Zeitung Heute : Der Kampf gegen die eigenen Grenzen

In der Werkstatt fühlte er sich schnell unterfordert Schon seit fast zehn Jahren arbeitet er im Café Ein Gutachten ließ seinen Traum platzen Mit den Umständen gibt sich Andreas Warowioff nicht so einfach zufrieden, trotz seiner Lernschwäche. Im Eiscafé Klatsch am Müggelsee hat er etwas gefunden, was für ihn nicht selbstverständlich ist: eine Festanstellung.

Ständig am Grinsen. Von Andreas Warowioffs Freundlichkeit könnte sich mancher etwas abschneiden, findet sein Chef Werner Müller. Foto: Paul Zinken
Ständig am Grinsen. Von Andreas Warowioffs Freundlichkeit könnte sich mancher etwas abschneiden, findet sein Chef Werner Müller....

Was das Tollste ist beim Herstellen von Speiseeis? Andreas Warowioff lehnt sich zurück, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und lacht. Mit einem Seitenblick auf seinen Chef sagt er: „Das hört er jetzt nicht gerne. Am meisten Spaß macht das Probieren.“ Seine liebste Eissorte? „Alle.“

Der 34-Jährige arbeitet im Eiscafé Klatsch in Friedrichshagen am Müggelsee, hier gibt es außer Eis auch riesige Torten und kleine Speisen. Warowioff hat hier etwas gefunden, das für ihn nicht selbstverständlich ist: eine Festanstellung. Warowioff leidet an einer Lernschwäche und ist zu 50 Prozent schwerbehindert.

Aufgrund seiner Lernschwäche kann er sich nur schwer konzentrieren, fühlt sich schnell überfordert und hat Probleme beim Rechnen. Trotzdem arbeitet er auch hinter dem Tresen und kassiert hin und wieder bei den Kunden ab. „Er ist ständig am Grinsen“, sagt Café-Inhaber Werner Müller. „Von seiner Freundlichkeit könnte sich mancher etwas abschneiden.“ Der 54-Jährige hat in den vergangenen elf Jahren vielfach Menschen mit einer Behinderung oder einer psychischen Erkrankung angestellt und ausgebildet.

Etwa fünf Tage pro Woche ist Warowioff im Eiscafé. Seine Arbeit beginnt morgens um 9 Uhr meist im Hinterzimmer bei den beiden großen Stahl-Ungetümen: den Eismaschinen. Hier werden Eissorten wie Erdbeere und Raffaelo frisch hergestellt. Milch wird pasteurisiert, Sirup zubereitet, Früchte gewaschen und zerkleinert. Es hat ein wenig gedauert, aber mittlerweile kennt Warowioff die Arbeitsschritte genau.

Wenn das Eis fertig ist, beginnt die Arbeit hinter dem Tresen. Dafür trägt er seine Arbeitsuniform: weißes Hemd, schwarzer Pullunder, schwarze Schürze. Dampf steigt auf, er kocht Tee und Kaffee, den Gästen werden fette Tortenstücke und gigantische Eisbecher serviert. Es ist ein Adventssonntag, das Café ist bis auf den letzten Platz belegt. Auf der Fensterbank bilden weiße Wattebälle eine Schneelandschaft, an einer Wanduhr seilt sich ein Weihnachtsmann ab. Warowioff hat im Café Klatsch so etwas wie eine Familie gefunden. Er arbeitet schon lange hier: „Am 1. Mai 2012 werden es zehn Jahre“, ruft er im Vorübergehen.

Die Zeit davor war alles andere als stetig. Er wurde in Brandenburg geboren. Als er ein oder zwei Jahre alt war, gab seine Mutter ihn in ein Heim. Auf einer Schule für Lernbehinderte machte er den Hauptschulabschluss. Danach kam er zurück zur Mutter, aber nach einem Jahr haute er ab und ging nach Berlin. Er begann eine Ausbildung zum Tischler. „Es war mein Traum, Tischler zu werden“, sagt er. Am Ende jedoch fiel er zwei Mal durch die theoretische Prüfung. Er gab auf, das räumliche Denken fiel ihm zu schwer. Erst jetzt wurde ihm seine Einschränkung richtig bewusst. Er wollte arbeiten, ging ab und zu auf den Bau, war zwischendurch arbeitslos. Fing in einer Behindertenwerkstatt an, wo er sich aber schnell unterfordert fühlte.

