Zeitung Heute : Der Kaiser in China

Die deutsche Kolonialherrschaft dauerte in Qingdao ganze 16 Jahre. Doch geblieben ist allerhand: die größte Brauerei des Landes, das Oktoberfest und eine Altstadt. Und die Touristen kommen in Massen.

Harald Maass

Kühler Seewind bläst durch die nächtlichen Straßen. Vor den grauen Plattenbauten aus der Zeit des Sozialismus gräbt ein Schaufelbagger im Licht von Scheinwerfern die Erde um. Ein altes Volkswagen-Taxi holpert einsam über die Baustelle. Ein paar Schritte weiter, in der Shanghang Straße 34, steht Willi Werle hinter dem Tresen seiner Kneipe. „Noch ein Bier?“, ruft er den deutschen Ingenieuren zu, die an einem Holztisch in der Ecke sitzen. Chinesische Kellner servieren Schnitzel mit Pommes. An der Wand hängen alte Stadtpläne und Bierreklame aus Deutschland.

So ähnlich muss es damals hier gewesen sein, Anfang des vorigen Jahrhunderts. Tsingtao nannte man zu dieser Zeit die Stadt am gelben Meer, 800 Kilometer östlich von Peking. In den Kneipen trank man das Bier der „Germania Brauerei“. Auf den Straßenschildern standen Namen wie „Kaiser-Wilhelm-Ufer“ und „Bismarckstraße“. Die Berge entlang der Steilküste hießen „Mattenstock“ und „Dreizack“. Unter dem Druck westlicher Kanonenboote hatte der chinesische Kaiser das Gebiet den Deutschen als Kolonie abtreten müssen. 10000 Kilometer von der Heimat entfernt sollte ein Musterstädtchen entstehen, das „den Fortschritt und die Ordnung des deutschen Kaiserreiches nach China bringt“. Die Deutschen errichteten Fachwerkhäuser mit Vorgärten, Fabriken und Kirchen. Heute ist Qingdao, wie sich die Stadt nun schreibt, eine pulsierende Wirtschaftsregion mit sieben Millionen Einwohnern. Von den Deutschen sind nur Spuren geblieben – in einer vergessenen Kolonie.

Willi Werle, ein stämmiger 52-Jähriger, der den Abend über hinter dem Tresen steht und den Gästen beim Essen zuschaut, ist einer der wenigen Deutschen, die heute wieder in Qingdao leben. 1999 hatte ein Chemieunternehmen ihn für vier Monate nach Qingdao geschickt. Werle verliebte sich in eine Mitarbeiterin des Hotels, heiratete und kam vor zwei Jahren zurück nach China. Diesmal um sich selbstständig zu machen. „Ich hatte früher Metzger gelernt“, sagt der Mann aus Mannheim. Die Bratwürste in seinem Restaurant macht er deshalb selbst. Seine Kneipe mit dem Namen „Angela und Willis“ ist Treffpunkt der Deutschen in der Stadt. Rund zwei Dutzend Geschäftsleute und Studenten sind das. „Wir sind eine kleine Gemeinschaft hier“, sagt Werle.

Die Geschichte Qingdaos begann mit einem Doppelmord. Zwei deutsche Missionare waren 1897 im chinesischen Hinterland umgebracht worden. Als Täter vermutete man chinesische Geheimgesellschaften. Für Kaiser Wilhelm II. war die Ermordung willkommener Anlass, sich endlich auch ein Stück von China zu greifen. Die Briten saßen bereits in Hongkong. Franzosen, Russen, Amerikaner und Japaner machten sich in Shanghai breit. Wilhelm II. schickte Konteradmiral Otto von Diederichs mit einem Kriegsschiff-Geschwader los, um den Chinesen endlich zu zeigen, „dass der deutsche Kaiser nicht mit sich spaßen lässt“.

