Zeitung Heute : Der Informant

Nachrichtlicher will er sein, weniger gefühlig: Tom Buhrow, das neue Gesicht der „Tagesthemen“. Heute Abend tritt er an

Barbara Nolte[Hamburg]

Tom Buhrow hängt tief im Stuhl und dreht einen Kugelschreiber in der Hand herum. Er kämpft um Konzentration. Seit ein paar Wochen sei er jetzt in Hamburg, sagt er, ja, seit wann genau? Schwierig. „Ich musste noch einmal kurz zurück nach Washington, meine Arbeit abwickeln.“ Es ist sein fünftes Interview heute. „Das ist kräftezehrend“, sagt er. „Aber viele Kollegen sind extra angereist. Da versuche ich, jedem gerecht zu werden.“ Buhrow wirkt sehr freundlich. Seine Blässe fällt auf, sie unterscheidet ihn von den sonnenbankgebräunten Fernsehgesichtern. Jetzt fängt er schon wieder an zu rechnen: Ja, wann genau sind die Container aus Amerika angekommen? Wertvolle Minuten verstreichen. Man hat nur zwanzig. Es ist ein merkwürdiger Gegensatz: dieser durch und durch unprätentiöse Mann und der streng getaktete PR-Tag, den sie für ihn am Dienstag im Hamburg inszeniert haben wie sonst nur für US-Filmstars.

Der Tag begann mit einer Podiumsrunde, zu der die neuen Kollegen und Vorgesetzten gekommen waren. Thema: Tom Buhrow. Der neue Mann in den „Tagesthemen“. Es ist eine der exponiertesten Positionen der ARD, die er von heute Abend an einnimmt. Die Kollegen sollen erklären, warum ausgerechnet er. „Keiner im deutschen Fernsehen versteht es wie Buhrow, Komplexität zu reduzieren, ohne Substanz zu verlieren“, sagt ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke. Anne Will berichtet anerkennend von den präzisen telefonischen Absprachen, die er als Korrespondent mit ihr getroffen hatte. Buhrow selbst sitzt in der Mitte der Runde und lächelt, obwohl man ihn eigentlich so eingeschätzt hätte, dass ihm die Personality-Show eher peinlich wäre. Er plaudert von den letzten Nächten vor dem großen Einsatz: „Normalerweise bin ich ein Langschläfer, aber im Moment wache ich ohne Wecker auf.“ Einen Reporter von Reuters klärt er über seinen Vornamen auf: Er sei nach Thomas dem Ungläubigen benannt. Doch bereits seine Eltern hätten ihn immer nur Tom genannt. Manchmal fängt er laut und unvermittelt an zu lachen. Buhrow strahlt Lockerheit aus, trotz des formellen dunkelblauen Anzugs; eine Verbindlichkeit, wie sie Amerikanern eigen ist.

Das ist das erste Etikett, das an ihm klebt – in Unterscheidung zu seinem Vorgänger: Buhrow ist der Amerikaner, während Wickert der Franzose ist. In den 90er Jahren war Buhrow für die ARD als Korrespondent in den USA, 2002 ist er als Studioleiter nach Washington zurückgekehrt. Aber auch darüber hinaus sind Wickert und er gegensätzliche Typen. Wickert wirkt frecher, er hat mal zugegeben, einen Joint geraucht zu haben – ignorierend, dass er damit ein mittleres Erdbeben auslöste. Buhrow ist vorsichtiger, vielleicht als Typ gemäßigter. Er gibt zwar zu, dass er als Jugendlicher einmal in einem marxistischen Club war, aber zwei Sätze später berichtet er von den CDU-Veranstaltungen, zu denen er den Vater begleitet hat. Dass während seines Geschichtsstudiums in Bonn fast alle links waren, war ihm suspekt. „Es hat mich immer stutzig gemacht, dass Leute, die so große Individualisten sein wollten, alle zu den gleichen Schlüssen kamen: dass zum Beispiel Daimler kollektiviert werden soll“, sagt er. Für ihn gab es nur einen Helden der Gegenkultur: Bob Dylan – ohne selber ein Rock’n Roll-Leben führen zu wollen. „Ich wusste schon immer, dass ich mal, ganz unspektakulär, eine glückliche Familie haben will: viele Kinder und einen Hund.“

Jetzt ist die glückliche Familie – seine Frau, zwei Töchter, Hund – in Hamburg angekommen. Und Buhrow sitzt, ganz unspektakulär, auf dem prestigereichsten Stuhl des deutschen Fernsehens.

Doch als Moderator der „Tagesthemen“ muss man mehr sein als ein guter, freundlicher Journalist. Man wird zum Begleiter der Menschen. Das hat Buhrow gleich bemerkt, fast alle fragen ihn nach der Floskel, mit der er sich allabendlich aus der Sendung verabschieden will – als wäre sie das Wichtigste. Wickert sagte immer „…und eine geruhsame Nacht.“ Buhrow sagt: „Ich mache meine Verabschiedung vom Tag abhängig.“ Er will weniger gefühlig sein als sein Vorgänger: „Ich werde nachrichtlichere Moderationen machen“, der journalistische Stil müsse zur Persönlichkeit passen. Vielleicht ist dies der Hauptunterschied zwischen Wickert und Buhrow: Wickert ist kultiviert, Buhrow informiert.

Seit vier Wochen ist Buhrow bereits in der „Tagesthemen“-Redaktion, auch, um sich in die Innenpolitik einzuarbeiten. Fragen dazu lehnt er ab. Die Arbeit der großen Koalition will er zum Beispiel nicht beurteilen. „Ich werde einen Teufel tun…“, sagt er. „Da berühren Sie den Knackpunkt. Ich bin nicht zum Beurteilen da, sondern zum Nachrichtenweitertransportieren.“

Der Pressesprecher schaut auf die Uhr. Die nächsten Journalisten warten. Draußen steht noch Anne Will und spricht in einen Strauß Mikrofone. Den ersten schweren Kompromiss mit dem neuen Kollegen habe sie schon erzielt, sagt sie: bei der Dienstplangestaltung. Beide sind Rheinländer, beide Faschingsfans. Will darf Weiberfasching feiern, Buhrow hat dafür ab Rosenmontag frei. Die Anekdote ist schon bekannt, Will und Buhrow erzählen sie öfters. Wahrscheinlich, weil sie illustrieren soll, wie nett sie in der „Tagesthemen“-Redaktion zueinander sind. Sie zeigt aber auch, wie die „Tagesthemen“- Mitarbeiter zu Bildschirm-Beamten werden: mit Dienstplänen bis zum Februar nächsten Jahres.

Einen Schirm untern Arm geklemmt läuft Buhrow zum Taxi. Im NDR muss er noch acht Radiointerviews geben. Er sagt, dass Anne Will ihm geraten habe, sich nach dem ersten Presse-Ansturm erst mal auf die Arbeit zu konzentrieren. Dann lacht er laut los. „Das entspricht meinem Instinkt. Ich kann jetzt nicht jede Woche eine Pressekonferenz geben.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!