. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt winkte ab. Verzweifelt ging Liebrucks in die Frankfurter Schirn und drückte das Gemälde einem verdutzten Mitarbeiter in die Hand. „Nie wieder“, sagt Liebrucks heute. Als 2004 in Oslo „Der Schrei“ von Munch gestohlen wurde, sei er regelrecht in Panik geraten, dass man ihn fragen würde. „Ich bin heute noch in Schwierigkeiten wegen der Leute.“ Doch damit nicht genug: Die Kunsthalle bezweifelt seine Angaben, und Liebrucks muss sein Geld zivilrechtlich einklagen.

Der spektakulärste Kunstraub der deutschen Nachkriegsgeschichte hat ein sehr deutsches Ende. Im Hamburger Landgericht wird darüber gestritten, ob Liebrucks tatsächlich Geld vorstreckte. Bald steht wahrscheinlich die Frage im Raum, warum sich Liebrucks von den Kriminellen eigentlich keine Quittung habe geben lassen. Kurioserweise gibt es in dem Fall trotzdem viel Schriftliches, Faxe wurden versandt, Aktenvermerke angelegt. Der Richter ist nach zwei Prozesstagen der Meinung, dass Liebrucks im Recht ist. Er habe im Interesse des Museums gehandelt, die Kunsthalle habe den Eindruck vermittelt, sie sei zahlungswillig. Liebrucks wird seine Auslagen aller Voraussicht nach erstattet bekommen, wenn im Januar das Urteil fällt. „Immerhin ist das jetzt geklärt“, sagt Liebrucks und ruft sich ein Taxi. Was sich wirklich hinter dem Raub und der Rückgabe der „Nebelschwaden“ verbirgt, wird allerdings sein Geheimnis bleiben.

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