Zeitung Heute : Der Jesus-Krieg

++Für die einen ist der Film eine Offenbarung, die anderen halten ihn schlicht für antisemitisch. Mel Gibson hat „Die Passion Christi“ gedreht. Darin schildert der erzkatholische Regisseur die letzten Stunden Jesu, wie sie im Evangelium stehen. In den USA ist ein Kulturkampf ausgebrochen.

Malte Lehming[Washington]

Von Malte Lehming,

Washington

Zur besten Sendezeit streiten sich ein Rabbiner und ein Priester. „Jeder Jude in diesem Film, mit Ausnahme der Jünger Jesu, wird als grausam dargestellt. Sie haben dunkle Augen und Bärte – wie Rasputin. Ich bin entsetzt.“ Derart schimpft Rabbiner Marvin Hier vom „Simon-Wiesenthal-Center“ in Los Angeles. Ihm gegenüber sitzt Ted Haggard, der Präsident der „National Association of Evangelicals“. Der Film sei „schön, einfach wunderbar“, sagt er. Was zu sehen sei, stehe wörtlich in der Bibel. Der Streit wird heftiger. Der Film könne verheerende Wirkungen haben, befürchtet Hier. Haggard unterbricht ihn erregt: „So ist die Geschichte nun mal überliefert. Wir wollen keinen Revisionismus. Wir wollen nicht, dass die Überlieferung verändert wird.“

Seit Wochen und Monaten tobt dieser erbitterte Streit. Und das, obwohl den Film bisher kaum jemand gesehen hat. Dutzende Male schon gingen Rabbiner Hier und Reverend Haggard in den Polit-Talkshows der US-Fernsehsender gegeneinander in Stellung. „Wer tötete Jesus?“, fragte das Magazin „Newsweek“ in der vergangenen Woche in seiner Titelgeschichte. Längst trägt die Auseinandersetzung das Beiwort „Kulturkampf“. Und dieser Kampf eskaliert. Kalt lässt er niemanden mehr. Man verletzt und wird verletzt. Man verdächtigt und wird verdächtigt. Die Folgen sind innige Feindschaften, aufgekündigte Freundschaften, verwundete Seelen. Der Titel des Artikels im Magazin „The New Yorker“ lautet: „The Jesus War“.

Aramäische Dialoge

„The Passion of the Christ“, heißt der Film, der in der kommenden Woche in die US-Kinos kommt. In Deutschland läuft er an Gründonnerstag an. Gezeigt werden, mit einigen Rückblenden, die letzten zwölf Stunden im Leben von Jesus Christus. Der Verrat, die Folter, der Prozess, die Kreuzigung. Für gläubige Christen sind dies die wichtigsten zwölf Stunden des Universums. Gedreht und finanziert wurde das Werk vom Schauspieler und Regisseur Mel Gibson, der auch Ko-Autor des Drehbuches war. „The Passion“ – das ist sein Film, sein ganzes Herz hängt daran. „Wird ,The Passion’ Mel Gibsons Karriere ruinieren?“, fragt in ihrer neuesten Ausgabe die Zeitschrift „Entertainment Weekly“. Über eine „drohende Entfremdung“ zwischen ihm und Hollywood wird gemunkelt.

Die Idee zu „The Passion“ hatte der siebenfache Familienvater, der einer strengen katholischen Sekte angehört, vor 13 Jahren. Damals trug er sich mit Selbstmordgedanken, wollte aus dem Fenster springen. „Ich sah hinunter und dachte, wie einfach alles wäre.“ Er fühlte sich „spirituell bankrott“. Doch dann habe Jesus, der Erlöser, ihn gerettet. „Ich entdeckte, dass ich die Wunden Christi und sein Leiden betrachten muss, damit die Wunden in meinem Leben heilen.“

Anfangs gab keiner in Hollywood dem Projekt eine Chance. Das Budget klein, das Sujet wenig originell. Eher abschreckend wirkte auch Gibsons Authentizitätswahn. Sämtliche Dialoge finden in den Originalsprachen Aramäisch, Latein und Hebräisch statt, mit englischen Untertiteln. Die Handlung hält sich dicht an die Schriften der vier Evangelien. Überdies ist der Film nicht jugendfrei, kein Detail der Folterung und Kreuzigung wird ausgespart. „The Passion“ sei „extrem, schockierend, gewalttätig“, sagt der 48-jährige australisch-amerikanische Regisseur. Dadurch soll der Zuschauer „die Größe des Opfertodes von Jesus Christus“ begreifen.

