Zeitung Heute : Der Herr der Herde

Frei waren die Hirten früher, heute ist ihr Lehnsherr die Bürokratie. Verordnungen, Straßen, Schienen – für sie ist die moderne Welt voller Barrieren. Wilfried Vogel ist Schäfer, einer der letzten. Ist er ein Anachronismus?

Annette Kögel[Dolgelin]

„Ringsum stehen auch Schafe – sie schämen sich unser nicht, und auch du sollst dich nicht der Schafe schämen, göttlicher Dichter; sogar der schöne Adonis hat am Fluß Schafe gehütet.“

(Vergil: Bucolica, Hirtengedichte)

Die Menschen mögen den Schäfer selbst dann, wenn er die Autobahn blockiert. Im strengen Winter des Jahres 1967 war es, Lehrling war er damals noch, da war er mit seiner Herde unterwegs nach Rüdersdorf und stapfte durch kniehohen Schnee. Er verzweifelte bald, so kalt war ihm. Also ist er mit seinen Tieren einfach raufgelaufen auf die Autobahn, hat sich mit den Hunden eine eigene Spur abgesperrt und ist auf dem kürzesten Weg nach Hause. Die Leute in den Wagen hupten ihm zu und grüßen freundlich. Zumindest daran hat sich bis heute nichts geändert.

Hier draußen im Oderbruch nahe dem kleinen Ort Dolgelin gehen die Autofahrer gern auf die Bremse, wenn Wilfried Vogel mit seiner Herde die Landstraße überquert; nie macht einer ein böses Gesicht. Vielleicht ist es so, dass man ihm zuschaut, dem langsamen Zug der Lämmer, und denkt, wie anders das Leben sein könnte. Schäfer, das sind die Sympathieträger unter den Berufstätigen der Welt. Die Schäferlyrik ist alt, es gab sie schon vor Christi Geburt, im antiken Griechenland. Um 250 vor Christus schuf der Hellene Theokrit aus Hirtengesängen die bukolische Dichtung. Nach dem griechischen Wort Bukólos, der Rinderhirte.

Vögel zwitschern, Hunde bellen, ab und an blökt ein Schaf. Schäferidyll. Wilfried Vogels Handy klingelt. Seine Frau, sie sagt, er habe am Nachmittag einen Arzttermin. Eine Routinevisite; in den 54 Jahren seines Lebens war Vogel selten krank, sein Körper ist kräftig durch die Arbeit bei Wind und Wetter, von minus 20 bis plus 35 Grad. Heute wärmt ihm die Frühlingssonne den Rücken. Er sagt: „Wenn die Leute uns Schäfer draußen so sehen, denken sie, wir vertreten uns im Grünen nur die Beine.“ Dabei hat Vogel immer zu tun, auch wenn es gerade nicht so aussieht. Wenn er sich auf seinen Hirtenstab stützt, den mit der Schaufel zum Wurzelausgraben und dem Haken zum Viehhalten, und in die Weite schaut, dann denkt und plant er wie ein Manager: Was ist noch am Stall zu machen? Welche Hütehunde bilde ich als Nächste aus? Welche Schafe soll ich verkaufen? Und: Wie schaffe ich bloß den ganzen Papierkram?

Denn der wird immer mehr, klagt Vogel, seit die Landwirtschaft EU-weit aus Brüssel gesteuert wird. Der Schäfer, ein Anachronismus? Wilfried Vogel und die moderne Zeit – ist das überhaupt noch kompatibel?

Der Schäfer nennt die EU „die Obrigkeit“. Die Obrigkeit denke sich da „einen Quatsch aus“, sagt er. Also hat Vogel kürzlich, das war Ende März, den Hirtenstab eingepackt und hat ihn mitgenommen zur Demo unterm Brandenburger Tor in Berlin. Hunderte Kollegen aus ganz Deutschland waren da mit Bussen und Viehtransportern und hatten an improvisierten Koppeln Stellung bezogen. „Die Politiker sollen sehen, dass wir ganze Männer sind und für unsere Rechte einstehen“, sagt Wilfried Vogel. Er trug auch seine Schäferweste. 52 Knöpfe sind daraufgenäht – für 52 Arbeitswochen im Jahr.

