Zeitung Heute : Der Jude, der ich nicht bin

Ein Vater flieht vor den Nazis, dann diktiert er dem Sohn eine israelische Identität. Doch Stewart Tryster spürte: Da stimmt etwas nicht

Claudia Keller

Seit einem Dreivierteljahr wacht Stewart Tryster morgens auf und ist glücklich. Weil er in Berlin ist, weil er Deutsch sprechen kann und weil er endlich in seinem eigenen Leben angekommen ist. Dafür hat der Mann einen gut bezahlten Job aufgegeben. Er hat den Bruch mit seinem Vater in Kauf genommen und sich über Warnungen seiner Freunde hinweggesetzt. Niemand konnte verstehen, warum er als Jude von Israel nach Deutschland auswandern wollte. Nun sitzt Stewart Tryster, 44 Jahre alt, im Café Einstein, hat die Ärmel des verwaschenen lila Hemdes hochgekrempelt, das ein bisschen über dem Bauch spannt, und zupft sich am rötlich-blonden Vollbart. „Seitdem ich hier bin, gab es keinen Tag, an dem ich nicht wenigstens einmal einen Anfall von Euphorie hatte.“ Stewart hat seit knapp zwei Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft, seit Januar lebt er in Berlin.

Sein Vater und seine Großeltern fühlten sich ganz und gar als Deutsche, für die die Religion keine große Rolle spielte. Bis sie die Nazis auf ihr Judentum reduzierten. „Mein Vater hatte nur eine ferne Ahnung davon, dass er ein jüdischer Junge ist“, sagt Stewart, „bis ihn die Nazis 1934 aus dem Turnverein warfen.“ Die Familie wohnte in der Kommandantenstraße in Kreuzberg, um die Ecke steht heute das Jüdische Museum. Der Großvater versuchte sein Glück mit „Flohkisten“. Das waren kleine Buden, über die Stadt verteilt, in denen er Filme zeigte. Da er so viele Freunde umsonst schauen ließ, so die Familienlegende, waren die Kinos ein Verlustgeschäft. Danach verdiente er sein Geld bei der Firma Popper&Furth, die Kurzwaren, Knöpfe, Bänder und Ösen verkaufte.

Die Begeisterung für Filme habe er wohl von seinem Großvater geerbt, sagt Stewart. Bevor er nach Berlin gekommen ist, hat er das Steven Spielberg Jewish Film Archive in Jerusalem geleitet, das größte jüdische Filmarchiv in Israel. Die Großeltern gingen viel ins Theater und zu Konzerten, sie kannten Schauspieler und Sänger, zum Beispiel vom Jüdischen Kulturbund, der gegenüber ihrer Wohnung in der Kommandantenstraße sein Domizil hatte. In die Synagoge allerdings gingen sie nie.

Dass sein Vater aus dem Turnverein geworfen wurde, hatte Folgen, die weit in Stewarts Leben hineinreichen. Sein Vater fing an, sich mit seiner Religion und mit Palästina zu beschäftigen. Mit 16 Jahren war er ein begeisterter Zionist. Versuche, nach Palästina auszuwandern, scheiterten. Aber das Ziel stand fest: ein guter Jude sein, in Israel leben und später eine perfekte jüdische Familie haben. Sein Ziel verfolgte er fortan mit zähem Ehrgeiz. Australien, wohin die Treisters 1938 flohen und wo sie sich Tryster nannten, sollte für ihn nur eine Zwischenstation sein.

Die Großeltern, die den zionistischen Aufbruch ihres Sohnes mit Staunen verfolgten, fühlten sich in Australien zwar nicht zu Hause inmitten ihrer deutschen Bücher, Schallplatten und mit der deutschen Erziehung im Kopf, aber nach Israel wollten sie auch nicht. Der Großvater starb am 9. November 1955, die Großmutter kehrte Anfang der 70er Jahre nach Berlin zurück. Der Sohn, also Stewarts Vater, nahm 1975 seine Frau und seine beiden Söhne und zog nach Jerusalem. Stewart war 14 Jahre alt und „der Einzige, der auf Israel keinen Bock hatte“.

