Zeitung Heute : Der Kalif von Kärnten

Der Tagesspiegel

Von Paul Kreiner, Wien

Als der junge Dr. jur. Jörg Haider einst beschlossen hatte, Politiker zu werden, da führte er bei der Ochsentour durch Partei und Land stets eine Menge Garderobe mit. Vor jedem Ort zog er im Straßengraben das passende Kostüm über: den Trachtenjanker für den Auftritt im Dorfwirtshaus, die Jeans für die Disko, Anzug und Krawatte fürs liberale Seminar.

Neulich, bei einem Empfang für die Botschafter arabischer Länder, fiel der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider mit einem jener Gebetskettchen um die Hand auf, wie sie bei Männern im moslemischen Kulturkreis üblich sind. „Ich habe mehrere davon, und ich benutze sie auch“, sagte er der verblüfften Öffentlichkeit.

Der Grat zwischen gerissener Selbstinszenierung und peinlicher Anbiederung ist schmal, die chamäleonhafte Wandlungsfähigkeit Haiders berühmt. Was muss er bei seinem Besuch der Familie Gaddafi in deren Wüstenzelten aufgetischt haben, wenn jetzt ein Sohn des libyschen Diktators berichtet, Haider erwäge, zum Islam zu konvertieren? Seine Vorfahren seien nämlich vor 400 Jahren aus Andalusien eingewandert und Christen geworden. Jetzt aber wolle Haider, fuhr Seif el Islam Gaddafi fort, wieder „Moslem und Araber sein“ und habe um eine deutsche Fassung des Koran gebeten. Deshalb verstünden sich die beiden auch so gut.

Ein Märchen aus 1001 Nacht? Haider hat es nicht dementiert. Keiner soll wissen, woran er wirklich ist mit ihm. Die rastlose, ebenso treibende wie getriebene Unberechenbarkeit gehört zu seiner politischen Masche. Und vielleicht, so vermutet seine Biografin Christa Zöchling, die auch die Episode mit den Kostümwechseln überliefert, vielleicht weiß er selbst nicht, wohin er steuert: „Ein einsamer Wolf, der unbeirrt eine Mission erfüllt. Die Frage ist bloß: welche?"

Es gibt dennoch eine Konstante in all dem, und die heißt: Ich. Haider tut, was er will, und wenn sie ihn einmal glauben in die Ecke getrieben oder gar gestellt zu haben, dann findet er immer eine Volte, um wieder als strahlender Held dazustehen und seine Widersacher zu demütigen. So war es auch vor einiger Zeit, als Haider spektakulär seinen „unwiderruflichen“ Abschied von Bundespolitik und Bundes-FPÖ bekannt gab. Nichts davon hat er zurückgenommen – und doch steht Haider nun stärker da als je zuvor.

Angefangen hat es damit, dass er die Partei, die unter seiner Führung groß geworden ist, in die Regierung gelotst hat. Dieser gehört er selbst jedoch nicht an. Auch ist er vor zwei Jahren als Parteichef zurückgetreten. An Macht aber hat er ganz und gar nichts verloren. Als Landeshauptmann von Kärnten und „einfaches Parteimitglied“ pflegt er von Klagenfurt aus dazwischenzurufen, wenn ihm etwas an der Wiener Politik nicht passt. Da gibt es vieles, vom Kompromiss mit Tschechien über das Atomkraftwerk Temelin bis zur Besteuerung der Unfallrenten, wo man sich trefflich als „Anwalt des armen, kleinen Mannes“ profilieren und die Emotionen der Stammtische verstärken kann. Das Muster ist immer gleich: Die Regierung beschließt etwas, die FPÖ-Minister beschließen mit – und im Fernsehen poltert Haider: Das geht so nicht. Sofort wird das Paket wieder aufgeschnürt. Die FPÖ ist Regierung und Opposition zugleich.

Die Palastrevolution

Dieses Zwitterdasein führt zu allerhand Reibereien. Vergeblich fleht die „blaue“ Ministerriege, man möge sie doch endlich ungestört arbeiten lassen. Den Zwiespalt der Partei beschreibt Fraktionschef Peter Westenthaler so: Haider lasse nicht zu, dass die FPÖ, sein Kind, selbstständig laufen lerne, sondern ziehe es „nach zwei Schritten schon wieder an den Hosenträgern zurück“. Westenthaler ist das augenfälligste Beispiel für die Orientierungslosigkeit der FPÖ. Seit 14 Jahren hängt er Haider getreulichst an, demagogischer Großsprecher ist er ebenso wie anlehnungsbedürftiges Papa-Söhnchen. Doch mit Haiders Rücktritt als Parteichef ist sein Weltbild gehörig durcheinandergeraten. Nun hat Westenthaler eine neue Vorsitzenden, Susanne Riess-Passer. Ihr soll er den Rücken freihalten und die Regierungsarbeit vertreten. Und dann gibt es da auch noch einen gewissen Andreas Khol, Der ist Fraktionsvorsitzender der Kanzlerpartei ÖVP, der mit seinen 60 Jahren ein neuer Vater für den 34-jährigen Westenthaler geworden ist und ihn gönnerhaft-nachsichtig einspinnt. Und den Jörg gibt es eben auch noch.

