Zeitung Heute : Der Kampf gegen die verlorenen Jahre

Der Tagesspiegel

Von Andrea Marshall

Hohenschönhausen. Am späten Vormittag fliegen die Fetzen. In der Spielstube herrscht ohrenbetäubender Lärm. Die größeren Jungs rennen raus auf den Flur, wieder rein, wieder raus. Die Kleineren, zumeist Mädchen, hantieren hektisch an den Tischen. Wie im Akkord schneiden sie Figuren aus Pappbögen aus. Scheren klappern, Schnipsel fliegen, der neue Teppichboden ist übersät mit rotem und weißen Konfetti. Die Kinder quietschen vor Vergnügen. Bastelstunde im Flüchtlingsheim Hessenwinkel am südöstlichen Stadtrand von Berlin: Die Unruhe ist normal, seufzt der Betreuer Hans-Dietrich Pommer und meint Augen zwinkernd: „Die Kinder haben einfach keine Zeit. Hauptsache, es geht schnell-schnell.“

Kindheit in einem Flüchtlingsheim: Nach Schätzungen von Unicef leben in ganz Deutschland rund 220 000 minderjährige Flüchtlinge. Nicht weniger als ein Viertel bis ein Drittel aller Bewohner in den Heimen sind Kinder, und viele verbringen hier Jahre. In Hessenwinkel sind es 180 Kinder und Jugendliche; 546 Menschen leben insgesamt in der ehemaligen NVA-Kaserne. Zumeist abgelehnte Asylbewerber, Aussiedler, Kriegsflüchtlinge. Familien vom Balkan und aus der früheren Sowjetunion, Palästinenser aus dem Libanon, Kurden, Algerier, Vietnamesen. Eine Roma-Familie aus Serbien wohnt schon seit neun Jahren hier. Andere bleiben nur drei Monate. Jede Familie hat nur ein einziges Zimmer für sich; gekocht und geduscht wird in Gemeinschaftsküchen und -bädern. Auf den endlos langen, schmucklosen Fluren riecht es leicht nach Desinfektionsmittel. Das Heim hat einen Dauervertrag mit dem Kammerjäger. Zur Vorbereitung, sagt Joannis Theodiridis, stellvertretender Leiter des Heims, das die Arbeiterwohlfahrt betreibt.

Das Phänomen „schnell-schnell“ kennen die Sozialbetreuer nur zu gut. „Wenn man die Kinder nicht sofort beschäftigt, werden sie wild“, sagt Ina Talut. Sie selbst arbeitet morgens mit den Kleineren, nachmittags als Hausaufgabenhilfe für die Schulkinder. Hans-Dietrich Pommer ist nicht nur Betreuer, sondern auch Hausmeister. Das bedeutet, es gibt nur zeitweise feste Ansprechpartner für 180 Kinder und Jugendliche. Oft platzen die beiden Spielzimmer aus allen Nähten. Im Winter sind es die einzigen bunten Oasen in der ehemaligen Armeebaracken. Im Sommer können die Kinder immerhin auch im nahe gelegenen Wäldchen toben oder im See baden. Die Ungeduld der Kleinen erklärt sich Ina Talut mit dem „südländischen Temperament“. Und dem Lebensstil der Familien: Viele essen erst gegen neun Uhr zu Abend, nicht selten gehen die Kinder erst um ein Uhr nachts zu Bett. Wer nicht zur Schule muss, schläft bis elf Uhr vormittags - und ist in der Bastelstunde dann „topfit“.

„Geballte Energie“ nennt Margit Kahaleh den Bewegungsdrang ihrer Schützlinge. Sie kümmert sich mit drei anderen Kollegen um 133 Kinder und Jugendliche im Wohnheim Degnerstraße, Berlin-Hohenschönhausen, das zum, Deutschen Roten Kreuz gehört. Der graue Plattenbau ist bei den Flüchtlingen gefragt, denn hier gibt es immerhin abgeschlossene Wohnungen für die Familien. Ufuk kam mit seinen Eltern und vier Geschwistern vor etwa drei Monaten hierher, aus dem Grenzgebiet zwischen der Türkei und Syrien. Mit fünfeinhalb Jahren, einem Alter also, in dem viele deutsche Kinder zur Vorschule gehen, hatte Ufuk noch nie in seinem Leben eine Schere oder einen Stift in der Hand gehalten. In seiner feinmotorischen Entwicklung lag er zurück. „Der Junge war nicht verwahrlost oder vernachlässigt“, erklärt Margit Kahaleh. „Er stammt einfach aus einer bäuerlichen Gegend. Dort spielen Kinder auf dem Feld oder sie arbeiten mit.“ Malen oder gar schreiben ist dort kein Thema. Damit sie sich in Deutschland eingliedern können, müssen manche Flüchtlingskinder also erst einmal Grundfertigkeiten entwickeln. Ufuk malt an diesem Morgen einen Rauschgoldengel auf einem Bastelbogen aus. Gelb für die Haare, rot und blau fürs Gewand. Sehr akkurat: Kein einziger Strich geht über den vorgedruckten Umriss hinaus. Ufuk ist stolz. Er hat sehr schnell gelernt.

