Zeitung Heute : Der Herr der Ringe

Pierre de Coubertin wird als Vater der modernen Olympischen Spiele gefeiert. Durch sie sollte die Welt besser werden. Dabei fanden die ersten Spiele

Cornelia Heim

in Athen gegen seinen Willen statt. Auch danach lief vieles anders als von ihm erhofft.

Man kann, was man will, wenn man es nur lange genug will.” Pierre de Coubertin war ein überaus gewiefter Taktiker. Und strategische Fähigkeiten brauchte der Erneuerer der olympischen Spiele, um seine Idee gegen die Widerstände der Zeitgenossen durchzuboxen: „Ich hatte mich in ein Abenteuer eingelassen, von dessen augenblicklichem Gelingen ich keineswegs überzeugt war.” Am Ende wurde die Idee ein voller Erfolg. Nur nicht für ihn. „Coubertin”, sagt der Sporthistoriker Manfred Lämmer, Leiter des Instituts für Sportgeschichte an der Sporthochschule Köln, „ist auch eine tragische Figur.”

Der französische Baron und die „Spiele“ – ein Drama in fünf Akten: Coubertins persönliche Olympia-Tragödie beginnt bereits mit dem Prolog – oder der Frage, wie, wann und wo es zu der Premiere der ersten neuzeitlichen Spiele kommen sollte: Vehement kämpfte er beim Gründungskongress des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) für Paris und das Jahr 1900. Nie hatte er vor, die Olympia-Premiere getreu des antiken Vorbilds auf hellenischem Boden austragen zu lassen. Herausgekommen ist aber genau dieses: Athen 1896.

Unter einem Vorwand hatte Coubertin internationale Sportführer am 23. Juni 1894 ins Amphitheater der Pariser Sorbonne geladen. Zur Debatte standen die Amateurbestimmungen im Sport, so hieß es jedenfalls in seiner Einladung. Der wirklich wichtige Punkt war der letzte, Punkt acht der Geschäftsordnung. Dort hatte er die Wiederaufnahme der Olympischen Spiele versteckt. Seit zwei Jahren hatte der damals noch nicht einmal 30-Jährige dafür geworben, erfolglos. Jetzt, und er staunte selbst, gab es keine Widerworte. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wurde gegründet, und Coubertin sollte von 1896 bis 1925 dessen Präsident sein. Trotz dieses Erfolgs klagte Coubertin schon bei der konstituierenden Sitzung: „Kein Mensch hatte mich verstanden.” Schlimmer noch: „Es war ein vollkommenes absolutes Unverstehen, das damals anfing und lange dauern sollte.”

Pierre de Coubertin wurde auf Schloss Coubertin in der Nähe von Versailles geboren. Er war das dritte von vier Kindern und soll ein fröhlicher Junge gewesen sein. Anders als in adligen Kreisen üblich, wählte der junge Mann keine militärische Laufbahn. Stattdessen studierte er Jura und Philosophie an der Pariser Sorbonne, interessierte er sich sehr für Pädagogik. Dieses Interesse führte ihn zu Studien nach England. Von dort brachte der von Statur eher kleine, aber wohl drahtige Mann sein Faible für den modernen Sport und das britische Bildungswesen mit. Ausprobiert hat er fast alles, was seinerzeit in war: neben Fußball auch Tennis, Laufen oder Rudern. Und so entwickelte er seinen olympischen Traum von einem großen Sportfest mit pädagogischem Anspruch. Ein Traum, dem er alles unterordnete, seine Zeit, beträchtliche Teile seines Privatvermögens und damit wohl auch seine Ehe – sie soll nicht besonders glücklich gewesen sein.

Vermutlich war der Baron schlicht zu modern für seine Zeit. Humanismus und griechische Antike standen damals im Bildungsbürgertum hoch im Kurs. Auch Coubertin sah im antiken Sportler ein anzustrebendes Ideal. Den Hellenismus gedachte der Reformer aber nur als äußere Form zu übernehmen, ihn mit neuen, modernen Inhalten zu füllen.