Joel Rosenberg hat „The Passion“ gesehen. Er war eingeladen zu einer geschlossenen Vorführung in einem Hotel in Washington. Rosenberg war begeistert. Zum ersten Mal in seinem Leben habe er während eines Filmes geweint. Für den 36-jährigen Bestseller-Autor („The Last Jihad“, „The Last Days“) ist es der „machtvollste Film, den ich je gesehen habe“. Gibson halte sich treu an die Überlieferung. Endlich einmal werde Jesus, im Unterschied zu anderen Filmen dieser Art, nicht „feminisiert“. Der Gottessohn aus Nazareth sei kein Hippie mit sanfter Stimme, sondern tatsächlich als Messias dargestellt.

Rosenberg ist ein Unikum. Seine Großeltern sind vor 80 Jahren als orthodoxe Juden aus Russland eingewandert. Sein Vater, ein Architekt, war ebenfalls orthodoxer Jude. Vor 20 Jahren – Joel war noch ein Jugendlicher – konvertierten die Eltern zur strengen christlichen Lehre. Auch der Sohn wurde ein Evangelikaler, ein besonders bibeltreuer Christ. Und ein konservativer Pendler zwischen den Welten. Er arbeitete für den israelischen Ex-Premier Benjamin Netanjahu und gilt gleichzeitig als Liebling der christlichen Rechten in den USA. Innerhalb der Evangelikalen zählt Rosenberg zur Gruppe der christlichen Zionisten. „Wir sind die glühendsten Verteidiger Israels, geißeln als Erste jede Form von Antisemitismus.“ Der Film sei nicht antisemitisch, wer das behaupte, greife die christliche Überlieferung an.

Neben Rabbiner Hier protestieren zwei der wichtigsten jüdischen Organisationen in den USA gegen den Film, die „Anti-Defamation League“ und das „American Jewish Committee“. Man befürchtet, der Film könne „negative Einstellungen, Stereotypen und Karikaturen über Juden transportieren“. Schon oft in der Geschichte hätten Passionsspiele und Dramen über die Leidenszeit Jesu, besonders um Ostern herum, zu antisemitischen Übergriffen geführt.

Zu solch sachlichen Einwänden freilich gesellen sich mitunter persönliche Angriffe. Gibson ist, wie sein Vater, Mitglied der „Catholic Church“. Das ist eine Sekte, die die Messe noch auf Latein zelebriert, den Papst als oberste Instanz nicht anerkennt und alle Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnt. Dazu zählt auch die explizite Zurückweisung der Kollektivschuld-These, die die Juden für die Kreuzigung Jesu verantwortlich macht. Gibsons 85-jähriger Vater Hutton soll das Konzil sogar spöttisch als eine „von den Juden unterstützte Verschwörung“ bezeichnet haben. Der Holocaust sei eine „Scharade“ gewesen.

Mit diesen Zitaten wird Sohn Mel immer wieder konfrontiert. Es nützt ihm nichts, dass sein fulminantester Fürsprecher, Alan Nierob, der Sohn von Holocaust-Überlebenden und Gründungsmitglied des nationalen Holocaust-Museums ist. Erwartet wird eine ausdrückliche Distanzierung, die Gibson allerdings nicht liefert. „Mel ist in einer schrecklichen Position“, sagt ein Freund. „Das Letzte, was er will, ist, seinen Vater verletzen. Er würde lieber von den Flammen versengt werden, als das Herz seines Vaters zu brechen.“

Der Reporter, der Gibson am schwersten attackiert, ist Frank Rich von der „New York Times“. Rich ist, wie Foxman, überzeugt davon, dass sich der Antisemitismus nach dem 11. September 2001 „wie eine Geschwulst“ vor allem in Europa und der arabischen Welt verbreitet habe. Dort werde folglich ein Film wie „The Passion“ zu übelsten Reaktionen führen. Foxman sieht die Sicherheit der Juden heute „womöglich stärker“ bedroht als in den 30er Jahren. Was hält Gibson von Rich? „Ich möchte ihn umbringen“, sagte er im Gespräch mit dem Magazin „The New Yorker“. „Ich will seine Eingeweide aufspießen.“

