Zeitung Heute : Der kalte Krieg der Bilder

Erst Provokation, dann Versöhnung: Was die iranischen Fernsehfilme über den Umgang mit den britischen Soldaten verrieten

Markus Hesselmann[London] Andrea Nüsse

Das Podium für die Pressekonferenz gleicht einer Theaterbühne: ein grüner Tisch mit gelben Lilien, ein blauer Samtvorhang, die iranische Fahne, ein Foto der Moschee von Medina. Oben rechts in luftiger Höhe ein Porträt des iranischen Revolutionsführers Khomeini, der seinem Musterschüler zu lauschen scheint. In diesem Dekor führte der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad sein Ein-Personen-Stück auf. Er zitiert Verse aus dem Koran, lässt eine lange, angriffslustige Rede gegen den UN-Sicherheitsrat und Großbritannien folgen. Der Ton ist feierlich, die Miene des Präsidenten ernst. Schließlich heftet er dem Kommandeur der Revolutionären Garden, der die 15 britischen Soldaten festnahm, einen roten Orden für besondere Verdienste an die Uniform.

Dann erst kommt er zur Hauptsache: Das Volk und die Regierung hätten beschlossen, die 15 britischen Seeleute zu begnadigen. „Dies ist ein Geschenk an das britische Volk“, verkündet er und strahlt über das ganze Gesicht.

Gestellte Bilder im Iran, ungefilterte Freude in Großbritannien. „Ich hätte nie erwartet, dass es heute Nachmittag passiert“, sagte Sandra Sperry, die Mutter des britischen Marinesoldaten Adam Sperry, der mit 14 seiner Kameraden fast zwei Wochen lang im Iran gefangen gehalten worden war. „Ich freue mich unglaublich“, strahlte sie in ihrer Heimatstadt Leicester in die Fernsehkameras. „Aber ich werde es erst so richtig fassen können, wenn ich Adam wieder im Arm halte.“ Da musste Sandra Sperry noch einen Tag warten. Den Humor hatte sie jedenfalls schnell wieder: „Mal sehen, wie wir ihn wieder loswerden können“, sagte sie. Dann ging es ab in den Pub, um zu feiern. Ähnliche Bilder gab es gestern auch aus Huddersfield oder Plymouth – anderen Städten, aus denen freigelassenen Soldaten kommen.

Ganz überraschend kam die Freilassung indessen nicht. Die Sprache der Fernsehbilder, die der Iran in Richtung Großbritannien schickte, hatte es nahegelegt. Mit jedem Tag wurden die Botschaften versöhnlicher. Der erste Film mit dem vermeintlichen Geständnis der Marinesoldatin Faye Turney war noch ein filmisches Dokument der Macht, das den ehemaligen Kolonialherren ihre Grenzen aufzeigen sollte. Es sollte Empörung auslösen und tat das auch. Doch in britischen Internetforen und auf Leserbriefseiten wurde auch Kritik an der eigenen Regierung geübt. Warum werden unsere Soldaten überhaupt in eine solche Lage gebracht, fragten die einen. Andere schrieben, ihre Regierung habe schon einmal gelogen, als es um den Irakkrieg und die angeblichen Massenvernichtungswaffen ging. Ob der Iran am Ende vielleicht sogar Recht habe mit seinen Vorwürfen? Waren die 15 britischen Marinesoldaten womöglich tatsächlich in iranische Hoheitsgewässer eingedrungen?

Aber es gab auch Schreiber, die an die vergangene Glorie des Empires erinnerten und eine Rückkehr zur harten Hand der Kolonialzeit forderten. Premierminister Tony Blair ließ sich nicht beirren und blieb bis zur Lösung der Krise bei seiner diplomatischen Sprache – mit immer mal wieder eingestreuten vorsichtigen Untertönen, dass man im Notfall auch anders könne.

