Zeitung Heute : Der Kälte trotzen

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Britta Wauer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Meine Großmutter, die heute 89 Jahre alt wird, hat noch immer ein Gespür für die Themen unserer Zeit. Neulich stellte sie fest, dass der Herbst abgeschafft worden ist. Er wäre einfach ausgelassen worden, so wie der Frühling und der Herbst im vergangenen Jahr. Von eiskalt sei es plötzlich sehr heiß und dann wieder kalt geworden. Sie vermisse die Übergangszeiten.

Genau das Gleiche hatte eine Bekannte kurz zuvor zu mir gesagt und ein Freund ein paar Tage später. Er erinnerte an das Wort „Übergangsmantel“, das mal ein fester Begriff in jedem besseren Konfektionsgeschäft war. Heutzutage würden Spaghetti-Träger-Tops direkt von den Daunenmänteln abgelöst und Flip-Flop-Latschen von hohen Stiefeln. Halbschuhe kenne praktisch keiner mehr.

Von „Übergangssachen“ hatte meine Großmutter auch gesprochen als Synonym für etwas, das nutzlos geworden sei. In ihrem Schrank würde jede Menge Kleidung hängen, für die es keine Tragegelegenheit mehr gibt.

Dabei ist es genau genommen noch gar nicht richtig kalt. Es ist sogar fest davon auszugehen, dass es in den nächsten Wochen noch 10 Grad eisiger wird. Es wird endlose sechs Monate dauern, bis wir wieder tropische Gefühle in den Liegestühlen entlang der Spree ausleben dürfen. Unsere zugezogenen Freunde aus Bayern werden sich beklagen über die sibirischen Winde in Berlin und neue Artikel darüber schreiben, wie ungemütlich die deutsche Hauptstadt ist.

Obwohl wir durchaus Orte haben, an denen man es sich auch im Winter gut gehen lassen kann. Zum Beispiel jenes kleine Geschäft, in dem man Dinge zu essen bekommt, die sogar den Münchnern schmecken dürften. Die behaupten ja häufig, sie könnten in den Berliner Bäckereien nichts Genießbares finden.

Falls Sie mal so einen quengelnden Zeitgenossen zu bewirten haben, sollten Sie zu den Spezialitäten des kleinen Geschäfts „Piavetti“ in der Invalidenstraße greifen. Der Laden, der sich schräg gegenüber der Elisabethkirche befindet, ist eine Mischung aus Café und Einkaufsgeschäft und sehr minimalistisch eingerichtet. Die Köstlichkeiten sind handgefertigt. Da gibt es zum Beispiel diese Blätterteigstückchen in Miniaturgröße, die mit Pistaziencreme gefüllt sind. Da sie optisch was hermachen und obendrein mundgerecht sind, eignen sie sich auch prima als gehobenes Party-Mitbringsel.

Das Beste am Laden aber sind seine Öffnungszeiten. Schon morgens um acht macht er auf, was man sich unbedingt merken muss, weil es zu dieser frühen Morgenstunde nur wenige Frühstückslokale dieser Qualität gibt. Wie oft ist man nach einer langen Nacht oder bei einer Frühbesprechung in einer verrauchten Eckkneipe gelandet, weil diese Etablissements in den Morgenstunden das Monopol besitzen. „Piavetti“ aber bietet guten Kaffee und Naschereien, von denen man sich nur allzu gern verführen lässt. Erst recht, wenn einen vor der Tür ein nicht enden wollender Winter erwartet.

„Piavetti – baretteria“ befindet sich in Mitte, Invalidenstr. 151, Öffnungszeiten Montag-Freitag 8-22 Uhr, Wochenende 9-22 Uhr.

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