Zeitung Heute : Der Kampf um ein Wort

„Zigeuner“, was meint dieser Begriff? Ein Volk, eine Art zu leben? – Antworten einer Kronzeugin

Kerstin Decker

Sie ist eine Dame. Es gibt nicht viele Frauen, auf die dieses Wort heute noch passt. Und seltsam antiquiert wirkt es auch, aber es bleibt dabei: Sie ist eine Dame. Also eine Frau von vollendeter Form in jedem Wort, das sie spricht, in jeder Bewegung, die sie macht. Früher nannten manche das Volk, zu dem sie gehört, „Zigeuner“, andere tun es heute noch, die einen böswillig, die anderen gedankenlos, einige auch bewundernd. Doch eher sind wir alle Zigeuner als ausgerechnet diese Frau. Das sieht jeder. Aber was sieht er? Was bloß meint dieses Wort „Zigeuner“? Ein Volk oder eine Lebensform? Merkwürdiger Eigensinn der Sprache.

Über diesen Eigensinn der Sprache gibt es gerade einen großen Streit. Am Reichstag in Berlin soll das zweite Mahnmal für einen Völkermord entstehen, für die von den Nazis umgebrachten 500000 Sinti und Roma. Es war ein Völkermord wie der an den Juden, nur waren die Sinti und Roma nicht so viele. All jener soll gedacht werden, „die von den Nationalsozialisten in ihrem menschenverachtenden Rassenwahn als Zigeuner ermordet wurden.“ Das „als Zigeuner“ formuliert Distanz, aber Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates der Sinti und Roma in Deutschland, will das Wort trotzdem nicht in der Inschrift haben. Er empfindet es als Befleckung, als Diffamierung. Elisabeth Guttenberger auch?

Sie lebt da, wo der Schwarzwald am tiefsten ist, in einem kleinen Ort, der sich einen Berg hinaufwindet. Und dort, wo der Berg am höchsten ist, sitzt in ihrem Wohnzimmer Elisabeth Guttenberger und hat von hier aus den wünschenswerten Überblick über die Dinge dieser Welt. Elisabeth Guttenbergers Möbel haben mindestens so viel Stil wie sie selbst. Das Schönste am 18. und 19. Jahrhundert war doch sein Mobiliar, denkt man unwillkürlich. Vorsicht, das ist Schellack, sagt Elisabeth Guttenberger, und empfiehlt einen Untersetzer für die Kaffeetasse. Auf dem Klavier stehen Noten von Bach, als habe sie eben kurz ihr Spiel unterbrochen. Als sie kaum 17 Jahre alt war, wurde ihr Spiel schon einmal unterbrochen. Damals kam sie von Bach direkt nach Auschwitz.

Damen erkennt man daran, dass sie, selbst wenn sie sehr erregt sind, immer einen sehr gemessenen, vornehmen Tonfall bewahren. Im September vor zwei Jahren hat sie einem Mitarbeiter von Kulturstaatsministerin Christina Weiss in eben jenem Ton erklärt, wie man das sehen müsse mit diesem Wort „Zigeuner“. Mal angenommen, er, der Mitarbeiter, sollte einen Gedenkstein für Martin Luther King errichten, würde er da das Wort „Nigger“ einmeißeln lassen? Würde er nicht, na bitte. Am lautesten klingt manchmal das Ungesagte.

Im letzten Jahr, als man des Völkermordes an den Hereros in Namibia gedachte, da sprach man diesen Stammesnamen, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres. Da hat Elisabeth Guttenberger aufgemerkt, sie hat ein feines Ohr für solche Dinge. Alle sprachen den Namen, den dieses Volk sich selbst gegeben hatte. Seinen eigenen Namen. Damit beginnt Würde. Und worum geht es sonst, bei einem Mahnmal? Vielleicht gar nicht so sehr darum, die anderen, die späteren, zu mahnen. Das auch, sicher, aber zuerst ist es eine Behauptung. Es behauptet die Würde der Würdelos-Gemachten. Solcher wie Elisabeth Guttenberger. Die Sinti und Roma sind ein stolzes Volk. Jemandem die Sprache zu geben, heißt, ihm die Existenz zu geben. Was also hat die Sprache der anderen, der Mörder, auf einem Stein zu suchen, der nur für sie sein soll? Denkt Elisabeth Guttenberger. Und es stimmt nicht, dass die Rede von Sinti und Roma andere „Zigeuner“ wie die Kalé oder die Manusch oder die Jenischen ausschließt, sagt sie. Kalé und Manusch sind französische Sinti, die sich selbst auch Sinti nennen, und die Manusch sind ein ganz eigenständiges Volk und wurden nicht rassisch verfolgt.

