Zeitung Heute : Der Himmel über Jerusalem

MALTE LEHMING

Von einem "Erdbeben", einer "Revolution", einem "Sieg der geistigen Gesundheit" sprechen die Anhänger des neuen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak.Lea Rabin, die Witwe des 1995 ermordeten Jitzhak Rabin, sagt, daß sich in der Nacht auf Dienstag "der Himmel wieder geöffnet hat".Und Shimon Peres, der vor drei Jahren knapp gegen Benjamin Netanjahu verloren hatte, wittert bereits das Paradies: "Wir werden aufwachen in einem anderen Israel." Solche Sätze künden von Optimismus, Erleichterung und Tatendrang.Plötzlich scheint jene Lähmung von Geist und Gemüt vorbei zu sein, die das Land in den vergangenen drei Jahren überzogen hatte.Die Starre, das bedrückende Gefühl, permanent auf Hochtouren in Sackgassen gerannt zu sein, ist überwunden.Aus eigener Kraft haben sich die Wähler befreit von einem Mann, der das Land gesellschaftlich, moralisch und außenpolitisch an den Rand einer Katastrophe geführt hat.So wiegt die Niederlage Netanjahus mindestens ebenso schwer wie der Sieg Baraks.Die Stimmung - und das ist das wichtigste Resultat dieser Wahl - hat sich gewandelt.

Geändert hat sich auch der Sinn für die Realitäten, für das Machbare.Vor sechs Jahren, als in Oslo der Friedensprozeß mit den Palästinensern aus der Taufe gehoben wurde, war Israel gespalten.Die eine Hälfte war bereit, Land für Frieden zu geben, die andere Hälfte wütete dagegen an.Nur wenige dachten damals an einen palästinensischen Staat.Heute weiß die überwältigende Mehrheit, daß ein solcher Staat kommen wird.Die Friedensfeinde wurden erst zermürbt, inzwischen sind sie marginalisiert.Nicht mehr das Ziel ist umstritten, sondern bloß noch der Weg.Selbst die konservativ-nationalistischen Kräfte, die in der nun abgewählten Regierung dominierten, mußten sich mühsam dazu durchringen, mit Jassir Arafat zu verhandeln und Teile von "Groß-Israel" aufzugeben.Peres und Rabin wiederum hatten zuvor leidvoll erfahren, daß sämtliche Friedensnobelpreise und Lobeshymnen aus den USA und Europa nichts nützen, wenn das Tempo zu hoch ist und das Ziel zu ambitioniert.

Ehud Barak profitiert als Nachfolger von beiden Lektionen.Darum wird er versuchen, eine große, tragfähige Mitte-links-Koalition zusammenzubringen.Möglichst viele gesellschaftliche Kräfte in einen möglichst breiten Konsens einzubinden: Das ist seine Aufgabe.In den Endstatus-Verhandlungen mit den Palästinensern geht es schließlich um Probleme, die den Nerv der Gesellschaft berühren.Israel, das innerhalb von vier Jahren nun den vierten Ministerpräsidenten erhält, sehnt sich vor allem nach Kontinuität und Stabilität.Die Zersplitterung des Parlaments, der Knesset, verstärkt diese Sehnsucht.Ebenso die Kluft zwischen den Radikal-Religiösen und Radikal-Säkularen.Daß sich die Dynamik beider Tendenzen weiter beschleunigt hat, gehört zu den erschreckenden Ergebnissen dieser Wahl.Likud und Arbeitspartei waren einmal die Zentren zweier gewichtiger politischer Blöcke.Seit gestern stellen sie gemeinsam nur noch gut ein Drittel aller Abgeordneten der Knesset, in der jetzt 15 Parteien vertreten sind.

Die dringend notwendige Reform des Wahlrechtssystems steht allerdings auf Platz zwei der Agenda Baraks.Vorrangig sind neue Impulse für den Friedensprozeß mit den Palästinensern.Die freilich müssen sich vor Euphorie und übertriebenen Erwartungen hüten.Mit Barak zu verhandeln, wird angenehmer sein als mit Netanjahu, leichter wird es sicher nicht.Denn in der Sache sind die Unterschiede gering.Die Stimmung hat sich gewandelt, die Atmosphäre verbessert.Barak will den Ausgleich, will das Erbe Rabins antreten.Aber er wird weder einer Teilung Jerusalems zustimmen, noch die großen Siedlungen in den besetzten Gebieten räumen.Das zu akzeptieren, wird den Palästinensern schwerfallen.Eine Alternative haben sie nicht.

Dafür jedoch haben sie wieder einen echten Partner.Denn charakterlich verkörpert Barak das Gegenteil von Netanjahu.Er ist glaubwürdig, zuverlässig, gradlinig.Ein Vertragsergebnis, das mit ihm zustandekommt, ist von beständigem Wert.Deshalb hat sich auch für Arafat am späten Montag abend der Himmel wieder etwas geöffnet.Die Zeit des Jonglierens und Tricksens ist vorbei.Endlich kann es wieder zur Sache gehen.

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