In der Bucht Kiautschou in der heutigen Provinz Shandong fanden die Deutschen, was sie suchten. Die Küste und das Hinterland waren bereits von Geographen vermessen und für eine Niederlassung als geeignet befunden worden. Die schlecht bewaffneten chinesischen Soldaten, die eigentlich als Empfangskomitee zur Begrüßung antraten, wurden vertrieben. China musste 1898 einem Pachtvertrag zustimmen, der Kiautschou, ein Gebiet so groß wie der Bodensee, den Deutschen für 99 Jahre übereignete.

Mit deutscher Gründlichkeit begannen die Kolonialisten in der chinesischen Provinz eine Stadt nach ihren Vorstellungen zu bauen. Eines der ersten größeren Bauprojekte war 1901 die Iltis-Kaserne. Es folgten Straßen und Alleen, Kanalisation, Schlachthof, Hafenanlagen, Wohnhäuser, Fabriken und eine Eisenbahnstrecke, auf deren Gleise noch heute die Züge rollen. Ein eigens aus Deutschland angereister Oberförster kümmerte sich um die Aufforstung der kahlgeschlagenen Küste. „Der Deutsche will unter grünen Bäumen wohnen und Waldesrauschen hören“, schrieb ein Zeitgenosse.

Die damals rund 4000 deutschen Zivilisten und Militärs, die in Villen residierten und von chinesischen Dienstboten umsorgt wurden, genossen das koloniale Leben in Ostasien. Im Sommer badeten sie mit ihren Familien an den Sandstränden der Stadt. „Hochgebirge, Wald und Meer – wo haben wir das in Deutschland zusammen? Im Frühling und Herbst herrliches Klima, fast immer blauer Himmel; Licht und Lust wie in Italien oder Spanien, der gesündeste und sauberste Platz in ganz China.“ Für die Chinesen war das Leben mit den Deutschen weniger idyllisch. Sie mussten in eigenen Stadtvierteln leben, oft in ärmlichen Behausungen. Eine „Chinesen Ordnung“ schrieb die Prügelstrafe fest – zu verabreichen in vier Mal 25 Schlägen. Bei Kindern unter zwölf bekam der Vater oder der ältere Bruder die Schläge ab.

Qingdao gehört heute zu den wichtigsten Industriestädten Chinas. Graubraune Plattenbauviertel ähneln denen in der ehemaligen DDR. Smogwolken verhängen den Himmel. In riesigen Fabrikgebieten am Stadtrand produzieren Wanderarbeiter Kleidung und andere Konsumgüter. „40 Prozent der Wirtschaftsleistung der Provinz Shandong wird in Qingdao hergestellt“, erklärt Sun Hengqin, der Vizedirektor für Außenhandel der Stadt. Mit seinem dunklen Maßanzug wirkt Sun eher wie ein Manager als ein Stadtangestellter. Suns Büro liegt im Osten in der Neustadt, einem Viertel aus glasverspiegelten Bürotürmen, Kaufhäusern und breiten Schnellstraßen.

Als sich China Anfang der 80er Jahre öffnete, war Qingdao bei den Reformen ganz vorne. Mit billigem Land und Steuernachlässen warb man ausländische Investoren an. Staatsbetriebe wurden privatisiert. Seitdem wächst die Wirtschaft mit jährlich zweistelligen Zuwachsraten. Überall in der Stadt entstehen neue Bürotürme, Luxushotels und Kaufhäuser. Nachts leuchtet die Reklame für amerikanische Kaffeehausketten und japanische Sushi-Restaurants. Tagsüber staut sich auf den mehrspurigen Stadtautobahnen der Verkehr. „Unser großer Standortvorteil ist der Hafen“, sagt Sun. Der Hafen wurde einst von den Deutschen gebaut, später immer wieder erweitert. Auch Seidenfabriken und Bergwerke errichteten einst die Deutschen, die damit ihre Investitionen zurückverdienen wollten.

