Zeitung Heute : Der kalifornische Albtraum

Ein Erdbeben hat San Francisco vor 100 Jahren beinahe ausgelöscht. Experten sagen, die Katastrophe wird sich wiederholen. Und je länger es dauert, desto schlimmer wird es. Wie lebt man mit solch einer Prognose? Eine Erkundung.

Christine Meffert

Wäre San Francisco ein Patient, würde man sagen, dieser Patient verdrängt ein schweres Trauma.

Aber es gibt Menschen, die erinnern wieder und wieder an dieses Trauma – und in diesen Tagen hört man vielleicht mehr auf sie als sonst. Man findet diese Menschen in Menlo Park, nördlich von San Francisco. Die Villen von Menlo Park liegen verborgen unter wuchernder Vegetation, unter Palmen, Zypressen und Eukalyptusbäumen, als hätte man ein paar Häuser in einem gigantischen botanischen Garten versteckt.

Auf dem Gelände des Geologischen Instituts ist es sehr, sehr still, auch hier wachsen zwischen flachen Gebäuden tropische Pflanzen. Viele der Häuser sind nach dem letzten großen Erdbeben mit Stahlverstrebungen verstärkt worden. Vor der ebenerdigen Kantine sitzen die Wissenschaftler unter Sonnenschirmen und plaudern. Alle paar Stunden verzeichnet einer ihrer Seismographen eine Erschütterung, die sogleich auf einer Webseite ausgewertet wird. „Hast du es auch gespürt?“, fragen sich die Bewohner von San Francisco dann gegenseitig und schauen auf der Webseite nach, wie stark das Beben war.

David Schwartz schließt die Jalousien seines Büros, die Sonne fängt mittags an zu beißen. Schwartz, ein schlanker, dunkelhaariger Mann in den 50ern, der auch im Büro gerne atmungsaktive Funktionskleidung trägt, sitzt am Schreibtisch im ersten Stock und ist müde. Erst vor kurzem ist er aus der Wüste Gobi zurückgekehrt, wo er Erdspalten untersucht hat.

Vor drei Jahren hat Schwartz der Öffentlichkeit eine erschreckende Erkenntnis mitgeteilt. Eine Erkenntnis, die sich nur als Wahrscheinlichkeit formulieren lässt, nicht als Vorhersage. Das ist das Kreuz der Erdbebenforscher, dass sie keine Gewissheiten verbreiten können. Das macht die Verdrängung leichter.

Nach jahrelangen Studien waren die Geologen zu dem Ergebnis gekommen, dass das, was schon einmal geschah, wieder passieren kann. Dass nämlich die Bay Area, in der San Francisco und viele andere Gemeinden liegen, bis zum Jahr 2032 von einem Erdbeben mit einer Stärke von mehr als 6,7 auf der Richterskala heimgesucht werden wird. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei 62 Prozent.

„Das ist eine hohe Wahrscheinlichkeit“, sagt David Schwartz, er weiß, dass man für Laien Wahrscheinlichkeiten interpretieren muss. „Es ist nicht mehr die Frage, ob es passiert. Es ist nur noch die Frage wann.“

Nachdem Schwartz die neuen Zahlen an die Öffentlichkeit gebracht hatte, kaufte er sich eine Erdbebenversicherung. Denn Schwartz hat wie die meisten Bürger von San Francisco eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was „the big one“ anrichten könnte – die Stadt hat es schon einmal kaum überstanden.

Es war der 18. April 1906, ein Mittwoch, der Frühling war schon ungewöhnlich weit vorangeschritten, als San Francisco sein Trauma erfuhr.