Wie zur Untermauerung der Fernsehbilder brachte der Iran Briefe der Marinesoldatin Turney in Umlauf. Darin wiederholte sie ihr „Geständnis“ und forderte, dass ihr Heimatland die Truppen aus dem Irak zurückziehen solle. Britische Grafologen ermittelten, dass die Handschrift der verschiedenen Briefe übereinstimme und tatsächlich von Turney stamme. Der Grafologe der „Sun“ las Hoffnung heraus: Die aufrechte Form der Buchstaben zeige, dass Faye Turney ein unabhängiger Charakter sei. Es war die Stunde der Psycho-Experten – auch im Fernsehen. Ein Fachmann für Körpersprache analysierte Gesten im nächsten iranischen Fernsehbeitrag, einem Clip mit Faye Turney und zwei ihrer Kameraden. Schon hier wirkte die Stimmung gelöster. Die drei Royal Marines lächelten und schienen sich einigermaßen entspannt miteinander zu unterhalten. Dann wiederholte der Soldat Nathan Summers in einer Art Interview vor laufender Kamera das „Geständnis“.

Der Fernseh-Experte kam zu dem Schluss, das hier einer nicht aus freien Stücken spricht. Immer wieder blickte der Soldat zur Seite, als ob er seine Stichworte von einem Souffleur empfinge. Immer, wenn die vermeintliche Grenzverletzung direkt zur Sprache kam, rutschte er nervös auf seinem Stuhl herum. Und was er sagte, klang wie auswendig gelernt.

Andere Aufnahmen wirkten wie Bildungsfernsehen. Einzelne britische Soldaten mussten sich vor einer Karte mit vielen Linien postieren. Dann sollten sie genau zeigen, wo und wie sie das iranische Hoheitsgebiet verletzt haben. Wir haben gute Argumente, dass hier ist nicht bloße Show, schien die Botschaft dieser Folge im kalten Krieg der Bilder zu sein. Die britische Regierung durfte das Spektakel durchaus auch als Parodie auf eigene Bemühungen verstehen, mit Seekarte und GPS die Unschuld der Royal Marines zu beweisen.

Die Eltern der Gefangenen gerieten in eine widersprüchliche Lage. Auf der einen Seite der Schock, dass da der eigene Sohn oder die eigene Tochter im Fernsehen weltweit vorgeführt wird als Spielball in einem politischen Poker. Auf der anderen die Freude über den Beweis, dass es ihm oder ihr offenbar gut geht. „Für mich war nur wichtig, ihn lebend und gesund zu sehen“, sagte Roy Summers, der Vater von Nathan Summers.

Auch in ihren Briefen erhielt Faye Turney offenbar immer wieder die Anweisung aufzuschreiben, dass es ihr an nichts fehle. „Das iranische Volk ist freundlich, besorgt, warmherzig und sehr gastfreundlich“, schrieb Turney. „Sie haben mir nichts Böses getan, sondern haben sich sehr um mich bemüht. Ich bekam zu essen und Kleidung. Man hat sich gut um mich gekümmert.“

Vorgestern dann der letzte Film aus Teheran in dieser Affäre. Die nun offenbar völlig entspannte Stimmung verblüffte. Wie bei einer Studentenparty saßen die Briten auf einem Teppich und schienen sich gut zu amüsieren. Es gab Getränke und Brettspiele. Während im Iran sogar westliche Korrespondentinnen mit Kopftuch vor die Kameras treten, war Turney plötzlich ohne Kopfbedeckung zu sehen. Die Soldaten trugen nicht mehr Uniformen, sondern legere Sportkleidung. Der Krieg ist vorbei, die Krieger von gestern tragen heute zivil, schien die Botschaft zu sein. Kurz zuvor hatte der Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrates im Iran, Ali Laridschani, versöhnliche Töne angeschlagen. Vielleicht hätten die Soldaten ja gar nicht mit Absicht die iranischen Grenzen verletzt, sondern nur einen Fehler begangen. Ein Prozess gegen sie sei jedenfalls nicht nötig. Das alles ging schon sehr in Richtung Freilassung.

Im Nachhinein wirkt der letzte Film aus Teheran wie ein Trailer zu Ahmadinedschads gestrigem großen Live-Auftritt. Der beeindruckte sogar die Teheran-Korrespondentin der BBC: „Das war schon ein außerordentliches Medienarrangement“, sagte Frances Harrison. Die Audienz, die der iranische Präsident den herausgeputzten Soldaten gab, wurde daheim schon wieder mit Humor genommen: „Hoffentlich können sie die Anzüge behalten, die sind doch ganz schick“, sagte ein hochrangiger Navy-Offizier im Interview mit dem britischen Sender.

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