Kinder in einem Flüchtlingsheim: Manche haben traurige, auch dramatische Erlebnisse hinter sich, haben zu Hause Krieg oder Verfolgung erfahren. Andere sind wohl eher „Wirtschaftsflüchtlinge“, wie es oft abschätzig heißt. Ufuks Familie gehört zur arabisch sprechenden Minderheit in der Türkei. Sie wird dort diskriminiert. Was das bedeutete?

In der Spielstube erzählen die Kinder davon nichts, sagt die Erzieherin Margit Kahaleh, die selbst fließend Arabisch spricht. Auch die Eltern schweigen. Womöglich wollen sie nichts Falsches sagen. Nichts, was bei den Behörden gegen sie verwendet werden könnte. Was das Bleiberecht gefährdet.

Es ist diese permanente Unsicherheit, die den Alltag vieler Familien im Heim prägt, sagt Margit Kahaleh. Dürfen sie nun in Deutschland bleiben oder nicht? Die Situation lähmt und belastet das Familienleben - zumal sich der Kampf mit den Behörden über Jahre hinziehen kann. Das sind verlorene Jahre für die Kinder, sagt die Erzieherin: „Manche Eltern stehen dadurch unter einer so starken psychischen Anspannung, dass sie keine Luft mehr haben, sich ausreichend um ihren Nachwuchs zu kümmern.“

Als „Kardinalproblem“ für Kinder in einem Flüchtlingsheim hat Stefan Maasmeier die engen Wohnverhältnisse ausgemacht. Er ist Sozialpädagoge im Berliner Zentrum für Folteropfer. Manchmal müssen bis zu sechs Familienmitglieder in einem Zimmer leben. Die Eltern sind den ganzen Tag zu Hause, die Kinder nehmen ihre Sorgen permanent auf. Es gibt keine Rückzugsmöglichkeit, keine Privatsphäre. Es kann vorkommen, dass Vater oder Mutter schon bei einer Kleinigkeit ausflippen und zuschlagen, sagt Maasmeier. Aus Sicht der Sozialbetreuer in den Heimen Hessenwinkel und Degnerstraße hat sich die Lage aber deutlich gebessert. Das hat zum einen mit dem entspannteren Wohnungsmarkt zu tun. Zum andern kommen durch härtere Gesetze jetzt deutlich weniger Asylbewerber ins Land. Bei Stefan Maasmeier im Behandlungszentrum für Folteropfer landen nur die drastischen Fälle. Kinder mit Aggressionen, Depressionen, Angstattacken; apathische Kinder mit versteinerten Gesichtern. Hassan zum Beispiel, 14 Jahre alt. Er ist Palästinenser aus dem Libanon, leidet unter Kopfschmerzen und kann nachts kaum schlafen. In der Schule kommt er nicht mit, zu Hause zeigt er immer wieder unkontrollierte Wutausbrüche gegenüber den sechs kleineren Geschwistern. Auch Hassans Vater prügelt. Er, so heißt es in der kinder- und jugendpsychiatrischen Stellungnahme, wurde im Libanon zwei Wochen lang gefoltert und mehr als 20 Mal verhört, weil er unter dem Verdacht stand, Waffen der Palästinensischen Befreiungsfront versteckt zu haben. Hassans kognitive und emotionale Fähigkeiten sind derzeit auf dem Stand eines Zehnjährigen. Vier verlorene Jahre.

Elvis im Heim Hessenwinkel scheint sich dagegen prächtig entwickelt zu haben. Der neunjährige Roma aus Ex-Jugoslawien spricht inzwischen sehr gut Deutsch. Fast immer lernen die Kinder die Sprache schneller als die Eltern, und Elvis platzt vor Stolz, wenn er für die Erwachsenen dolmetscht.

11 Uhr 30: Mittagspause in Hessenwinkel. Eine halbe Stunde Ruhe für die Betreuer in der Spielstube. Die Tür ist geschlossen; ein Teil der Kinder drückt sich draußen auf dem Flur herum. Die Betreuer wissen: Gleich steht die nächste „Bande“ auf der Matte – die Schulkinder. Vermutlich geht es dann wieder rund. Vermutlich nach dem Motto: Tempo, Tempo. Hauptsache, schnell-schnell.

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