Der olympische Vorhang sollte sich deshalb nach seinem Willen zur Jahrhundertwende im Jahr 1900 öffnen. Just dann, wenn Paris zur ersten Weltausstellung einladen würde, wollte er auch die Jugend der Welt zum sportlichen Fest beherbergen. Der gebildete Aristokrat ging schließlich mit seiner Zeit, in der sich der politische Blick erstmals auf die ganze Welt zu weiten begann – und die ersten Schritte zur Globalisierung gemacht waren. Transatlantische Telegrafenkabel verbanden die Kontinente, neue leistungsfähigere Maschinen versprachen höhere Geschwindigkeiten. Schließlich sollten auch seine Spiele erstmals und entgegen der Tradition des Altertums internationale Spiele werden. „Von den Völkern verlangen, sich gegenseitig zu lieben, ist eine Art Kinderei; sie aufzufordern, sich zu achten, ist keine Utopie; aber um sich zu achten, muss man sich zunächst kennen.”

Hätte es da ein besseres Signal für den neuen weltumspannenden und friedensstiftenden Charakter der Spiele geben können als der Rahmen einer Weltausstellung? Aber das Missverstehen hielt an. Und der griechische Abgesandte stahl ihm gleich am Gründungstag des IOC die Show. Demetrius Bikelas wurde nicht nur zum allerersten Präsidenten der modernen Olympia-Bewegung (1894 bis 1896), er machte auch Coubertins Idealvorstellung von einem Olympiastart in seiner Heimatstadt zunichte. Dessen schlagendes Argument: Man müsse schließlich an der Stätte anknüpfen, wo die Spiele im Jahr 394 von Kaiser Theodosius wegen der Anbetung heidnischer Götter verboten wurden – im antiken Olympia. Und so wurde es zur tiefen Enttäuschung Coubertins beschlossen.

1896, Athen, der erste Akt: Klein und beschaulich ging es los am 6. April. Ostermontag, der griechische König Georg I. erklärte nach der heute immer noch gültigen Formel die ersten Spiele der neuen Zeitrechnung für eröffnet. Ein Kanonenschuss, Tauben, die vom Panathenaikon Stadion aus in die Lüfte entschwebten, Chöre, die eine Kantate schmetterten. „Das Werk trat in die Geschichte ein”, wie Coubertin als einer der geladenen Gäste später in seinen Erinnerungen verzeichnete. Doch mit der gesamten Last-minute-Organisation der Spiele hatte ihr Spiritus Rector nichts zu tun. Wegen der Terminverschiebung von 1900 auf 1896 war die Vorbereitungszeit sehr knapp und Coubertin nur einmal vorab nach Athen gereist. Weder bei Ablauf noch Inhalt, zum Beispiel des Zeremoniells, wurde seine Stimme gehört. Daran sollte sich auch künftig nicht viel ändern: Nur die später entwickelte olympische Flagge mit den fünf ineinandergreifenden Ringen, Sinnbilder der fünf Kontinente, stammt von ihm, die meisten anderen rituellen Elemente – Olympischer Eid (1920), Olympisches Feuer (1928), Fackellauf (1936) – sind ohne Mitwirken des Initiators peu à peu hinzugekommen.