„Beginnt mit eurem Vortrag, da wir uns nun im weichen Grase niedergelassen haben und jeder Acker, jeder Baum Früchte verspricht. Jetzt grünen die Wälder, jetzt ist das Jahr am schönsten.“

Jetzt, im Frühling, ist die Zeit, in der die Schäfer am meisten zu tun haben: im Stall, beim Hüten, auf den Koppeln, am Schreibtisch. Dieser Tage werden viele Lämmer geboren, und Jungschafe müssen für den Osterbraten zum Schlachter. Wilfried Vogel geht morgens um halb sieben in den Stall, die Mutterschafe und Lämmer in den Buchten füttern, mit Heu und Stroh und Kraftfutter, mit Roggensilage und Süßlupinen. Lieber hätte Vogel die Tiere auf der Weide stehen, das kostet ihn kein Futter: „Draußen zieht der liebe Gott sie groß.“ Doch Mutterschafe und Lämmer müssen im Stall ein paar Tage eng beieinander bleiben, damit sie sich später in der Herde durch Mäh-Laut und Geruch wiederfinden. Jedoch, und da fährt ihm die EU schon das erste Mal dazwischen: Künftig dürfen die deutschen Schäfer die Muttertiere und ihren Nachwuchs nicht mehr in Viehhängern oder auf anderen Fuhrwerken herumfahren, so sieht es die neue Viehtransportverordnung der EU vor, obwohl doch kein Lamm die Strecken zwischen Koppel und Stall auf eigenen Beinchen schafft. Trotzdem: kein Transport. Aus Tierschutzgründen. Man will die Übertragung von Tierseuchen verhindern und Verletzungen und Stress vermeiden. „Doch wenn wir Schäfer das Transportverbot befolgen, verstoßen wir gegen Tierschutzgebote“, sagt Jan Greve, Vorstandsmitglied der Vereinigung deutscher Landesschafzuchtverbände. „Dann verwaisen die Jungtiere auf der Koppel, und Kolkraben und Füchse holen sie.“

Der Kreislauf von Leben und Tod, das ist sein Beruf, sagt Wilfried Vogel. Und trotzdem kann er manche Tiere besser leiden als andere. „Eine gute Mutter. Oder überragende Tiere, mit mächtigen Ohren und großem Kopf, die gefallen mir vom Typ her.“ Er lässt seinen Blick über die Koppel schweifen. 400 Schafe grasen hier. Alle seine. Die Leittiere erkennt er auch im größten Gewimmel sofort.

Um ganz nah bei seinen Tieren zu sein, hat Vogel das Haus für die Familie direkt neben den Stall in Dolgelin gebaut. Im Garten trocknen Schafsfelle auf der Leine, im Hobbyraum im Keller hängt ein Schafskalender. Urlaub hat er seit der Wende nicht mehr gemacht, war nur manchmal mit dem Schafzuchtverein unterwegs. „Was soll ich am Ballermann, da fahre ich lieber zum Kollegen nach Bayern, und wir quatschen gemütlich dusselig über Schafe.“ Vogel kam über seine Liebe zu Hunden zum Beruf. „Als Kind habe ich oft einen väterlichen Freund besucht, der hatte Hunde und war Schäfer.“ Heute züchtet er selbst, auch Hütehunde. Altdeutsche Füchse, mit rotem Fell und viel Temperament. Kaum hat er die Hunde aus dem Zwinger gelassen, springen sie in den Kofferraum des alten Daimler. Klappe zu. Drinnen knurren sie sich an. „Ruhe“, ruft Vogel. Über Stock und Stein geht es in der Straßenlimousine von Koppel zu Koppel, er hat da Wegerecht.

