Zeitung Heute : Der Herr nimmt es den Seinen

Martin Gehlen

150 Millionen Euro im Minus: Was im Erzbistum Berlin passiert ist, hat in der deutschen Kirchengeschichte keine Parallele. Nie zuvor sind ein Bischof und seine führenden Mitarbeiter mit Geld so leichtfertig umgegangen, wie die Katholiken der deutschen Hauptstadt nach der Wende. Mit vielen guten Absichten ging man in die neue Zeit. Man müsse die Zeichen der Zeit erkennen, in die Zukunft der Kirche investieren, Neues anpacken und dem Leben der Gemeinden nach einem halben Jahrhundert deutscher Teilung neue Impulse geben, hieß es damals. Aus dieser euphorischen Aufbruchszeit übrig geblieben ist ein gigantischer Schuldenberg, der nun mühsam bis weit in das nächste Jahrzehnt hinein abgetragen werden muss. Um ein totales Desaster abzuwenden, sind die anderen 26 deutschen Diözesen mit 50 Millionen Euro Soforthilfe eingesprungen. Formal ist das Geld ein zinsloser Kredit, de facto jedoch wissen die Oberhirten, dass sie das Geld nie wiedersehen werden.

Gleichzeitig macht der Rückgang bei den Kirchensteuern durch Steuerreform, schwache Konjunktur, Arbeitslosigkeit und Austritte allen Bistümern zunehmend zu schaffen. Viele haben jetzt harte Sparrunden angekündigt, um nicht eines Tages ähnlich wie Berlin tief in der Schuldenfalle zu sitzen. „Man muss rechtzeitig bremsen, damit man nicht auffährt“, mahnte darum auch der scheidende Kölner Generalvikar Norbert Feldhoff, Finanzchef der mächtigsten Diözese in Deutschland. Nur wer beizeiten schmerzliche Einschnitte beschließe, der werde nach dem Sparprogramm nicht ein völlig anderes Bistum haben.

Worte, die für Berlin zu spät kommen. Denn im Bistum der deutschen Hauptstadt wird in den nächsten Jahren vermutlich kaum ein Stein auf dem anderen bleiben. Bis zu zwei drittel aller Mitarbeiter müssen gehen. Viele Bereiche der Seelsorge, beispielsweise für Ausländer, Gefangene, Kranke oder Studenten, werden stark eingeschränkt oder ganz verschwinden. Auch den Pfarrgemeinden steht ein Jahrzehnt bevor mit harten Einschnitten und ständigen Spardebatten, die auf Motivation und Stimmung drücken. Und das Erzbistum wird schon bald auf der Suche nach weiteren Geldmitteln andere Tätigkeitsfelder zur Disposition stellen, die bisher relativ ungeschoren geblieben sind – die Arbeit der Caritas, die Zahl der Kindergärten, den Religionsunterricht sowie die kircheneigenen Schulen und Hochschulen.

Das Berliner Bistum ist hoch verschuldet. Was kostet uns die Pleite?

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!