Sie denkt fast so wie Romani Rose, aber nur fast. An der Stelle, wo er heute ist, hätte sie vielleicht sein können. Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma. Elisabeth Guttenberger winkt erschreckt ab: Ich wollte nie in die Politik! Das interessiert mich nicht.

Sängerin wollte sie werden. Und ihre Lehrerin hatte zu ihr gesagt: Wenn die Zeiten anders wären, würde ich dich zur Schauspielschule schicken. Das war Anfang der 40er Jahre. Als sie aus Auschwitz zurückkam, war sie noch ganz jung, und doch eine alte Frau. Vor allem war sie krank. Zu spät für die Sängerin Elisabeth Guttenberger.

In Stuttgart ist sie geboren. Ihr Vater hat Musikinstrumente und Antiquitäten verkauft. Er war also ein Händler, sagt wiedererkennend das Vorurteil. Er war ein Mann von Geschmack, widerspricht der ästhetische Sinn. Hat auch ihre Familie noch im Wohnwagen gelebt wie viele Sinti und Roma damals, möchte man fragen, und doch fällt es schwer, die Frage zu stellen. Von uns will das schließlich auch keiner wissen oder höchstens, wenn der Sommer längst vorbei und der Campingplatz schon fast leer ist. Außerdem spricht ohnehin viel mehr für die reisende Lebensform als für die sesshafte. Jahrhundertelang waren die Sinti und Roma klug genug, sich nicht auf die Zumutung fester Nachbarn einzulassen. Also wäre das Wort „Zigeuner“ die Bezeichnung einer Lebensform?

Die Nachbarn von Elisabeth Guttenberger benehmen sich gerade sehr dominant oder das liegt an den hellhörigen Wänden, aber sie tut so, als höre sie nichts. Damen machen das so. Sie sagt, dass das Reisen für ihre Familie unmöglich war. Die Kinder müssen zur Schule, beschloss der Vater, der eine hervorragende Schulbildung hatte. Aber die Mädchen, sollten auch die Mädchen in einer Sinti-Familie zur Schule gehen? Elisabeth Guttenberger schaut jetzt mit einer gewissen Strenge und sagt dann sehr bestimmt, dass ihr Vater viel zu klug war, um sie und ihre Schwestern nicht zur Schule zu schicken.

1933 waren die Nazis und die Schnecks – Schneck ist Elisabeth Guttenbergers Mädchenname – im öffentlichen Stadtbild von Stuttgart noch ungefähr gleich stark. Zwar sah man überall die Hakenkreuze, aber im bekanntesten Fotogeschäft der Stadt hing ein riesengroßes Bild von Elisabeth Guttenbergers kleinem Bruder. Und wenn die Vorübergehenden diesen kleinen Jungen sahen, lächelten sie unwillkürlich. Über die Hakenkreuze lächelten sie nie. Dass ihre Familie keine deutsche Familie war wie jede andere, wusste Elisabeth Guttenberger noch gar nicht. 1933 war sie sieben Jahre alt und kam zur Schule. Der Lehrer war strenger zu ihr als zu den anderen, das spürte sie schon. Und ihr Vater beschloss, aus der Heimatstadt Stuttgart wegzugehen, irgendwohin, wo keiner die Schnecks kennt. Sicher ist sicher. Sie zogen nach München, an den Stadtrand, dorthin, wo die feineren Leute wohnen. Die sind viel zu gleichgültig, um ihre Nachbarn zu bemerken, wusste der Vater. Es war genau die Anonymität, die er für seine Familie suchte. Und Elisabeth nahm mit ihren Geschwistern den Garten ihrer Kindheit in Besitz. Sie hat noch ein Bild dieses Gartens. Kinder mit Schäferhund.

