Zeitung Heute : Der Herr der Farben

Ozwald Boateng macht tadellose Anzüge – allerdings nicht in Anthrazit, sondern in Senfgelb oder Violett

-

Herr Boateng, Sie sind Jurymitglied bei WeltGewänder, einer Aktion, mit der die Deutsche Welthungerhilfe Designer und Stoffe aus Afrika, Asien und Lateinamerika fördern will. Verwenden Sie selbst Materialien aus Afrika oder Asien?

Nicht direkt, weil ich meine Stoffe meistens selbst entwerfe. Aber ich lasse mich davon inspirieren.

Der Herrenanzug ist die konventionellste aller Formen, aber sie benutzen sie anders als andere.

Stimmt, ich gebe etwas Altem ein sehr modernes Aussehen. Ungewöhnliche Farben und Stoffe verwende ich aus dem Gefühl heraus.

Spielt da Ihr kultureller Hintergrund eine Rolle?

Meine Eltern stammen aus Ghana, aber ich bin London geboren. Früher habe ich eine Verbindung zwischen meinen kulturellen Wurzeln und meiner Mode immer abgestritten. Mit 18 oder 19 fuhr ich dann zum ersten Mal nach Ghana und stellte fest, dass meine Art, Farben zu verwenden, ganz klar von dort kommt. Die Farbkombinationen – wow! Nirgendwo anders würden die funktionieren. Das ist einzigartig.

Welche zum Beispiel?

Ein schokoladenbrauner Anzug mit dünnen Nadelstreifen zu einem violetten Hemd und einer Krawatte in einem etwas helleren Violettton. Der richtige Farbton kann exquisit und sexy aussehen, mit dem falschen wird alles laut und aufdringlich. Farbnuancen sind sehr wichtig.

Ihre Anzüge werden von Stars wie Jude Law, Pierce Brosnan, Will Smith, Seal oder Mick Jagger getragen. Für welchen Mann machen Sie Ihre Entwürfe?

Jeder Mann auf der Welt sollte einen anständigen Anzug von Ozwald Boateng besitzen, deshalb stelle ich mir beim Entwerfen keinen bestimmten Mann vor. Die Anzüge müssen unabhängig vom Alter gut aussehen.

Auch unabhängig von der Figur?

Klar! Ich komme aus der Herrenmaßschneiderei. Der Schneider hat die Aufgabe, einen Mann so gut aussehen zu lassen wie er nur kann, ob er dick oder dünn, groß oder klein ist.

Aber könnte ein kleiner, dicker Mann in Pink nicht lächerlich wirken?

So lange die Farbtöne richtig aufeinander abgestimmt sind, kann man jede beliebige Farbe tragen. Meine Verwendung von Farbe wird oft missverstanden, aber ich sag´s nochmal: Auf die Nuancen kommt es an.

Im Sommer haben Sie Ihre erste Kollektion für die Herrenlinie des Pariser Modehauses Givenchy vorgestellt. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Wenn man für ein solches Haus arbeitet, muss man dessen Tradition respektieren, die in diesem Fall von Hubert de Givenchy verkörpert wird. Ich habe auf seinen Sound gehorcht und mich danach gerichtet.

Was ist der Hauptunterschied zwischen Ihrer Kollektion und der für Givenchy?

Die französische Männermode besitzt keine klare eigene Identität. Ich habe versucht, moderne Kleidung zu entwerfen, aber sie sieht nicht besonders französisch aus. Meine eigene Kollektion steht dagegen eindeutig in der englischen Schneidertradition.

Sie richten sich also nicht nach Trends?

Nein, noch nie. Ich suche neue Wege, um mit interessanten Farben und Details eine alte Tradition fortzuführen. Deshalb bin ich in die Savile Row gezogen.

Dort sind seit Jahrhunderten die besten Herrenmaßschneider des Vereinigten Königreichs ansässig. Haben sie sich mittlerweile an Ihre Nachbarschaft gewöhnt?

Anfangs waren sie nervös. Aber ich habe der Straße sehr gut getan, neue Kundschaft angezogen und die Savile Row in der ganzen Welt bekannt gemacht. Letztendlich bin ich der Motor der Straße, das müssen sie anerkennen, ob sie wollen oder nicht.

Ziemlich cool, das von sich sagen zu können, oder?

Wissen Sie, ich lerne immer mehr, die Dinge beim Namen zu nennen, in Worten wie in der Mode. Ohne klare Definitionen geht nichts.

Was planen Sie für die Zukunft ?

Zuallererst gehe ich nach Hause. Durch den Abend hier in Berlin verpasse ich einen Auftritt meiner Tochter bei einer Weihnachtsaufführung. Das tut mir total Leid, sie ist keine fünf Jahre alt. Aber wenn man selbst Kinder hat, denkt man an andere Kinder, die hungern. Wenn man dagegen etwas tun kann, macht man das einfach.

Das Gespräch führte Susanna Nieder

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar