Zeitung Heute : Der Junge ist krank

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

Tanja Stelzer führte ein hektisches Großstadtleben – dann wurde Noah geboren. Und jetzt? Szenen eines großen Abenteuers.

Als ich schwanger war, freute ich mich nicht nur auf das Baby, sondern ich hatte auch eine Vorahnung: Ich würde bald nicht mehr ich selbst sein. Nicht gefasst war ich darauf, dass die Persönlichkeitsveränderung als Erstes meinen Mann erfassen würde. Tage vor der Geburt hatte er krampfartige Schmerzen im Bauch, die in immer kürzeren Abständen kamen und gingen. Mein Mann hatte Wehen. Wir wurden eine Familie.

Wie uns das Elternsein wirklich verändern würde, erfuhren wir erst acht Tage nach Noahs Geburt. Unser Baby war auf einmal sehr krank. Der seltene Fall einer spät auftretenden, aber besonders starken Neugeborenen-Gelbsucht, bei der die Gefahr eines Hirnschadens bestand. Unser Kind hatte plötzlich eine sehr lateinamerikanische Hautfarbe, die ihm äußerst gut stand. Es befand sich quasi pausenlos in dem Zustand, den Eltern an Babys lieben: Es schlief und schlief und schlief und schlief. Das war nicht normal. Als die Ärzte im Krankenhaus die Blutergebnisse sahen, wurden sie ziemlich hektisch. Unser Sohn kam in ein Wärmebettchen, wo er von allen Seiten mit blauem Licht bestrahlt wurde. Um seine Augen zu schützen, bekam er eine Brille. Die Kiste, in der er von nun an wohnen sollte, sah aus wie ein kleines Solarium, wären da nicht die zahllosen Kabel gewesen, die an seinem Körper hingen und zu unerklärlich piepsenden Geräten führten. Unser Sohn bekam von alldem wenig mit. Er schlief und schlief und schlief und schlief.

Eine Woche saßen wir vor der Kiste, Tag und Nacht. Auch wir trugen Schutzbrillen; damit sahen wir aus, als wären wir gerade einem Raumschiff entstiegen. Ich verbrachte die Zeit damit, mir zu überlegen, welche Gliedmaßen ich hergeben würde, damit der kleine Mensch, den ich gerade seit ein paar Tagen kannte, wieder gesund würde. Mein Mann schwor, dass er seinen fulminanten Golfscore hergeben würde, den er im letzten Spiel vor Noahs Geburt erzielt hatte. (Ich denke, das heißt nicht, dass Mütter ihre Kinder mehr lieben als Väter, sondern eher, dass Männer Golf lieben wie Frauen ihre Körper.)

Die meisten unserer Freunde, die in letzter Zeit Kinder bekommen haben, haben einen ähnlichen Crashkurs in Sachen Elternliebe und Elternsorgen absolviert. Einer unserer Bekannten vertritt die Theorie, dass die Natur das so eingerichtet hat: Erst mal wird den neuen Eltern demonstriert, wie zerbrechlich ihr Glück ist, damit sie gut darauf aufpassen.

Es ist noch mal alles gut gegangen. Ich habe sogar noch alle meine Gliedmaßen, nur mein Mann spielt nicht mehr so gut Golf. Vielleicht liegt das auch daran, dass er sich jetzt dafür weniger Zeit nimmt, denn Kinderhaben macht viel mehr Spaß als Golf.

Okay, wir gehen nicht mehr so oft aus. Stattdessen laden wir unsere kinderlosen Freunde zu uns ein. Selten vergeht dann mehr als eine halbe Stunde, bis sie sich unter unseren Babytrainer legen; so heißen diese Holzgestelle, von denen bunte Klötzchen herabbaumeln wie Trauben im Schlaraffenland. Nach ein paar Minuten stellen unsere Freunde den Babytrainer wieder weg, vor allem aus Langeweile, glaube ich, aber manchmal sehe ich in ihrem Blick auch Neid. Sie wissen: Wir Eltern dürfen ungestraft albern sein – albern, aber nicht sorglos. Das ist die Zwischenbilanz ein halbes Jahr nachdem wir als Eltern geboren wurden: Die Sorglosigkeit, mit der unsere alten Freunde auf ihre Partys gehen, ist weg. Ob sie irgendwann wiederkommt?

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