Früher hat Wilfried Vogel seine Schafherden selten auf Koppeln abgestellt, da hatte er noch Muße zum Ziehen, wie es heißt, wenn der Schäfer und seine Herde über Land wandern. Aber was einst Sinn und Inhalt des Berufs war, das ist heute zum Luxus geworden. Schafhirten wurden jahrhundertelang beneidet, weil sie keine Leibeigenen waren, sondern unabhängig vom Lehnsherren. Die Leute in den Dörfern freuten sich über ihre Ankunft, auch weil die Schäfer Neuigkeiten brachten. Schäferstündchen nannte man es, wenn die Männer in der Kneipe beieinandersaßen und der Hirte Post und Grüße überbrachte; später wandelte sich die Bedeutung ein wenig.

Doch Wilfried Vogel, ihr Nachfahr, muss heutzutage mit seiner Zeit haushalten, und sein Lehnsherr ist die Bürokratie.

Von seinem Hof aus zieht er nun höchstens 50 Kilometer weit, am Tag schafft er zehn. Früher haben Schafhirten bei solchen Märschen noch in Schäferkarren übernachtet. Manche Kollegen schlafen heute in Campingmobilen, sagt Vogel. Er selbst lässt sich abends immer abholen. Ist schon anstrengend genug, das Wandern. Durch Ortschaften läuft er ungern, da gibt es nur Ärger mit den Behörden wegen der Schafsköttel. Über viele Straßen kann er nur noch ziehen, wenn Kollegen mit Warnwesten sie absperren, das muss aus Versicherungsgründen so sein. Und dann die vielen Schienen. Da darf man eigentlich nicht rüber, aber manche Schäfer queren eingleisige Strecken trotzdem.

Seine Wanderrouten legt Wilfried Vogel langfristig fest, denn er darf mit seinen Tieren nicht einfach irgendwohin wandern und sie knabbern lassen, was gerade wächst. Er stellt Bauern Saatgut zur Verfügung, über den Winter bauen sie dann Futterroggen für ihn an. Vogel zieht mit seinen Herden auch in die Naturschutzgebiete. Das Umweltamt zahlt ihm Geld dafür, dass er mit Schafen und Ziegen Deiche abweidet. Denn Tiere machen nicht wie Mähmaschinen alles rücksichtslos platt. Schafe sind so sensibel, die achten sogar auf Vogelgelege am Boden. Das macht den Schäfer ehrfürchtig. Anderes nicht. Die Neuerungen der Brüsseler Viehverkehrsverordnung zum Beispiel.

Derzeit müssen sich Schäfer ordnungsgemäß beim Veterinär eines Kreises anmelden, wenn sie in sein Gebiet ziehen. Doch das Landwirtschaftsministerium will bei der 9. Auflage der EU-VVVO noch draufsatteln. Künftig sollen Landwirte auf der Walz jeden einzelnen Übertritt über eine Gemeindegrenze an- und abmelden. „Woher soll ich wissen, wo die Gemeindegrenze genau verläuft“, sagt Vogel und deutet in die Weite. Viele Schäfer ziehen täglich über mehrere Gemeindegrenzen. „Was wir alles beachten sollen! Dann hänge ich ja nur noch am Handy.“

5000 Schäfer gibt es noch in Deutschland, die wie Vogel von der Schafzucht leben. Ihm gehören 1000 Mutterschafe, er mag die Merino-Landschafe, die sind robust, können schnell und lange laufen und geben viel hochwertiges Fleisch. Seine Böcke lässt Vogel die Schafe so decken, dass er auf drei Lammzeiten im Jahr kommt, so verdient er übers ganze Jahr Geld und nicht nur zu Ostern.