„Schon die jüdische Schule in Australien war eine Zumutung“, sagt Stewart und reißt seine kleinen Hände ruckartig in die Höhe, „alles gegen meinen Willen.“ Schon als Dreijähriger habe er gesagt, dass er nicht an Gott glaube. Das hat den Vater nicht interessiert, mit fünf Jahren musste er konvertieren. Denn Stewarts Mutter war ebenfalls Deutsche, aber Protestantin. Sie war Anfang der 50er Jahre eines Jobs wegen von Deutschland nach Australien gekommen. Da die jüdische Religion über die Mutter weitergegeben wird, war Stewart erst einmal kein Jude. Als er, der ältere Bruder und die Mutter endlich Juden waren, war der kleine Riss im Bild seines Vaters vom idealen Leben gekittet. Für Stewart aber blieb das Gefühl, kein richtiger Jude zu sein und es auch nicht sein zu wollen. „Auch die Bar Mizwa mit 13 habe ich nur unfreiwillig über mich ergehen lassen und dann auch noch das: die Übersiedlung nach Israel.“

Sein Vater legte ihm eine Identität um wie einen Mantel, der nicht passte und schwer auf Stewarts Schultern lastete. Der 14-Jährige musste, ohne es zu wollen, die israelische Staatsbürgerschaft annehmen. Die Schule in Israel, die Nachbarn, die Religion, der man nirgendwo entkommen konnte – all das fand er schrecklich. Selbst das Klima gefiel ihm nicht. Stewart läuft an diesem Novembertag draußen im Hemd herum und freut sich auf den langen Winter. Er verträgt keine Hitze.

„Weil mein Vater ein perfekter Jude sein wollte, musste ich zum israelischen Militär.“ Seinem Bruder, der bei der Einreise schon 18 Jahre alt war, blieb das erspart. „Mein Vater hatte eine Ideologie, und ich musste dafür büßen.“

Wo er stattdessen lieber gelebt hätte, wusste Stewart mit Anfang 20 noch nicht. Die Sehnsucht nach Deutschland hatte sich aber schon ein bisschen eingeschlichen in seine Gefühle. Schuld daran war seine Großmutter. „Das Schönste in meiner Kindheit war, wenn meine Großmutter die alten Berliner Schallplatten rausholte.“ „Oma Hupp“ ist so ein Gassenhauer aus den Zwanzigern, den er so oft gehört hat, dass er ihn auswendig kann. Er handelt von einem Mädchen, das seine Großmutter über einen Graben springen lässt, huppen, Stewart sagt „houppen“, berlinerisch mit australischem Akzent. „Meene Großmutter, die is meene, die kann ick houppen lassen, wann ick will“, singt Stewart und wiegt sich im Takt hin und her.

Auch eine „Lachplatte“ sei dabei gewesen. Die beginne mit einem Trompetensolo, dann mache der Spieler einen Fehler, jemand lacht, er macht wieder einen Fehler, immer mehr lachen, am Ende höre man nur noch Lachen. Da müsse man einfach mitlachen, sagt Stewart und fängt auch gleich damit an, wodurch sich viele kleine Lachfalten um seine Augen legen. Ein paar Platten, die ihm besonders wichtig sind, hat er bei seinem Umzug im Handgepäck im Flugzeug transportiert. „Nun sind wir wieder zurückgekehrt, nach 67 Jahren“, habe er zu ihnen gesagt, als er sie zum ersten Mal in seiner Berliner Wohnung anhörte. Es habe sich alles zum ersten Mal in seinem Leben richtig angefühlt.

Seine Großmutter hat er ein paarmal in Berlin besucht, nach ihrer Rückkehr. „Eigentlich ist alles so wie früher, wie vor den Nazis“, habe sie gesagt, „an der Oberfläche scheint alles okay, darunter schwelt Antisemitismus“, sie habe ihn gespürt. Aber das sei nicht schlimm, habe die Großmutter gesagt, im Alltag störe der nicht.