Heute sind Chinas asiatische Nachbarn die wichtigsten Wirtschaftspartner der Stadt. Mehrere Zehntausend Koreaner und Japaner leben in Qingdao. Zu den wenigen Deutschen hier zählt Bernd Hackler. Seit vergangenem Oktober sitzt Hackler im elften Stock des Hisense Plaza mit Blick über das Meer und leitet das Verbindungsbüro des Freistaats Bayern, das noch auf eine Initiative von Franz Josef Strauß zurückgeht. Die meisten deutschen Firmen siedeln sich im Jangtse-Delta bei Shanghai oder in Südchina an. Doch Hackler glaubt an die Zukunft Qingdaos, nicht zuletzt, weil er sich selber wohl fühlt. Es ist das europäische Flair der Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern, Giebeln und Erkern, das Besuchern aus dem Westen schmeichelt.

Auf dem Berg thront die alte Christuskirche. „J.F. Weule, Bockenem im Harz“ steht in rostigen Lettern auf der Kirchturmuhr. In den alten Vierteln von Qingdao sieht es heute noch aus wie in einer deutschen Kleinstadt. Links und rechts der geschwungenen Straßen stehen die einstigen Wohnhäuser der deutschen Kolonialisten, viele mit den original alten Buntglasfenstern verziert. Wer etwas sucht, findet noch alte deutsche Gullydeckel oder Inschriften wie diese am Leuchtturm: „Deutsche fern von Heimatland, haben hier am fremden Strand, diesen Bau geschichtet. Schiffen soll er in der Not künden, wenn das Wetter droht.“

Viele dieser alten Zeugnisse hat Ursula Ullmann aufgestöbert. Vor zehn Jahren kam sie als Lektorin für den Deutschen Akademischen Austauschdienst nach Qingdao. Als nach zwei Jahren das Projekt auslief, entschied sie sich zu bleiben. Ullmann ist heute die inoffizielle Historikerin hier, „ich habe mich in diese Stadt und ihre Geschichte verliebt", sagt sie.

In den ersten Monaten in Qingdao war die Deutsche mit ihren leuchtend roten Haaren für die Chinesen noch selbst eine Sehenswürdigkeit. Mit historischen Stadtplänen und in Begleitung von Studenten, die ihr beim Übersetzen helfen, zieht Ursula Ullmann durch die alten Straßenzüge. Von alten Bewohnern lässt sie sich die Geschichte der Häuser erzählen. „Viele der alten Gebäude werden noch in der gleichen Funktion genutzt“, erklärt Ullmann. Das Gericht sitzt wie früher in einem alten Granitbau neben der kolonialen Stadtregierung. In den ehemaligen Reichskasernen marschieren heute Soldaten der Volksbefreiungsarmee. Ein „Beispiel für die Aufbauleistung“ der Deutschen ist für Ullmann die alte Kanalisation, die heute noch in Betrieb ist. „Getrennt nach Regen- und Schmutzwasser. Das war damals absolut fortschrittlich.“

Der Traum von der deutschen Musterstadt in Asien endete im August 1914 mit dem Kriegsausbruch in Europa. Während man in Qingdao noch das große Herbstfest mit Brieftaubenwettflug vorbereitete, zogen bereits japanische Kriegsschiffe in der Bucht vor Kiautschou auf. „Bis aufs Äußerste verteidigen. Gott mit Euch! Ich gedenke Euer“, kabelte der Kaiser aus Berlin an seinen Gouverneur Alfred Meyer-Waldeck. Doch schon am 7.November 1914 mussten die Deutschen in Qingdao kapitulieren. 4000 Männer gingen in japanische Kriegsgefangenschaft.

In den folgenden Jahrzehnten war Qingdao abwechselnd unter japanischer und chinesischer Kontrolle. Nach dem Sieg der Kommunisten im Bürgerkrieg rief Mao Zedong 1949 in Peking die Volksrepublik aus. Die letzten Deutschen und Europäer, die mit ihren Familien in Qingdao ausgeharrt hatten, mussten das Land verlassen. Die 1903 gegründete Germania-Brauerei wurde zum Staatsbetrieb. In die kolonialen Villen zogen Behörden, Schulen oder manchmal auch einfache Familien ein. Drei Jahrzehnte bis zur Öffnung Anfang der 80er Jahre stand Qingdao still. Der Sozialismus legte sich wie ein grauer Schleier über das Land. Die alte deutsche Architektur blieb wie in einem Winterschlaf erhalten.