Es ist seltsam, Elisabeth Guttenbergers Fotos zu betrachten. Andere Familien können zusammen ihre Alben ansehen, zusammen überlegen, wann dieser Onkel oder jener Bekannter denn eigentlich gestorben ist. Elisabeth Guttenberger konnte das nie. Es sind nur Tote auf ihren Fotos, und alle, egal ob Greis oder Kind, haben ein einziges Sterbejahr.

In München hatte sie eine gute Lehrerin. Und sie war eine gute Schülerin. Sie konnte am besten Gedichte aufsagen und ganze Monologe deklamieren. Am besten singen konnte sie sowieso. Im Münchner Bach-Chor lernte man so etwas. Nur Klavierspielen hatte sie schon in Stuttgart gelernt, von einer berühmten Sängerin am Opernhaus. Kann sein, dass ihre Mitschülerinnen sie verprügelten, weil die Letzten die Ersten noch nie leiden konnten. Kann auch sein, sie spürten, dass Elisabeth nicht zu ihnen gehörte, denn sie war nicht wie die anderen im BDM, dem Bund Deutscher Mädel. Sie war also vogelfrei.

Der Nazi-Rektor bestellte das Mädchen zu sich und prügelte gleich weiter, auf die Stelle, die die anderen vergessen hatten: auf ihre Klavierspielerhände. Ich hatte schöne Hände, sagt die fast 80-Jährige. Sie hat noch immer schöne Hände. Zuhause spielte sie Bach, die Musik einer ewigen Weltordnung, in der es keine prügelnden BDM-Mädchen gibt. Aber das Bild ihrer Klassenlehrerin konnte sie durch diese Gottesbeschwörung in Tönen umso deutlicher sehen. Wie ihre Lehrerin sie verteidigt hat und die Mitschülerinnen fragte, ob sie „das“ wohl im BDM lernen würden. Dass ihre Lehrerin die Aufforderung der Gestapo, die „nichtarische“ Elisabeth Schneck von der Schule zu verweisen, einfach missachtet hatte, wusste sie damals noch nicht. Sie machte ihre achte Klasse zu Ende und ahnte auch nicht, dass ihr diese Schulbildung einmal das Leben retten würde. Ihre Cousins, die schon mehrere Semester Musik studiert haben, mussten das Konservatorium verlassen. Weil sie „Zigeuner“ waren.

Der Lastwagen kam morgens um sechs in das stille Münchner Viertel, wo die Nachbarn sich nicht so sehr um ihre Nachbarn kümmern. Und um diese Zeit schliefen sie sowieso. Aber eine Frau hat den Lastwagen gesehen. Und das mit der Gleichgültigkeit der besseren Leute stimmt auch nicht ganz. Denn als Elisabeth Schneck nach dem Krieg zurückkam, ganz allein, ohne Mutter und Vater, ohne Großeltern, ohne Geschwister, haben die Nachbarn geweint. Und die junge Frau mit den großen schweren Augen, die durch die Welt hindurchzublicken schienen, wusste nicht, wie sie sie trösten sollte.

Auf der Fahrt nach Auschwitz hielt die Lokomotive eines entgegenkommenden Zuges genau neben ihrem Waggon. Und Elisabeths Cousin rief zu dem Lokführer hinüber: Sagen Sie mal, wo liegt das eigentlich, dieses Auschwitz? Reiner Touristentonfall. Der Lokführer hat nicht geantwortet. Er hat sie nur angestarrt, und ein paar Tage später dachte Elisabeth Schneck nicht mehr, was für unfreundliche Menschen doch Lokführer sind, besonders auf diesen Osteuropa-Linien. Dann dachte sie eigentlich gar nichts mehr. Und Bach war eine glatte Lüge. Dieser Bach, in dessen Musik es den Tod nicht gibt. Mama, du brauchst nicht beten, es gibt ganz bestimmt keinen Gott, hat sie zu ihrer Mutter gesagt.