Auch die Siegerehrung bei der Premiere war nicht seine Idee: 1896 erhielt der Erste einen Ölzweig und eine Silbermedaille, der Zweitplatzierte eine Kupfermedaille, der Dritte nichts. Knapp 300 Männer aus 14 Ländern maßen sich zehn Tage lang in neun Sportarten: Leichtathletik, Fechten, Schwimmen, Turnen, Radsport, Schießen, Ringen, Gewichtheben und Tennis. Die Begeisterung der etwa 700 000 Zuschauer vor Ort war zwar riesig, Coubertin notierte in seinen „Erinnerungen“: „Ganz Griechenland war bis ins Innerste von diesem Schauspiel erschüttert. Es vollzog sich eine Art moralischer Mobilisierung.” Von weltweiter Euphorie war 1896 allerdings noch nicht viel zu spüren: kaum Berichterstatter, kaum internationale Zuschauer. Die ersten Spiele fanden unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit statt. Im Grunde, so Sporthistoriker Lämmer, „waren die ersten olympischen Spiele der Neuzeit nichts anderes als eine Fortsetzung der panhellenischen Spiele, welche die Griechen bereits vier Mal in diesem Jahrhundert veranstaltet hatten.”

Vier Jahre später dann endlich des Barons Spiele in Paris – und der zweite Akt: Eigentlich ja seine Wunschkonstellation, aber was für ein persönliches Desaster. Pierre de Coubertin trat bei diesem olympischen Heimspiel überhaupt nicht auf die Bühne. „Seine” Spiele schleppten sich über sechs Monate lang hin, völlig zerfasert als Nebenprogramm der Expo. Athleten wussten oft nicht, ob sie nun an einem olympischen Wettkampf teilnahmen, und erst Monate später wurden die Medaillen an die Sieger verschickt, per Post. Coubertin wurde bei diesen „seinen” Herzensspielen kein einziges Mal namentlich erwähnt.

Wie unerträglich mühsam gestaltete sich der Aufbau seiner visionären „Traumstadt Olympia”. Coubertin war ja nicht in erster Linie Sportler, dem es einfach um „irgendein internationales Championat“ ging. Nein, dem Pädagogen schwebte „ein wahres Fest für die Jugend der ganzen Welt” vor. Sport war für ihn lediglich das Medium, seine erzieherischen Ziele zu transportieren – und die olympischen Spiele nur das Mittel, diese Ziele auf eine breite, weltweite Basis zu stellen. Sport in seiner modernen Ausprägung, wie er Ende des 19. Jahrhunderts von der britischen Insel auf den Kontinent herüberschwappte – mit dem ganz neuen Wettkampf- und Leistungsgedanken anstelle von Erholung und Gesundheitsbewahrung – entsprach genau den Vorstellungen des Reformers, der im Sport ein Mittel zur körperlichen und geistigen Vervollkommnung des Menschen sah: „die Vermählung von Muskel und Geist”. Vernichtend daher Coubertins Urteil über „seine“ Spiele von Paris: „ein chaotischer und gewöhnlicher Jahrmarkt”.

Dritter Akt: Wieder ein Affront. Zum zweiten Mal in kurzer Zeit düpierten die Griechen den geistigen Vater des Olympiafestes, indem sie 1906 einfach zur 10-Jahres-Feier „ihrer” Spiele einluden und damit den von Coubertin installierten Vier-Jahres-Turnus durchbrachen. Um so schlimmer für den Baron: Diese Zwischenspiele wurden auch noch ein Erfolg. Kein Wunder nach dem Desaster der so gut wie nicht beachteten Spiele von 1904 in St. Louis: von 544 Teilnehmern waren 431 Amerikaner. Coubertin war gar nicht erst angereist, sein Protest dürfte sich vor allem gegen das Eingreifen des amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt gerichtet haben. Ursprünglich hatte Chicago den Zuschlag erhalten, Roosevelt fand, sie passten besser zur Expo in St. Louis, die Spiele gerieten erneut zum Nebenprogramm.

1906 gilt Sporthistorikern, trotz der abermaligen Brüskierung Coubertins, wegen des überraschenden internationalen Interesses für die griechischen „Schattenspiele“ als der eigentliche Durchbruch des olympischen Gedankens, der dann vor allem 1912 in Stockholm seine Entfaltung fand: 16 Jahre nach der Wiederaufnahme der Spiele waren erstmals alle fünf Kontinente vertreten. Zur Abwechslung war auch Coubertin vor Ort – und gewann unter dem Pseudonym Georges Hohrod und M. Eschbach mit seiner „Ode an den Sport” im olympischen Kunstwettbewerb die Goldmedaille. „Olympische Spiele”, sagt Sporthistoriker Lämmer, „waren für Pierre de Coubertin nur ein Mittel zum Zweck, für all seine Nachfolger wurden sie zum Zweck selbst”. Und Fakt ist: So viel Zustimmung wie seine Adepten hat Coubertin Zeit seines Lebens nicht erfahren.

