Zeitung Heute : Der Intendant der Berliner Philharmoniker über Radiokultur

Herr Weingarten[Sie unterstützen als Intenda]

Herr Weingarten, Sie unterstützen als Intendant der Berliner Philharmoniker das Konzept des privaten "Sky Klassik 101,3", das sich derzeit um eine Lizenzierung in der Hauptstadt bemüht. Soll dieser Hörfunksender zur exklusiven Abspielstätte der Berliner Philharmoniker werden?

Die Frage ist rhetorisch. Natürlich nicht, und dennoch werden die Philharmoniker in einem solchen Sender den Platz erhalten, den sie verdienen.

Glauben Sie, dass die kulturellen Hervorbringungen Berlins von einem privaten Klassik-Radiosender - dessen Geschicke maßgeblich von dem international operierenden Medienunternehmer Rupert Murdoch bestimmt werden - besser behandelt werden als vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Länder Berlin und Brandenburg?

Die Geschicke des SFB und vor allem die Geschicke des alten Rias und des neuen Deutschlandradios haben gezeigt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk gegenwärtig nicht in der Lage ist, adäquat auf das Berliner Musikleben zu reagieren, d.h. dieses in der Hörerbetreuung zu verankern und es andererseits auch durch engagierte Kritik mitzugestalten.

Sie sind soeben aus Ihrem Urlaub in Frankreich zurückgekehrt. Die französischen Klassikradiosender "France Culture" und "France Musique" gelten als "Crème de la crème" der Gattung. Welche Unterschiede zu den in Berlin empfangbaren Klassikradios - RadioKultur, Radio 3 und dem privaten Klassik-Radio - haben Sie gehört?

Leider ist "France Musique" nicht mehr das, was es einmal war. Heute ist es guter "Musik-Eintopf" mit zwanghaft viel Gerede. Aber auch dort macht man jetzt einen Neuanfang. Was in Berlin fehlt, ist ein Klassiksender, der niveauvoll ist, der ortsbezogen operiert - eine Hauptstadt verdient es -, der als Vermittler dient zwischen dem Musikleben der Stadt und dessen Konsumenten und vor allen Dingen denen, die es werden wollen und sollen.

Die Klangfarbe des neuen Senders wird in den Bewerbungsunterlagen für die Medienanstalt Berlin-Brandenburg mit "niveauvoll populär" umschrieben. Welche Akustik können Sie sich darunter vorstellen?

Was "niveauvoll populär" letzten Endes heißt und als klangliches Ergebnis zu hören sein wird, muss man sehen. Ich bin jedoch entschieden der Meinung, dass heute eher die Gefahr erkennbar ist, dass die Hörer unterfordert und nicht überfordert werden.

Kürzlich hat sich der Moderator eines privaten Radiosenders in Hamburg in sein Studio eingeschlossen und über mehrere Stunden nur zwei Musikstücke gespielt. Gesetzt den Fall, Ihnen wäre auch nach einer solchen Aktion zumute: Welche zwei Titel würden Sie auswählen?

Ich würde so etwas nicht aushalten und könnte Ihnen eher einen Titel nennen, den ich nicht spielen würde: "Für Elise".

Der Direktor des Deutschen Historischen Museums, Christoph Stölzl, bereichert mit einer Hörersendung wöchentlich das Programm von "Hundert,6". Welche Sendung würden Sie bei "Sky Klassik 101,3" moderieren - wenn Sie denn Lust und Zeit dazu hätten?

Die Frage stellt sich nicht - vielleicht noch nicht. Der neue Sender sollte versuchen, die besten Moderatoren zu bekommen, die er bekommen kann. Und dazu gehöre ich nicht.



Das Interview führte Reinhart Bünger.

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