380 Mutterschafe haben im letzten Herbst 550 Lämmchen geworfen. Und doch ist es nicht das große Geschäft. Für das Kilo Schafsfleisch verlangt Vogel ein Euro 80. Der Deutsche isst im Jahr aber auch nur durchschnittlich 1,1 Kilo Lammfleisch – die Briten kaufen zum Beispiel 6,2, die Griechen sogar 13,5 Kilo. Trotzdem schafft Vogel die Arbeit nicht allein. Zur Schäferei gehören drei Angestellte, darunter zwei Schwiegersöhne. Rund 1100 Euro netto verdient so ein Angestellter in der Schafwirtschaft. Haus, Stall, Geräte, Wagen – längst ist nicht alles abbezahlt.

Schäfer stehen bei den Landwirtschaftsberufen am unteren Ende der Einkommensskala, sagt Zuchtverbandsfunktionär Jan Greve. Kein Wunder, dass es nur noch rund 60 Lehrlinge gibt hierzulande, auch Vogel bildet einen aus. „Was wir machen, grenzt an Selbstausbeutung.“ Ohne Subventionen könne keiner überleben, und doch werde weiter gestrichen.

„Ich habe zu Hause einen Vater und dazu noch eine ungerechte Stiefmutter. Zweimal täglich zählen beide das Vieh, einer von ihnen sogar die Zicklein.“

Das Markieren der Tiere, das sei auch so seine Sache, schimpft Vogel. Über Hunderte Jahre haben Schäfer einfach das linke Ohr ihrer Tiere gekerbt. Eine Kerbe unten bedeutete drei Jahre, eine oben ein Jahr. Kerben ist nun verboten, aus Tierschutzgründen. Dann mussten die Schäfer jedem Tier eine Ohrmarke mit einer Betriebskennung setzen, bevor sie es verkauften. Und nun, nach der neuesten EU-Vorschrift, muss man dem Tier links und rechts eine Marke durchs Ohr schießen – mit einer sehr langen individuellen Kennziffer. Diese Ohrmarken eitern oft heraus. „Oder die Tiere reißen sie sich an Zäunen oder in Büschen raus und tun sich weh“, sagt der Schäfer. Und außerdem werde das neue System zum Verbraucherschutz nicht funktionieren, ergänzt Lobbyist Jan Greve. „Aus welchem Stall Tiere kommen, findet man nur nach aufwendiger Recherche über eine zentrale Datenbank heraus.“ Das System sei unpraktikabel, arbeitsaufwendig und fehleranfällig.

„Haltet von dem Vieh die Hitze der Sonnenwende fern! Schon naht die sommerliche Dürre, schon schwellen an der geschmeidigen Rebe die Knospen.“

Noch etwas kommt auf die deutschen Schäfer zu, und das kann keine EU-Vorschrift allein stoppen. Die Klimakatastrophe. Künftig müssen angesichts der zunehmenden Versteppung mehr Rassen gezüchtet werden, die mit kargen Böden und Trockenrasen auskommen, das weiß auch Wilfried Vogel. Seine Merino-Landschafe brauchen viel Grün. Geschlachtet werden die Lämmer mit 35 Kilo, und dann per Bolzenschuss mit oder ohne Stromschlagbetäubung. Weil das bei den kleineren deutschen Herden anders als etwa bei den riesigen in Neuseeland schneller geht, enthalte das Fleisch weniger Angstadrenalin. Trotzdem wird nur die Hälfte des Bedarfs aus einheimischer Produktion gedeckt.

Wenn Vogel mal ins Restaurant geht, bestellt er gerne Lammbraten, einfach um zu gucken, ob gutes Fleisch geliefert wurde. „Zu Hause esse ich am liebsten Eisbein.“ Noch ist aber keine Zeit für eine Pause. Die Koppel ist abgegrast, Zeit zum Weiterziehen. Der Schäferlehrling stellt den Reizstromgenerator aus und rollt den Zaun ein. Auch der ist nach EU-Norm gefertigt.

„Komm, Olle, komm“, ruft Vogel, das Signal. Er pfeift, die Schafe blöken. „Kommollekommollekomm!“ Staubwolken steigen auf, die Tiere strömen zusammen, rasant, als zöge sie etwas an, der Herr der Herde, ein uralter Anblick.

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