So mochte Coubertin in seinen späten Jahren kaum mehr am olympischen Fest teilnehmen. Olympia war ihm aus dem Ruder gelaufen. Vierter Akt: 1925 in Prag trat der damals 62-Jährige zum Erstaunen aller von seinem Posten als IOC-Präsident, den er immerhin 29 Jahre innehatte, zurück. Der Grund: 1928 bei den Spielen in Amsterdam sollten erstmals Frauen in der Leichtathletik zugelassen werden. Das ging dem alten Baron völlig gegen den Strich, denn „der olympische Held” war und blieb für ihn ausschließlich, „der männliche Einzelkämpfer”, den er zum „Priester und Diener der Religion der Muskelkraft” stilisierte. Frauen sprach er allenfalls die Rolle zu, die sie auch im Altertum eingenommen hatten: als schönes Accessoire beim Bekränzen der Sieger.

Nach seinem Rücktritt ließ sich Pierre de Coubertin konsequenterweise und desillusioniert bei olympischen Spielen nicht mehr blicken. Seine Abschiedsrede schloss er mit den später viel zitierten prophetischen Worten: „Markt oder Tempel! Die Sportsleute haben zu wählen. Sie können nicht beides wollen, sie müssen sich für eines entscheiden. Sportsleute wählet!”

Die Olympischen Spiele befanden sich stets im Wandel. Paradoxerweise steht Coubertin aber heute für die Reinheit der Spiele, die er selbst auch nie erlebt hat. Trotzdem, oder gerade deshalb, hat er sie überdauert – und dies ist wohl sein Lebenswiderspruch: dass er posthum auf jenen Sockel gestellt wurde, den ihm seine Zeit nie gezimmert hätte. Indes, sein historischer Verdienst bleibt bei allen Niederlagen unbestritten. Ihm war es gelungen, entgegen aller antiken Traditionen Olympia auf drei unverrückbare Säulen gestellt zu haben: 1. Internationalität, 2. den Beitrag der Spiele zum Weltfrieden und 3. eben das Motto: Teilnehmen ist wichtiger als Siegen.

Vielleicht auch deshalb trägt der fünfte und letzte Akt den Charakter eines Vermächtnisses. Coubertins sterbliche Überreste wurden 1937 in Lausanne beigesetzt, dem Sitz des Internationalen Olympischen Komitees; sein Herz aber ruht in einer Marmorsäule in Olympia. Dieser letzte Wille steht für das Leben des Pierre de Coubertin – hatte der Baron doch buchstäblich sein ganzes Herzblut (nebst Vermögen) in seinen olympischen Traum gesteckt: „Das Wichtigste im Leben ist nicht der Triumph, es ist der Kampf; das Wesentliche ist nicht gesiegt, sondern sich wacker geschlagen zu haben.”

DAS KOMITEE

Mitglieder des internationalen Olympischen Komitees auf einem Foto von 1898. Ganz links steht der deutsche Vertreter Willibald Gebhardt, rechts neben ihm Pierre de Coubertin. In der Mitte sitzt Demetrius Bikelas, erster Präsident des IOC.

TAUZIEHEN

In Athen traten die Leichtathleten zum Tauziehen an. 1920 wurden zum letzten Mal in dieser Disziplin Medaillen vergeben.

DIE MEDAILLE

Gold gab es keines in Athen, der Sieger eines Wettbewerbs bekam Silber, der zweite Kupfer, der dritte nichts.

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