Ein halbes Jahr später stand eine junge Tote an den Fenstern der Schreibstube des „Zigeunerlagers“ und putzte sie. Selbst die Häftlinge in der Schreibstube erschraken vor dem Leichnam an ihren Fenstern. Aber das Ergebnis war bemerkenswert. So sauber waren unsere Scheiben noch nie, sagte die stellvertretende Rapportschreiberin und fand es offenbar wichtig, dass Auschwitz saubere Fenster hatte. Sie war auch eine Sintiza, früher Chefsekretärin bei Siemens in Berlin, und interessierte sich nun näher für dieses fensterputzende Gespenst, das einmal ein junges Mädchen gewesen sein musste. Vor dem halben Jahr Steinetragen im Außenlager von Auschwitz. Gleich würde Elisabeth Guttenberger zurückgehen zum Steinetragen, direkt hinein in den Tod, aber vorher musste sie noch ein paar Fragen der Rapportschreiberin beantworten. Kannst Du schreiben? – Ja. – Zur Schule gegangen? – Ja. – Wie lange? – Acht Jahre. – Viel geschwänzt? – Nie. – Wirklich nicht? Nein.

Sie durfte probeschreiben. Elisabeth Schneck hatte Handgelenke dick wie Wagenräder vom Steinetragen, aber sie schrieb mit ihrer schönsten Schrift ein paar Namen ins Totenbuch des „Zigeunerlagers“ von Auschwitz. So kunstvoll hatte noch nie jemand die Namen der Toten geschrieben. Die vormalige Chefsekretärin von Siemens war beeindruckt. Elisabeth Schneck war „eingestellt“.

Kurz darauf betrat SS-Oberscharführer Plagge die Schreibstube, die ihm gehörte. Er allein bestimmte, wer hier arbeitete, er allein bestimmte, wen er totschlug. Mit einer beiläufigen Bewegung des rechten Arms richtete er die Häftlinge. Ein Totschläger, ein derber Bauernsohn. Plötzlich begreift man Elisabeth Guttenbergers Horror vor ungebildeten, ungeformten Menschen. Wahrscheinlich muss sie dann immer an diesen Bauernsohn Plagge denken, der nichts gelernt hatte außer des Totschlagens. Wer ist das?, rief Plagge schon von weitem. Denn eine Halbtote unter beinahe Normalgesichtigen fällt auf, und er hatte sie nicht „eingestellt“. Er kam auf sie zu. Gleich, dachte Elisabeth Guttenberger, ist es vorbei, ein einziger Schlag nur des Bauernarms. Aber Plagge schlug nicht gleich. Er warf zuerst einen Blick in das Buch. Er sah die Buchstabenkunst, sein Arm sank. Dann ging er stumm hinaus. Acht Tage später kam er wieder in die Schreibstube. Elisabeth Schneck saß an ihrem Tisch, sie schrieb und weinte dabei. Er schrie: „Warum flennt die denn dahinten in der Ecke?“ Sie trug gerade den Namen ihres Vaters ins Totenbuch ein. Auch in dieser allerschönsten Schrift, die sie später nie mehr benutzt hat. Die frühere Siemens-Sekretärin erklärte so neutral wie möglich: Ihr Vater ist gestorben. – Wir müssen alle mal sterben, sagte SS-Obersturmbannführer Plagge und ging. Er hat die Schreibstube des „Zigeunerlagers“ von Auschwitz nie wieder betreten.

1944 wurden etwa 2000 „Arbeitsfähige“ aus dem „Zigeunerlager“ auf Transport geschickt. Elisabeth Guttenberger war unter ihnen. In Ravensbrück hörte sie, was den Zurückgebliebenen geschehen ist. In einer einzigen Nacht, am 2. August 1944, wurde das „Zigeunerlager“ von Auschwitz „liquidiert“. 30 Verwandte hat Elisabeth Guttenberger dort verloren.

