Zeitung Heute : Der Höhenflug von Adlershof

An der Peripherie wird an der Zukunft Berlins gebaut: Mit Hochtechnologie zum führenden Wissenschaftsstandort der Region

Jürgen Tietz
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„Hier wird wissenschaftlich geforscht und wirtschaftlich produziert.“ So bringt Peter Strunk, Pressesprecher der „Wissenschafts- und Wirtschaftsstandortes Adlershof Management GmbH“ – kurz WISTA –, die Erfolgsgeschichte des rund vier Quadratkilometer großen Areals im Südosten Berlins auf den Punkt. Lange lag Adlershof am Rand der Stadt – doch das hat sich gründlich geändert. Seitdem der neue Autobahnanschluss fertig gestellt wurde, sind es „nur noch 20 Minuten bis in die Innenstadt“ betont Strunk. Und sobald der Großflughafen Berlin-Brandenburg BBI in Betrieb geht, genießt Adlershof einen weiteren Standortvorteil. Gleichwohl bedurfte es einer erheblichen Portion Zuversicht, als kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung eine politische Entscheidung mit langfristiger Wirkung fiel: Adlershof sollte zu einer „integrierten Landschaft aus Wissenschaft und Wirtschaft“ entwickelt werden.

Dabei verfügte das Gelände 1991 zwar über eine spannende Technikgeschichte, aber über wenig Infrastruktur. Schon früh ging es in Adlershof hoch her: 1909 entstand hier Berlins erster Flughafen – Johannisthal, dessen Flugfeld sich noch heute im Stadtgrundriss abzeichnet. Im Sog der Zukunftstechnologie Flugzeug siedelte sich damals die „Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt“ in Adlershof an. An diese Frühgeschichte erinnern heute faszinierende Betonbauten wie der große Windkanal und der Trudelwindkanal. Nach 1945 endete dann die Flugnutzung. Stattdessen siedelten sich der Deutsche Fernsehfunk, die Staatssicherheit und die Akademie der Wissenschaft mit ihren Forschungsinstituten an. Zwar brachte die Wiedervereinigung 1990 das Ende für die Akademie mit sich – und damit einen massiven Einschnitt für den Wissenschaftsstandort Adlershof. Doch zugleich wurde ein Teil ihrer Institute in die bundesdeutsche Forschungslandschaft überführt und unterstütze damit den Neustart. Der freilich brauchte seine Zeit. Schließlich musste sich aus dem „Konglomerat von baulichen Provisorien“ erst ein hochmoderner Technologiestandort entwickeln, in dem die viel beschworenen, aber mühsam zu erzielenden „Synergieeffekte“ zwischen Wirtschaft und Wissenschaft zum Tragen kommen konnten. Für Peter Strunk steht außer Frage: „In Adlershof ist der Versuch gelungen, im unmittelbaren Umfeld bestehender Wissenschaftsstrukturen neue Industriestrukturen zu schaffen.“

Etwas anders als zunächst geplant entwickelte sich die Wohnbebauung in Adlershof. War man in der Nachwendebegeisterung von 15 000 Bewohnern ausgegangen, so sind es heute rund 350 Eigenheime, die am Rand des zum Landschaftspark umgestalteten Flugfeldes errichtet wurden. Den Auftakt für den Technologiepark bildete 1991 der Bau des Innovations- und Gründer-Zentrums (IGZ). Sieben Jahre später gelang es Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton mit ihrem organisch geschwungenen und spielerisch wirkenden „Zentrum für Photonik“, Adlershof auch auf die architektonische Landkarte Berlins zu rücken. Ebenfalls 1998 folgte der „Elektronenspeicherring für Synchrotronstrahlung“ besser bekannt als BESSY 2, den das Architekturbüro Brenner und Partner aus Stuttgart entwarf. Heute befinden sich auf dem Gelände des Wissenschaftsparks 832 Unternehmen und 17 wissenschaftliche Einrichtungen – darunter auch etliche Weltmarktführer auf dem Hochtechnologiesektor.

Das Spektrum aus Forschung und Produktion reicht von der Glasfasertechnologie bis zum intelligenten Blutdrucksenker oder der Software-Entwicklung. Insgesamt wurde in Adlershof 2008 damit ein Umsatz von 1,43 Milliarden Euro generiert. Darin sind die 815 Millionen Euro noch gar nicht eingerechnet, die allein durch das Solarenergie-Unternehmen Solon beigesteuert wurden, das 2008 Hauptsitz und Produktion nach Adlershof verlagert hat. Mit ihrer neuen Konzernzentrale, die vom Berliner Architekturbüro Schulte-Frohlinde entworfen wurde, setzen sie ein gleichermaßen ökologisch wie architektonisch bemerkenswertes Signal.

Die Erfolgsgeschichte Adlershofs spiegelt sich auch in der Zahl der Beschäftigten: Insgesamt 14 000 Menschen arbeiten heute hier. Hinzu kommen rund 6500 Studierende der Humboldt-Universität, denn bis 2003 verwirklichte die HU in Adlershof zusätzlich zu ihrem traditionellen Standort in Mitte ihr zweites, mathematisch-naturwissenschaftliches Standbein. Rund 185 Millionen Euro haben Bund und Land in den neuen Campus investiert, der sich mit dem Institut für Chemie von Volker Staab, dem Physik-Gebäude von Augustin und Frank und vor allem mit der schönen Bibliothek des Ernst-Schrödinger-Zentrums von Gössler Architekten auch architektonisch sehen lassen kann.

Zwar kann sich Adlershof nicht mit dem legendären silicon valley messen. Dennoch ist im Südosten Berlins ein Hochtechnologie-Standort mit gutem Klang entstanden, das „Garchingen Berlins“. Adlershof ist eine Marke, die neue Unternehmen anzieht – wie Solon bewiesen hat. Und noch bietet der Technologiepark genügend Platz für weiteres Wachstum. Rund 60 Hektar stehen bereit – auch wenn die aktuelle Wirtschaftskrise die weitere Entwicklung in der nächsten Zeit unsicherer erscheinen lässt. „Die Unternehmen in Adlershof gehen selbstbewusst in diese Krise“, unterstreicht Peter Strunk. Derzeit rechne man noch nicht mit dramatischen Einbrüchen. Ohnehin gilt: das Projekt Adlershof ist auf Langfristigkeit angelegt. Doch Adlershof bietet noch mehr: gleich neben der Hochtechnologie schließt sich ein Medienstandort an. Hier fand 2005 das Kanzlerduell zwischen Gerhard Schröder und Herausforderin Angela Merkel statt – für die war es eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit, denn in der Akademie der Wissenschaften hatte sie einst ihre Karriere am Zentralinstitut für Physikalische Chemie begonnen. Eine erneute Rückkehr beim kommenden Kanzlerduell mit ihrem neuen Herausforderer Frank- Walter Steinmeier ist nicht ausgeschlossen. Bis dahin lädt Anne Will aus dem Studio D des „Studio-Berlin“ die deutschen TV-Haushalte zum allsonntäglichen Polit-Talk ein.

Für Berlin hält der Technologie-, Medien- und Wohnstandort Adlershof rund um den einstigen Flugplatz Johannisthal eine besondere Botschaft bereit: Hier zeigt sich, welches Potenzial in ehemaligen Flughäfen steckt. Es zeigt sich aber auch, dass es neben dem politischem Willen, einer tragfähigen Vision und umfangreichen Fördermitteln vor allem eines braucht um zum Erfolg zu kommen – einen langen Atem. Jürgen Tietz

Die von außen und innen begehbare rote Infotreppe steht vom 18. bis 20. September in Adlershof.

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