Das Elend dieser Zerrissenheit wurde Westenthaler einfach zu viel. Also probte er den Aufstand. Ganz allein war er, Riess-Passer weilte gerade in den USA, Haider schüttelte Saddam Hussein die Hand. Da zettelte der Fraktionschef in unerhörter Kühnheit eine Strategiedebatte in der FPÖ an: Regierungs- oder Oppositionskurs? Laufen lernen oder Hosenträger?

Haider erfuhr von der Insubordination, als er von seiner berühmten Reise Bagdad zurückkam. In diesen Tagen schlugen die Wogen der Kritik ohnehin über ihm zusammen. Selbst in der eigenen Partei dachte mancher, einem blutrünstigen Diktator die „Grüße des österreichischen Volkes“ zu überbringen, sei doch etwas überzogen. Die berüchtigte, aber massenwirksame „Kronen-Zeitung“ rief die parteiinterne „Meuterei gegen Haider“ aus. War es nun einer seiner depressiven Schübe oder war es kalte Taktik? Jedenfalls bestellte Haider ein Kamerateam der Hauptnachrichten zu sich und verkündete: „Wenn sie selbstständig sein wollen… Ich bin schon weg.“

Es war Freitagabend. Bereits am Samstagmorgen rutschten die Landeschefs der FPÖ auf Knien nach Kärnten und flehten Haider an, seinen Entschluss zu widerrufen. Was täten sie auch ohne ihn, ihre einzig zugkräftige Wahlkampfmaschine? Und alle schossen sich auf Westenthaler ein: Der sei schuld, der habe Haider tödlich gekränkt – der müsse gehen.

Westenthaler brach in sich zusammen; mit Tränen in den Augen sagte er, er kenne die Partei und rechne damit, seinen Job zu verlieren. Doch dann kam wieder einmal alles anders. Haider ließ sich vom eilig einberufenen Bundesvorstand gerne drängen, der zu bleiben, der er ist. Und trotz seines „Rückzugs“ zeigte er, wer in der FPÖ das Sagen hat. Da konnte er sich sogar dem Rebellen Westenthaler gegenüber großzügig zeigen. Am Ende der Bundesvorstandssitzung begnadigte ihn Papa Haider höchstpersönlich. Damit ging das „einfache Parteimitglied“ endgültig als Sieger hervor. Eine eindeutige Festlegung auf Regierungs- oder Oppositionskurs ist abgesagt; der Putsch verkehrt sich in ausdrückliche Loyalität.

Zu Kreuze kriechen mussten auch die FPÖ-Landesfürsten, die für Westenthalers Entlassung waren. Wenn sie Haider wollen, lautete die Botschaft, haben sie sich Haiders Entschlüssen zu fügen. Selbst der Koalitonspartner hat keine Wahl: Wenn die ÖVP regieren will, ist sie auf die FPÖ angewiesen – auf diese FPÖ. Eine andere, das hat Haider gezeigt, ist nicht zu haben.

Und dieser hat die Position zurückerobert, in der er allein glücklich ist: die des unangefochtenen Liberos. Er kann reden, polemisieren, fordern, opponieren, wie er es für wählerwirksam hält. So definiert Haider eben „Freiheitliche Partei“: Er hat seine Freiheit, die anderen interessieren ihn nur insofern, als sie diese garantieren.

Rabauke bleibt Rabauke

Die Frage ist bloß: mit welchem Ziel? In Österreich hat man früher gedacht, Haider werde irgendwann erwachsen werden, das Rabauken- oder Dauerrebellentum ablegen, um für seinen Traumjob Bundeskanzler salonfähig zu werden. Diese These darf nun als widerlegt gelten. Haider ist 52 Jahre alt, und seine Unfähigkeit zu Aufbau- und zu Teamarbeit ist nach wie vor eklatant. Eine von ihm geführte Regierung würde nach menschlichem Ermessen nicht einmal ein Jahr halten.

Deshalb muss die Frage anders gestellt werden: Was kommt als Nächstes? Haider muss in seinem Rabaukentum ja steigerungsfähig bleiben, sonst läuft sich die Masche tot. Etliche Anzeichen dafür gibt es schon. Die Umfragewerte für ihn sind im Keller. Aber jetzt hat Haider ja eine globale Rolle gefunden. Mit seiner Reise zu Saddam Hussein hat er die USA so gereizt, dass sie die Angelegenheit vor den Weltsicherheitsrat bringen wollten. Das gefällt einem Haider natürlich: Der Kärntner Landeshauptmann fordert den amerikanischen Präsidenten heraus! Selbstverständlich, sagt Haider nun, werde er wieder in den Irak reisen, „wenn der Wunsch an mich herangetragen wird".

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