Es war ein Tag, an dem fast alle Bewohner zur selben Sekunde erwachten: um genau 5 Uhr 12. James Hopper, Reporter des „Call“, berichtete später: „Das Beben startete mit einer unglaublichen Direktheit, wild entschlossen und ohne Zweifel an seinem Ziel. Es stürzte sich auf die Erde wie eine außerirdische Bulldogge, brüllend mit hungrigem Ungestüm, schüttelte die Erde wie eine Ratte zwischen den scharfen Zähnen, schüttelte, schüttelte, schüttelte, mit immer neuen Ausbrüchen wilder Wut.“

Es war ein extrem starkes Beben, Stufe 8,3 auf der Richterskala. 3000 Menschen sollen ums Leben gekommen sein, die Angaben schwanken. Ganze Rinderherden, die in Panik durch die Straßen flohen, wurden vom Erdboden verschluckt. Enrico Caruso, der große Opernsänger, der gerade die Stadt mit einem Gastauftritt beglückte, floh mit dem nächsten Schiff. Die Polizei bekam die Befugnis, Plünderer und andere Kriminelle auf der Stelle zu erschießen. Wie viele Menschen allein auf diese Weise starben, ist nicht überliefert. Am Freitag, den 20. April war San Francisco nicht mehr wiederzuerkennen. Die schöne junge Stadt am äußersten Rand der westlichen Welt lag in rauchenden Trümmern.

Am schlimmsten aber waren – so schreibt Philipp L. Radkin in seinem Buch „The Great Earthquake and Firestorms of 1906“ – die Feuer, die nach dem Beben ausbrachen, und diese Feuer speisten sich aus der „Dummheit“ der Menschen, die in keiner Weise vorbereitet waren, nicht wussten, wie sie reagieren sollten. Manche haben im Erdbeben von San Francisco die erste Katastrophe der Moderne gesehen, eine Katastrophe, die den modernen Menschen weit zurückgeworfen hat in seinen Allmachtsfantasien.

David Schwartz hat die Erdbeben der Vergangenheit auf einer Zeitskala angeordnet, jedes Erdbeben eine Säule, umso höher, je stärker die Intensität. Die fertige Grafik zeigt sehr viele Erdbeben zwischen 1836 und 1911 und sehr wenige zwischen 1912 und 2006. Das könnte einen beruhigen. Doch es ist gerade das, was Schwartz und seine Kollegen erschreckt hat.

In Kalifornien stoßen die Pazifische und die Nordamerikanische Erdplatte aneinander. Die Platten bewegen sich je nach Intensität der Aktivitäten im Erdinneren mehr oder weniger stark. Sie können sich verhaken, übereinander schieben und plötzlich wieder lösen. Dadurch entstehen Erdfalten – die größte und längste, an deren Verlauf die meisten Erdbeben zu verzeichnen sind, ist die San Andreas Falte. Wenn sich nun die Energien, die durch diese Plattenbewegungen entstehen, längere Zeit nicht entladen haben, werden sie es schließlich mit umso größerer Wucht tun. Das ist die These der Wissenschaftler.

1989 gab es noch einmal eine grausame Warnung an die Menschen, die das Erdbeben von 1906 schon fast vergessen hatten. Obwohl das Epizentrum des Bebens bei Loma Prieta lag, einem Berg etwa 100 Kilometer südlich von San Francisco, war das Ausmaß der Zerstörung groß. 67 Menschen starben, 12 000 waren danach vorübergehend oder länger obdachlos. Manche blieben es.

Brenda Benner hatte Glück. Sie ist 42 Jahre alt, arbeitete damals bei einer Computerzeitschrift. „Wir mussten um fünf Uhr unsere Titelseite belichten, hatten aber noch keine Überschrift. Als sie endlich da stand, gab es einen Rumms, es war genau 17 Uhr 04. Wir rannten unter den Türbogen, dort soll die Konstruktion am sichersten sein, einige krochen unter die Schreibtische.“

Das Hochhaus in San Francisco, in dem Brenda Benner arbeitete, hielt stand, nur Strom und Telefon fielen aus, sie war viele Stunden von ihren Angehörigen abgeschnitten. Auch kam sie nicht nach Hause nach Alameda in der East Bay, das nur über eine Brücke, die Bay Bridge, zu erreichen ist. Erst am nächsten Tag konnte sie mit der Fähre nach Hause fahren. „Das Haus stand noch, alles in Ordnung, nur ein paar Bilder hingen schief.“