Hier überschneidet sich sein Leben mit dem von Werner Müller, der damals schon einige Jahre lang das Café führte und beim Integrationsamt nach Arbeitskräften fragte. Das Amt stieß in der Behindertenwerkstatt auf Warowioff. „Ich gebe zu: Am Anfang waren es vor allem die Fördergelder, die mich interessierten“, sagt Müller. Heute, betont er, sei es der Mensch, der ihn interessiere. Von sieben Mitarbeitern im Eiscafé Klatsch haben zwei eine Behinderung, außer Andreas Warowioff arbeitet noch ein Mann dort, der an Schizophrenie leidet.

Warowioff lebt allein in Köpenick, seine Betreuerin vom Vormundschaftsgericht kommt mehrmals im Monat vorbei. Über sein Geld darf er nicht selbst verfügen – vor einer Weile hatte er einen Haufen Mietschulden, „da habe ich das Geld für bessere Sachen ausgegeben“, sagt er mit einem Grinsen. Das hat er jetzt im Griff – und hofft, dass er bald wieder selbst entscheiden kann, was er mit seinem Gehalt macht. Er spielt gerne Computer, am liebsten „Moorhuhn“, da kann er sich abreagieren. Denn sein Alltag ist immer wieder von Frustrationen bestimmt, wenn ihm seine Grenzen aufgezeigt werden. Mehrmals pro Woche trifft er sich mit einer Gruppe des Sozialpädagogischen Diensts, immer freitags kochen sie zusammen.

Am liebsten würde er eine Ausbildung zum Speiseeishersteller machen. Ein psychologisches Gutachten aber, das er bei der Agentur für Arbeit absolvieren musste, ließ den Traum zerplatzen. Wenn er davon erzählt, muss er mit den Tränen kämpfen. Vier Stunden dauerte der Test, danach entschied der Gutachter. „Er hat gesagt: Sie können keine Ausbildung machen“, erzählt der 34-Jährige. Er bringe die Voraussetzungen nicht mit. Dabei wolle Warowioff gerne mehr erreichen, sagt Müller. Gerade das bewundere er an ihm: „Dass er sich nicht mit den Umständen abfindet.“

Im Café gibt es immer wieder neue Aufgaben für ihn. Als er zum ersten Mal Eis verkaufte, fielen ihm die Gespräche mit den Kunden noch sehr schwer. „Ich konnte mich nicht artikulieren“, sagt er. Inzwischen hat er die Scheu überwunden. Zuletzt hat er gelernt, weitere Speisen zuzubereiten.

Warowioff und Müller verbindet ein freundschaftliches Verhältnis. In den vergangenen Jahren haben sie drei Mal Weihnachten miteinander verbracht. „Ich hätte nicht zu Hause feiern können, wenn ich gewusst hätte, dass er alleine ist“, sagt Müller. Dieses Weihnachten aber hat sein Angestellter andere Pläne: Seit einem Jahr hat er eine Freundin, sie kommt aus Karlshorst. Kennengelernt haben sie sich auf einer Singleparty für geistig und körperlich Behinderte. Sie leidet unter epileptischen Anfällen, muss Medikamente nehmen. „Sie nimmt mich ganz doll in Anspruch“, sagt er.

In der ersten Zeit ihrer Beziehung war er im Café oft unkonzentriert, ihm ging einiges kaputt. „Die Zusammenarbeit ist nicht immer einfach“, sagt Müller. Aber das sei selbstverständlich, wenn man mit Menschen arbeitet, die eine Beeinträchtigung haben. Doch Warowioff hat sich gebessert, er kann jetzt damit umgehen, wenn er sich überfordert fühlt. „Ich gehe kurz raus und atme tief durch“, sagt er, das hilft.

Er hofft auf eine Zukunft mit seiner Freundin. Der Plan ist, dass sie bald nach Köpenick zieht, in seine Nähe. Und er hofft, dass er irgendwann die Betreuung nicht mehr braucht. Sein größter Traum? „Ein eigenes Eiscafé.“ Er schaut zu seinem Chef. „Da stelle ich dich dann ein“, sagt er und lacht. Dann wird sein Gesicht traurig. Er weiß: Es wird wohl ein Traum bleiben.

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