Zeitung Heute : Der Kampf geht weiter

Die alternative Basis im Wendland freut sich über Jamaikas Untergang

Helmut Schümann[Lüchow]

Gleich hinter dem Deich grast die Idylle. Bei Schnackenburg, wo die Elbfähre aus Lütkenwisch über trägem Wasser anlandet, stehen die Schafe. Helle Schafe, dunkle, eine große Herde, zwei Rehe haben sich darin verlaufen und recken sich nach den tief hängenden Ästen einer ausladenden Eiche. Könnten Schafe, Rehe und der sich sonnende Schäferhund antworten, mutmaßlich würden sie beteuern, glückliche Geschöpfe zu sein. Oben auf der Deichkrone hockt der Schäfer, doch, wirklich, er raucht Pfeife.

Auf der Fahrt nach Lüchow passiert man Häuser mit Sonnenkollektoren, Gärten, in denen kleine Windräder stehen, die Kraft spenden für kleine Fachwerkhäuser hinter den Gärten, Schilder, die auf „Keramik im Waldhaus“ hinweisen, auf Bio-Kartoffeln, Bio-Honig, Bio-Obst, Bio-Möbel, Bio-Wein, Bio-Baustoffe – das Land, der Landkreis Lüchow-Dannenberg, ist zweifelsohne Bioland.

An viele Häuser sind zwei gekreuzte gelbe Latten genagelt, was das inoffizielle Symbol des Landkreises ist, das Symbol des Widerstandes gegen das atomare Zwischenlager. In Gartow zweigt die kleine Landstraße nach Gorleben ab, wo einst, vor 25 Jahren, das Hüttendorf Freie Republik Wendland stand. Man muss nicht lange suchen, um an Haustüren und Hofeinfahrten Holzscheiben zu finden, die die Freie Republik noch immer deklarieren. Denn der Landkreis Lüchow-Dannenberg ist auch Alternativland, Keimzelle der Grünen, das Land alter grüner Werte.

Und nun? Am Ende von Rot-Grün? „Wird sich daran nichts ändern“, sagt Marianne Fritzen, „dann wird das hier eine Enklave sein, in der Rot-Grün weiterlebt.“ Marianne Fritzen wohnt oben auf dem Mühlenberg in Kolborn. 81 Jahre alt ist sie, aber das muss sie einem schon nachhaltig versichern, weil man es ihr nicht glaubt, schon gar nicht, wenn sie erzählt. Von damals, vom Geist des Widerstandes, vom Kampf, und wie sie aus der Bürgerinitiative heraus die Grünen mitbegründete. Und davon, wie sich die Partei immer mehr verabschiedete in die Urbanität und sich abhob von der Basis.

Bei einem ersten Besuch im Sommer, das war kurz nachdem Angela Merkel verkündet hatte, den Atomausstieg zu stoppen, da war Marianne Fritzen über dieses Ansinnen gelassen amüsiert, aber vor allen Dingen im Hader mit ihrer Partei. Im Jahr 2000 hatte sie die schon verlassen, weil sie sich im Atomkonsens missbraucht fühlte, „vielleicht geht das nicht anders, vielleicht muss man Kompromisse eingehen, aber das hat dann nichts mehr mit uns und den grünen Werten zu tun“, sagte sie damals.

Ähnliches war von vielen zu hören gewesen, die einst grün aufbrachen und nun grün leben. Von Lilo Wollny, auch sie langjährige Grünen-Abgeordnete, die gar in Tränen ausgebrochen war, „es hat alles nichts genützt, mein ganzer Kampf war umsonst, ich habe umsonst gelebt“, hatte sie gesagt. Vom Bauern Tiedtke in seinem Bio-Laden in Gartow, vom Pfarrer Kruse in der Pfarrei nebenan, von Asta von Oppen von der Rechtshilfe und von Susanne Kamien von der bäuerlichen Nothilfe, alles Menschen, denen der Widerstand gegen die Atompolitik und gegen die Vergewaltigung der Natur zum Lebensinhalt geworden ist.

Wer hat uns verraten? Die Grünen haben uns verraten, da brauchte es das Feindbild Merkel gar nicht. Die war in Atomfragen ohnehin nicht ernst zu nehmen, seit sie damals, 1998, als Umweltministerin in Lüchow beim Castortransport und ein Behälter undicht gewesen war. Merkel kommentierte das mit dem Satz, „beim Kuchenbacken geht auch mal Backpulver verloren“. Aber die Castor-Transporte, die hatte dann auch Jürgen Trittin durchgesetzt, mit Polizeigewalt. Nein, im Sommer waren die Grünen unten durch im Wendland.

Aber nun, eine Abwahl später, ist etwas passiert. Marianne Fritzen schenkt jetzt Ginseng-Tee ein. Die Nachricht, dass die abenteuerlichen Liebäugeleien mit Jamaika schon im Ansatz gescheitert sind, erleichtert sie. „Ich war am Wahlabend mit Freunden unten in Lüchow bei Wendel in der Kneipe. Es waren viele grüne Parteimitglieder da. Als das Jamaika-Gerede aufkam, haben alle gesagt, dann trete ich aus.“ Opposition, sagt sie, die schadet nichts, da kommen einige vielleicht mal wieder von ihrem hohen Ross runter und besinnen sich, dass es für manche Dinge eben keine Kompromisse geben darf.“ Sie lacht und sagt, dass es noch ein bisschen dauern wird, „bis außerparlamentarische Gesinnungsgrüne und parlamentarische Parteigrüne wieder herzlich zueinander wachsen. Aber jetzt ist die Chance dazu.“

Beim Wöm, dem alternativen Möbelhaus, warten Susanne Kamien, die mal Vorsitzende der Bürgerinitiative war, und der Tischler Heinz Schweik. Beide waren nie in der Partei, beide leben den grünen Wertekanon. Und bei beiden sitzt die Enttäuschung über die Grünen tief. Sie erzählen, wie sie 1999 mit all den Bauern und Bewohnern des Wendlandes den langen Treck der Enttäuschten nach Berlin angetreten waren und die Abgeordnete Rebecca Harms sich vor dem Brandenburger Tor auf das Trittbrett eines Traktors stellte, sich fotografieren ließ und verschwand.

Dass Macht korrumpiert, ist ein altes grünes Thema, „vielleicht denken die jetzt mal wieder darüber nach. Aber das Gerangel um den Fraktionsvorsitz deutet eher nicht darauf hin“, sagt Kamien. Es wird wohl noch etwas Zeit vergehen, bis das Herzland der Grünen sein Herz wieder öffnet. Bei Schnackenburg hockt immer noch der Schäfer, jetzt in der Abendsonne. Und, wirklich, er raucht Pfeife.

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