Je länger der Streit dauert, desto härter wird er ausgefochten. „Ich bin überrascht davon“, sagt Haggard, „dass einige Juden gegen einen Film protestieren, der die letzten Stunden im Leben Christi zeigt. Es gibt gerade einen großen Druck auf Israel, und Christen gehören zu den standhaftesten Unterstützern Israels. Es scheint recht kurzsichtig von den Juden zu sein, nur wegen eines Filmes die Entfremdung von zwei Milliarden Christen zu riskieren.“ Bei Foxman kommen solche Sätze gar nicht gut an. „Es ist das erste Mal, dass wir das in dieser Deutlichkeit hören: Wir unterstützen Israel, also haltet ihr in diesem Fall die Klappe.“

Etwa 40 Prozent aller Amerikaner bezeichnen sich als Evangelikale. Rund vier Milliarden Dollar setzt die Christus-Industrie mit Büchern, Filmen, Zeitschriften und Musik jährlich um. Es gibt 200 christliche TV-Sender und 1500 christliche Radiostationen im Land. George W. Bush ist ein Evangelikaler, ebenso Justizminister John Ashcroft, der Sprecher des Repräsentantenhauses und der republikanische Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus.

In den Kreisen der Evangelikalen wird schon seit Wochen die Werbetrommel für „The Passion“ gerührt. Auf 2000 Leinwänden läuft der Film in der kommenden Woche an – ein Massenstart. „Das wird unser christlicher Super Bowl“, sagt ein Pastor in Seattle. In einem Kino in der texanischen Stadt Plano sind die ersten 20 Vorstellungen bereits ausgebucht, einschließlich der Morgenvorstellung um 6 Uhr 30. Kirchliche Gruppen bestellen ganze Ticketsätze.

Sie wissen nicht, was sie tun

Doch die Gegenseite ruht nicht. Die „University of Nebraska“ hat die erste jüdisch-christliche Konferenz zum Film veranstaltet. Die „U. S. Conference of Catholic Bishops“, die offiziell noch nicht Stellung genommen hat, will einen Kriterienkatalog zur Dramatisierung der Passionszeit erstellen. Dennoch bleibt wohl die Grundfrage des Konflikts unbeantwortet: Darf man die Schriften der vier Evangelisten wörtlich nehmen und dramaturgisch umsetzen? Die Anhänger einer historisch-kritischen Exegese verneinen das. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes widersprechen sich in vielen Punkten, ihr nachträgliches Zeugnis ist nicht frei von machtpolitischen Erwägungen. Daher kommt Kaiphas, der jüdische Hohepriester, schlechter weg als Pontius Pilatus, der faktische römische Herrscher in Jerusalem.

Die meisten Evangelikalen indes verdammen solche Einwände als Revisionismus. Für sie ist die Bibel das uneingeschänkte Wort Gottes. Überdies sage der Heiland am Kreuz: „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Schuld am Tode Christi sei die gesamte sündige Menschheit. Aber ist ein Regisseur nicht auch für Missverständnisse verantwortlich, die sein Film provoziert? Diesen Einwand lässt Gibson nicht gelten. „Es wird immer dumme Menschen um uns herum geben“, sagt er. „Aber ich glaube nicht, dass uns diese Menschen diktieren können, wie wir leben, was wir glauben, und welche Kunst wir produzieren.“

In Matthäus 27, 24-25, steht: „Da aber Pilatus sah, dass er nichts schaffte, sondern dass ein viel größeres Getümmel ward, nahm er Wasser und wusch die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten; sehet ihr zu! Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ Diese Passage, eine Urbegründung der Kollektivschuld-These, fehlt in einer ersten Fassung des Filmes, taucht in einer späteren wieder auf, und wurde in der letzten wohl wieder gestrichen. Selbst Gibson wurde am Ende des Streites offenbar etwas mulmig zumute.

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