Zeitung Heute : Der Jogging-Smoking

Die jungen Berliner Labels Yoshi Ito und Firma interpretieren Männermode modern: alltagstauglich, funktional und trotzdem originell

Katrin Kruse

Männermode ist eine heikle Sache. Ein etwas zu grelles Muster, ein zu offensichtlich konstruierter Schnitt, und schon fühlt ein Mann sich overdressed. Gut angezogen darf er sein, gewiss – nur muss seine modische Ambition im Verborgenen bleiben. Der Mann in der Mode, das funktioniert dann, wenn sie ihm wie beiläufig zustößt, wenn sie ihm wie angegossen ist und so selbstverständlich, als habe er nie etwas anderes getragen. Wer den Mann bekleiden will, muss da anfangen, wo der sich unauffällig bewegen kann: In der klassischen Eleganz und in der Sportswear. Yoshi Ito und Firma, zwei erfolgreiche Berliner Herrenlabels, die im Januar auf der Berliner Modemesse „Premium“ in einer gemeinsamen Schau dem internationalen Fachpublikum präsentiert wurden, bringen derzeit beides zusammen – in sehr unterschiedlichen Entwürfen.

In Yoshi Itos Ladengeschäft in der Auguststraße fängt langsam der Sommer an, auch wenn draußen bisweilen noch Schnee fällt. Die ersten Modelle der Sommerkollektion sind zu sehen, doch der japanische Modedesigner ist in Gedanken längst beim nächsten Schnee: In der Welt des Entwerfens ist man der Zeit voraus. Ausgangspunkt für die Winterkollektion 2004 / 05 ist die Fotografie August Sanders aus den zwanziger Jahren. Ito hat sich die Portraits der Berufsgruppen angesehen, „Straßenarbeiter, Ruhrgebiet, 1928 / 29“ etwa: Junge Männer mit dem Spaten in der Hand, die Schiebermütze auf dem Kopf. Sie tragen kurze, kastige Jacken mit geknöpften Taschenklappen, getönt im Braun der frühen Fotografie.

Ebenso wie von den Schnitten der Arbeitskleidung war Ito von der Haltung der Menschen auf diesen Fotografien fasziniert. Beides wollte er in die heutige Mode überführen und mit neuen Technologien und Materialien verbinden. „Junge Leute tragen immer nur Jeans“, meint Ito. „Ich bin nicht gegen Sportswear, aber es sieht alles doch sehr gleich aus.“ Diese Gleichförmigkeit will er durchbrechen, ohne dabei das Selbstverständliche, Unkomplizierte zu verlieren. Ito lässt Streetwear auf klassische Formen treffen, Sweatshirts auf Hemdsärmel. Statt Denim wählt er einen festen Baumwollstoff mit Leinwandbindung in Rostbraun, die Oberfläche ist in einem dunklen Braun gefärbt. Bei einer Jeans ist die Patina, die mit langem Tragen kommt, immer weiß. Bei Itos Gegenentwurf zeigt sich mit der Zeit die Farbe des Unterstoffes.

Beim Gehrock, dem bürgerlichen Kleidungsstück schlechthin, hat er den Schnitt übernommen, den Schalkragen, die Rückenlinie, die hohe Taille. Statt aus Wolle allerdings ist er aus Baumwolle gemacht. Wem das Original zu theatralisch ist, für den gibt es die Variante als Jackett, himmelblau gefüttert. Und sieht er nicht großartig aus, der beigefarbene Gehrock, zu T-Shirt und Levi´s 501? So kann man die Eleganz der Vergangenheit wiedergewinnen, zu einer Spannung zurückfinden und „angezogen“ sein, ohne deswegen ins Formale zu fallen.

Wenn Yoshi Ito an der Form arbeitet, verändert er nicht nur die Optik, also Details und Gestalt, sondern die Struktur, das Konstruktionsprinzip selbst. Vielleicht, meint er, sei das die „japanische Handschrift“, die viele in seiner Mode sehen. Die Möglichkeiten der Veränderung sind unbegrenzt: „Für mich gibt es in der Mode kein Ende.“

Daniela Biesenbach und Carl Tillessen verbinden in ihrem Label „Firma“ den Tragekomfort der Sportswear mit der Eleganz des Anzugs, verfolgen also ähnliche Absichten wie Yoshi Ito. Doch sie haben sich einem anderen Prinzip verschrieben: Für sie ist Funktionalität oberstes Gebot und Quelle immer neuer Ideen.

Da ist die „Multifunktionsjacke“, von der die wattierte Weste abgetrennt werden kann; beide kann man auch einzeln tragen. Da ist der Seesack, der überraschend zur Weste umfunktioniert wird. Der schlichte schwarze Wollmantel hingegen erweist sich, gewendet getragen, als wetterfest, und an Taschen fehlt es nicht. Multifunktional bedeutet für Tillessen und Biesenbach also: einsetzbar für verschiedene Zwecke und Witterungsverhältnisse.

Zugleich heißt es: tragbar für verschiedene Anlässe, also streng, nüchtern und lässig zugleich. „Das ist unser Jogging-Smoking“, kommentiert Daniela Biesenbach die Kombination aus schwarzem Wollstoff mit eingewebten Satinstreifen. Das Jackett hat als Kragen und an den Ärmeln Bündchen wie ein Blouson, die Hose ist schmal geschnitten, und an einem Bein läuft der Streifen der Jacke weiter. Das Schwarz, der Streifen, der schmale Schnitt einerseits, die Sweatshirt-Elemente anderseits: So treffen sich dress up und dress down.

Und wann erscheint ein Kleidungsstück selbstverständlich? Wenn es getragen aussieht. Der schwarze Wollstoff des Anzugs hat einen eingewebten Metallfaden. So bekommt der Stoff eine Bewegung, die den Anzug vom ersten Tragen an zur selbstverständlichen Hülle macht. Es sei, meint Biesenbach, eine „nordische Kollektion“: alltagstauglich, tragbar und nicht verspielt. Wo es Dekoratives gibt, da ist es mit dem Funktionalen verbunden – wenn etwa die Gürtelschlaufe der Hosen nicht direkt am Bund sitzt, sondern etwas tiefer. So wird der Gürtel zum Accessoire. Die Hose allerdings hält er trotzdem.

Yoshi Ito, Auguststraße 19 (Mitte)

Firma gibt es bei Respectmen, Neue Schönhauser Straße 14 (Mitte)

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