Zeitung Heute : Der Kai aus der Kiste

Er ist der meistgespielte Dramatiker Deutschlands: jung, unbekannt, Berliner – und kein Theaterfan

Verena Mayer

Der Dramatiker, dessen Stücke in Deutschland am häufigsten gespielt werden, ist erstaunlicherweise nicht tot. Kai Hensel sitzt sogar äußerst lebhaft, fast hibbelig, beim Koreaner in Berlin-Schöneberg und kratzt mit dem Messer Reis aus einem Schälchen. Er ist ein schlanker Mann mit blonden Bartstoppeln, 41 Jahre alt, seit den Achtzigern lebt er in Berlin. Er redet schnell und springt oft von einem Gedanken zum nächsten, er wirkt wie jemand, der eigentlich woanders sein will, für den das Hier und Jetzt nur eine Zwischenstation zu etwas Aufregenderem ist.

Seinen Namen kennt kaum jemand. Er taucht nicht in der Kulturszene auf, weder beim Theatertreffen noch in „Theater Heute“, dem meist gelesenen Fachmagazin der deutschsprachigen Theaterwelt. Und doch ist Kai Hensel eine wichtige Größe in der deutschen Theaterlandschaft. Jedes Jahr rechnet nämlich der Deutsche Bühnenverein nach, welches Theaterstück in der vergangenen Spielzeit am häufigsten aufgeführt wurde. Das Ergebnis: Nichts von Goethe, nichts von Schiller, auch nichts von Brecht. Es war „Klamms Krieg“ von Kai Hensel. 31 Mal wurde es inszeniert, am Staatsschauspiel Dresden genauso wie an der Hauswirtschaftsschule in Hoyerswerda. Das zweite Jahr in Folge ist es jetzt schon das erfolgreichste Stück, sowohl was die Zahl der Aufführungen als auch die der Inszenierungen betrifft.

„Klamms Krieg“ ist der Monolog eines Lehrers namens Klamm. Einer seiner Schüler hat sich erhängt, weil der Lehrer ihn hatte durchfallen lassen, nun verschwören sich die Klassenkollegen gegen Klamm. Schule ist bei Kai Hensel kein Hort der Bildung, sondern ein Kriegsschauplatz. Am Ende zieht Klamm die Konsequenzen und hält sich eine Pistole an den Kopf.

„Klamms Krieg“ ist kein besonders originelles Stück, aber es kann sich irgendwie jeder darin wiederfinden, der frustrierte Lehrer genauso wie die angeödeten Schüler. 2000 kam es in Dresden heraus. „Und irgendwann explodierte das“, sagt Kai Hensel. Es war die Zeit nach dem Massaker von Erfurt, alle wollten plötzlich ein Schulstück spielen. Wobei es die Schüler sind, die nach einer Aufführung mit ihm sprechen wollen. Die Lehrer eher nicht so.

Kai Hensel hat eine seltsame Karriere hinter sich. Er hat für eine Werbeagentur in Hamburg getextet, zu deren Kunden IBM und VW gehörten, eine Zeit lang hatte er eine eigene Agentur in Berlin, mit Büro auf dem Kurfürstendamm. Daraus wurde auf die Dauer nichts, es hagelte Mahnungen. Er hat dann in einem Restaurant in der Bleibtreustraße Teller gewaschen und sich als Versuchsperson für medizinische Zwecke zur Verfügung gestellt. Nebenbei schrieb er Geschichten für Schwulen-Pornomagazine, um Geld zu verdienen, 1000 Mark gab es dafür. „In Berlin konnte man in den 80er Jahren ziemlich gut versacken“, sagt Hensel.

Später landete er dann beim Fernsehen. Er wurde Gagschreiber bei RTL, er hat Folgen für Serien wie „Alarm für Cobra 11“ oder „Die Männer vom K3“ geschrieben. Er hat für die Comedy Show „RTL-Samstag Nacht“ gearbeitet, noch heute ist er stolz darauf, dass da „schon mal der ganze Saal vor Lachen brüllte“.

Wenn man sich mit ihm unterhält, geht es nicht um Ästhetik oder Stücke, es geht überhaupt nicht um Theater. Kai Hensel ist dieser „Alles-schon-mal-gemacht“- Typ. Der dieses und jenes probiert hat und jetzt eben Stücke schreibt, weil er irgendwann genug hatte „von den zweidimensionalen Bildern“.

Gut ist für ihn, was unkompliziert ist und keiner Erklärung bedarf. Das, was die Leute sehen wollen. Dementsprechend sind die Themen seiner Stücke. In einem geht es um Drogenkonsum, ein anderes heißt „Glück im 21. Jahrhundert“ und handelt davon, dass man an einem der besten Orte der Welt lebt und trotzdem nicht glücklich ist. Die berühmteste Szene aus „Klamms Krieg“: Klamm beißt in eine Kakerlake. „Die ist immer gut angekommen“, sagt Hensel. Die klassische Theaterszene ist ihm zu bildungsbürgerlich, zu viel Kunst. Eine Zeit lang hat er es am Theater sogar mal probiert, in Lübeck, als Mädchen für alles. Bald durfte er inszenieren, „das hat mir Spaß gemacht, aber insgesamt war es trotzdem eine Scheißzeit, ich mochte das geregelte Leben nicht, in den Proben bin ich oft eingeschlafen“.

Was er vor allem wollte: weg. Woanders hin, dorthin, wo was los ist. Gerade war er wieder auf einer seiner Reisen, in Afrika, 21 Länder in 13 Monaten und zwar quer durch, also nicht von Kapstadt nach Kairo, „das wäre die Kinderstrecke“. Er war im Bürgerkriegsgebiet und in Gegenden, in denen es keine Wildtiere mehr gab, weil sie von den Hungernden gegessen worden waren.

Hensel schnappt sich das Faltblatt eines Theaters, das in dem Lokal ausliegt, und blättert es durch. Er zählt auf, was ihm überhaupt derzeit am Theater gefällt. Der Autor René Pollesch und seine Stadtneurotiker-Stücke, das semi-dokumentarische Theater der „Rimini-Protokolle“ und Frank Castorf. „Das Theater von Castorf – ist das nicht geil?“, sagt Hensel. Das Stückeschreiben, das Verknüpfen von Handlung und Raum, zwinge ihn zu „einer Intensität, die ich im Leben leider nur selten habe“.

Und so findet man bei dem Mann mit der ungewöhnlichen Dramatikerlaufbahn doch eine altmodische Vorstellung vom Theater. Dass es eine Gegenwelt ist und ein Zufluchtsort, jener Ort, der aufregender ist, als es das Leben je sein kann.

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