Brenda Benner hat nach dem Beben ihr Haus sichern lassen. Sie hat die Verbindung des Hauses mit dem Steinfundament durch Pfähle verstärken lassen, oft rutscht der Holzaufbau bei einem Beben einfach ab. Brenda Benner hat auch Vorräte angelegt, Wasser, Trockennahrung und eine Bargeldreserve, falls die Geldautomaten nach einem Stromausfall nicht funktionieren. Sie hat sich mit ihren Freunden abgesprochen, dass sie bei Brendas Eltern in Pennsylvania Nachrichten hinterlassen, wenn sie sich im Notfall nicht direkt erreichen können.

Brenda Benner hat ihren persönlichen Besitz gesichert, aber was ist, wenn sie sich auf Staatsbesitz befindet beim nächsten Beben, auf einem Highway oder einer Brücke?

Ein Freund von Brenda Benner ist pensionierter Feuerwehrmann, ein kräftiger älterer Mann. Eigentlich will er seine Albträume, die jetzt langsam seltener werden, nicht wieder heraufbeschwören. Aber dann spricht er doch. Er war am 17. Oktober 1989 an dem Ort, wo das Beben die meisten Opfer forderte: auf dem Cypress-Highway. Diese Schnellstraße führte durch Oakland, die rauere Nachbarstadt von San Francisco. Als die Erde sich bewegte, sackte der obere Teil des doppelstöckigen Highways auf den unteren. Die Zeitungen sprachen vom „tödlichen Sandwich“. Viele Autos wurden zusammengequetscht auf eine Höhe von einem Meter. Dutzende Menschen starben. Die Feuerwehrmänner waren die ganze Nacht im Einsatz. Immer wieder krochen sie durch Spalten und Löcher in den Zwischenraum, versuchten, die Lebenden von den Toten zu unterscheiden und zu bergen. In einem Auto saß eine Familie, die Mutter vorne war schon tot. Um ihren kleinen Sohn im hinteren Teil des Wagens retten zu können, musste ihre Leiche zerteilt werden. Der Feuerwehrmann ist zittrig, nachdem er das erzählt hat, er will jetzt nach Hause. Er ist froh, dass er pensioniert ist.

Der Cypress-Highway ist abgerissen worden, ein neuer ist errichtet, sicherer als der alte. Aber noch heute, 17 Jahre später, muss Brenda Benner, wenn sie von Alameda nach San Francisco will, die alte Bay Bridge nehmen.

Die Brücke wurde 1936 gebaut und hielt der Erschütterung 1989 nicht stand. Die obere der zwei Fahrbahnen knickte auf die untere, die Autofahrer sausten einfach ins Loch. Sofort nach dem Unglück beschloss man, eine neue Brücke zu bauen. Doch dann kam die Debatte über ihre Gestaltung, dann die Debatte, wo sie enden sollte, und schließlich begann die Debatte über die Kosten.

Mittlerweile sieht es so aus, als könne die Brücke, die täglich 280 000 Fahrzeuge passieren, vielleicht im Jahr 2013 fertig sein. 24 Jahre nach ihrer Zerstörung. Sie wird dann möglicherweise 6,3 Milliarden Dollar gekostet haben. Der „San Francisco Chronicle“ schreibt, dass die Frage noch offen ist, ob die Verzögerung in Dollar oder in Leben gemessen werden wird.

San Francisco liegt auf einer Halbinsel, mit dem östlichen und nördlichen Festland ist es durch die Bay Bridge und die Golden Gate Bridge verbunden. Diese besondere Lage macht die Region extrem verletzlich. Auf der Halbinsel leben knapp 800 000 Menschen, in der ganzen Bay Area aber acht Millionen. Wer nicht mit dem Bus oder Auto fährt, benutzt Bart, eine U-Bahn, die unter der Bucht entlangführt. Die Vorstellung, in einem der Bart-Züge eingeschlossen zu sein, wenn die Erde bebt, ist besonders unangenehm. Was ist, wenn der Tunnel Risse bekommt, wenn Meerwasser eindringt? Viele Feuerwehrmänner wohnen außerhalb der Stadt, wie sollen sie im Notfall in die Stadt gelangen, wenn die Brücken verstopft oder zusammengebrochen sind?