Israel konnte es Stewart nicht recht machen. Er schrieb für Zeitungen, arbeitete im Filmarchiv, heiratete, machte Karriere, aber es fehlte der Ort, an dem er sich zu Hause fühlte. Und was fehlte, wurde immer wichtiger. Irgendwann war es wichtiger als das, was war und gut lief. Er fing an, sich nur noch aus dem Negativen heraus zu definieren. Er wusste genau, was er nicht war: kein Israeli, kein richtiger Jude. Aber wer war er dann? Wer definiert, wer man ist? Die Erwartungen der anderen?

Auf Frauen ließ sich Stewart nur unter der Bedingung ein, dass sie bereit waren, Israel zu verlassen. 1987 wollte er ein Jahr nach London. Seine Frau wollte nachkommen, aber ihr Vater wurde krank. Stewart kehrte nach Jerusalem zurück, die Ehe ging auseinander. Für die zweite Frau gab er sich wirklich Mühe mit Israel. Er versuchte, nicht ständig ans Auswandern zu denken, auch mal ein israelisches Buch zu lesen. „Ich wollte dem Land eine Chance geben.“ Es ging nicht.

Vor fünf Jahren erzählten ihm Freunde, dass er die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen könnte. „Die Nachricht traf mich wie ein Blitz.“ Er erkundigte sich, tatsächlich, es stimmte. Von da an hatte er nur noch das Ziel, Israel zu verlassen und nach Deutschland zu gehen, dorthin, wo seine Wurzeln sind. „Aber dein Job!“, sagten Freunde, es klang nach Vorwurf. „Wahrscheinlich werde ich nie wieder so eine Stelle bekommen, die so viel Spaß macht und so viel Ansehen bringt“, sagte er ihnen. Egal. „Man hätte mir eine Million Dollar bieten können, ich wäre nicht in Israel geblieben.“

Dann besuchte er die großen deutschen Städte, eine Großstadt sollte es schon sein, aber welche? In Berlin stieg er aus dem Zug, ging über den Kurfürstendamm. Als er die Gedächtniskirche sah, die Ruine, bekam er eine Gänsehaut. „Da wusste ich, ich bin da.“ Nicht weil die Gedächtniskirche ein Gotteshaus ist, sagt Stewart, sondern eher, weil es ein zerstörtes Gebäude ist und an die Vergangenheit erinnert. Er, der erst jetzt eine eigene Geschichte haben darf, freut sich, dass in Berlin so viel an die Vergangenheit erinnert.

Er habe einmal seinen Vater gefragt, was er wohl heute wäre, wenn es die Nazis nicht gegeben hätte. Er bekam zur Antwort: „Wahrscheinlich ein pensionierter Wehrmachtsoffizier, der keine Verbindung zum Judentum hat.“ Der Vater habe also zugegeben, dass ihm die Nazis die Identität diktiert haben. „Wenn mein Vater das akzeptiert, ist das okay“, sagt Stewart, „aber muss auch ich mir die Identität von meinen Feinden bestimmen lassen?“ Sein Vater habe ihm oft vorgehalten, dass die 3000-jährige jüdische Geschichte auch seine Geschichte sei. „Das ist aber viel zu weit weg.“ Der Hausvogteiplatz ist näher. Haus Nummer 1 hat dort ein Architekt gebaut, der mit seiner Ur-Ur-Großmutter verwandt war. Immer wenn er ins Zeughaus-Kino geht, steigt er jetzt U-Bahnhof Hausvogteiplatz aus und grüßt das Haus wie einen alten Bekannten. „Für meinen Vater ist das jüdische Volk wichtiger als die Familie“, sagt Stewart. „Wer nicht zum Volk gehören will, passt nicht in die Familie.“ Als er nach Berlin gezogen ist, hat der Vater den Kontakt zu ihm abgebrochen.

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