Ein chinesisches Hochzeitspaar posiert vor der alten Gouverneursvilla zum Foto. „Qiezi“, ruft der Fotograf, was „Aubergine“ bedeutet und den Mund zu einem Lächeln formen soll. Qingdao ist heute ein beliebtes Urlaubsziel für Chinesen und darf sich mit dem offiziellen Titel „Exzellente Touristenstadt“ schmücken. 22 Millionen Besucher kommen jedes Jahr, um „Little Germany“ zu sehen und das Meeresklima zu genießen. „Bis 2008 wollen wir auf 30 Millionen Besucher kommen“, sagt Song Zongtao von der Tourismusbehörde der Stadt. In den Sommermonaten sieht man vom Strand aus kaum noch das Meer – so viele Menschen sind dann im Wasser. Eine Hauptattraktion ist das jährliche Qingdao Oktoberfest im August, zu dem Hunderttausende bierseliger Chinesen anreisen. Vom deutschen Reinheitsgebot hält man allerdings nicht viel. Um die Besucher zu unterhalten, schenkten die Wirte hier vor einigen Jahren grün gefärbtes Bier aus.

Nicht zuletzt wegen des Tourismus versucht man in Qingdao die alten deutschen und japanischen Viertel zu erhalten. „Wir haben strenge Bestimmungen für neue Gebäude in den geschützten Gebieten, besonders wie die Dächer auszusehen haben“, sagt Zhan Erpeng vom städtischen Planungsbüro. Doch der Schutz der alten Bausubstanz werde immer schwieriger, erklärt der Beamte. Korruption und mangelnde Gesetze führen dazu, dass immer öfter alte Häuser für Neubauprojekte abgerissen werden.

„Die Behörden haben nicht die Möglichkeit, die Häuser wirklich zu schützen“, sagt der Hobbyhistoriker Mao Weidong. Seit mehr als zehn Jahren fotografiert er in seiner Freizeit historische Straßen. „Ich mag die alten Häuser. Die neue Architektur hat im Vergleich dazu keinen Charakter“, ärgert er sich. In Peking, Shanghai oder Shenzhen seien die Hochhausviertel kaum zu unterscheiden. Mao ist pessimistisch. Zwar gebe es in Qingdao noch mehr als 1000 historische Gebäude. Das alte Stadtflair sei jedoch schon verloren, findet er, „Denkmalschutz und Entwicklung sind leider ein Widerspruch.“

Qingdaos Zukunft soll 2008 beginnen. Dann ist Peking Gastgeber der Olympischen Spiele und die Stadt am Gelben Meer Austragungsort der Segelwettbewerbe. Schon heute wird überall gebaut und renoviert. Für umgerechnet mehr als acht Milliarden Euro entsteht nicht nur ein neuer Segelhafen, ganz Qingdao soll umgekrempelt werden. Fabriken und Schiffswerften werden ins Umland verlegt, Straßen aus- und Viertel umgebaut. „Die Spiele sind für uns eine Chance, Qingdao und die Menschen zu verbessern“, sagt Li Fengli, der Vizedirektor des olympischen Organisationskomitees der Stadt. Sein Büro liegt im 27. Stock des ultramodernen Hochhauses der chinesischen Internetfirma CNC.

Durch die riesigen Glasfenster sieht Li die Altstadt von Qingdao – oder das, was von ihr geblieben ist. Um die vielen Neubauten in den Schutzgebieten zu kaschieren, verpasste die Stadtverwaltung in den vergangenen Jahren den Plattenbauten falsche Giebeldächer – mit Beton aufgesetzt wie auf eine Zuckertorte. Vielleicht ist auch das die Zukunft von Qingdao: Eine Art Disneylandkulisse für Touristen im Stil der deutschen Gründerzeit. Lautlos gleitet der Aufzug nach dem Gespräch mit Li nach unten. In der leeren Empfangshalle spielt ein automatisches Klavier den Schlager „Who’s sorry now?“ Draußen spazieren Familien mit ihren Kindern zum Strand. Und plötzlich steht die Zeit wieder still.

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