Wie viele Menschen ins Krankenhaus müssen, wie viele verletzt oder sterben werden, das hängt vor allem von der Vorbereitung der Stadt ab, sagt Chris Rojahn. Und die ist schlecht.

Rojahn, Ende 50, weiße Tolle, sehr souverän, ist Ingenieur, er beschäftigt sich mit der Frage, welche Schäden Naturkatastrophen und Terroranschläge anrichten, und wie man diese Schäden eindämmen kann.

Im Jahr 2000 bekam Rojahns Non-Profit-Organisation von der Stadt den Auftrag, den privaten Hausbesitz in San Francisco auf seine Erdbebensicherheit zu untersuchen. Auf dieser Grundlage sollte ein Plan entwickelt werden, mit welchen Anreizen die Stadt die Hausbesitzer dazu bewegen könnte, ihre Häuser sicherer zu machen, so wie es Brenda Benner getan hat.

Die Studie sollte der erste Schritt sein, um die für amerikanische Verhältnisse sehr alte Gebäudesubstanz der Stadt – fast die Hälfte aller Häuser wurde vor 1939 errichtet – sicherer zu machen. Die Gefahr einstürzender Altbauten sollte minimiert werden.

Betroffen sind vor allem die Viertel, die San Francisco sein Gesicht geben, die alten Viertel Chinatown, Tenderloin, Teile vom Market, Sunset und Mission District. San Francisco könnte bei einem stärkeren Beben bis zu 29 Prozent seiner Gebäude verlieren, abhängig vom Wetter und der Zerstörung durch ausbrechende Brände könnten es bis zu 50 Prozent sein. Der finanzielle Schaden? Bis zu 150 Milliarden Dollar. Wie viele Menschenleben die Katastrophe kosten würde, hat Rojahn nicht kalkuliert.

Seltsamerweise, erzählt er, und sein Lächeln bekommt dabei einen zynischen Zug, habe die Stadt die Studie nach der ersten Phase, nach der Analyse, abbrechen lassen. Die Gründe dafür habe er nie verstanden.Und die Behörde für Katastrophenschutz möchte sich nicht äußern. Die Studie ruht und die Gebäude sind so unsicher wie eh und je. Man kann nur empfehlen, Eckhäuser zu meiden, sowie alte Ziegelhäuser, die keine Schwingung abfangen können – anders als Holzhäuser, aber auch die haben Tücken, wenn sie, wie etwa im noblen Marina District, auf Sand gebaut sind.

Es liegt natürlich am Geld. Kalifornien ist pleite. Aber vielleicht ist auch die Vorstellung, dass sich die Erde plötzlich wellt, sich auftut und Häuser verschluckt, dem Menschen so fremd, dass der Glaube an die Katastrophe zu schwach ist, selbst, wenn sie schon einmal passiert ist.

Brenda Benner sitzt in ihrem Haus in Alameda. Im Fernsehen sieht sie, wie auf der anderen Seite des Kontinents Hurrikan Katrina im Spätsommer 2005 New Orleans verwüstet, wie Dämme brechen, die Menschen über Highways fliehen, die Plünderungen beginnen. Durch das Fenster neben dem Fernseher sieht man Einfamilienhäuser, jedes schaut anders aus, mit Türmchen, Erkern, aus Holz, aus Feldstein, alle vor dem Zweiten Weltkrieg erbaut. Autos werden gewaschen, Hecken gestutzt. Brenda macht den Fernseher aus. So etwas wie in New Orleans könnte hier nicht passieren, sagt sie.

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