Ohne fremde Hilfe hätte sie auch nach dem Krieg nicht überlebt. Nicht ohne die früheren Münchner Nachbarn, nicht ohne die Lehrerin, die sie besuchte und die erst jetzt erfuhr, dass ihre beste Schülerin ein Sinti-Mädchen war. Sie hatte sie für eine Jüdin gehalten. Elisabeth Guttenberger weiß nicht, was aus ihrem Mann und ihr geworden wäre ohne den großen Restaurator, der eines Nachkriegstages zu ihrem Mann sagte: Passen Sie auf, ich zeige Ihnen jetzt, wie man Möbel restauriert! – Albert Guttenberger, ein Sinto, hatte während des Krieges als Soldat den Führerbunker auf der Alexanderschanze in Württemberg bewacht. Bis plötzlich jemand herausfand, dass da ein „Zigeuner“ für die persönliche Führer-Sicherheit sorgte. Da sollte er nach Auschwitz. Aber sein Vorgesetzter widersprach an höchster Stelle: Wenn man jetzt schon anfange, seine besten Soldaten nach Auschwitz zu schicken, wüsste er nicht mehr, was er noch denken und wie er den Krieg gewinnen solle. Auschwitz blieb Elisabeth Guttenbergers Mann erspart. Aus seiner Familie kamen die Hofmusikanten des letzten Württembergischen Königs. Nach dem Krieg hat er Elisabeth Schneck gesucht und geheiratet. Beide kannten sich seit 1943.

Nur eine Meisterhand konnte Elisabeth Guttenbergers Tische und Schränke in diesen zeitlos schönen Jetzt-Zustand versetzen. Aber jede Meisterhand, jeder Meisterkopf und jede Meisterstimme braucht ihre Ausbildung. Das ist es, was diese Frau umtreibt. In einem Augenblick, wo sie sich selber nicht hatte helfen können, waren andere – Deutsche wie sie – für sie da. Das wollte sie weitergeben. Bildung für „unser Volk“ nennt sie das. Denn die wenigen Sinti und Roma, die Auschwitz überlebten, hatten fast keine Schulbildung. Was konnten die ihren Kindern mitgeben? Vor drei Jahren hat sie den Verein „Bildung für Sinti und Roma Ravensburg e.V.“ gegründet.

Manchmal schreibt sie auch Briefe. Zum Beispiel an den Historiker Eberhard Jäckel. Der hatte Anfang der Neunziger Jahre gesagt, der Holocaust dürfe durch ein gemeinsames Mahnmal für Juden und Sinti und Roma nicht relativiert werden und man könne doch etwas Gedenkendes auf den Hohenasperg in Württemberg bauen. Dorthin wurden die ersten Sinti und Roma deportiert. Elisabeth Guttenberger war entsetzt. Auch wenn der Dichter und Musiker Christian Friedrich Daniel Schubart dort einsaß und Schiller um ein Haar auf den Hohenasperg gekommen wäre, verbindet sich mit dem Ort doch vor allem die Vorstellung von Strafanstalt und Kriminalität. Das hat sie dem Jäckel geschrieben. Und ganz selten vergisst die Dame Elisabeth Guttenberger sogar ihre Damenhaftigkeit, wenn sie den Jäckels dieses Landes begegnet.

Dann weiß sie, dass Bildung doch nicht alles ist und ist zu bemerkenswerten Sätzen fähig: „Wenn Sie sagen, dass Sie ein Historiker sind, so imponiert mir das überhaupt nicht. Erst will ich wissen, was für einer Sie sind. Es gibt gute und schlechte Historiker, so wie es gute und schlechte Bäcker, und wie es gute und schlechte Scherenschleifer gibt.“

Roman Herzog hatte gesehen, dass der Völkermord an den Sinti und Roma aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns, mit dem gleichen Vorsatz zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung geschehen ist wie der an den Juden. Rose möchte dieses „genau wie an den Juden“ gern im Mahnmalstext haben. Elisabeth Guttenberger nicht: Haben wir diesen Verweis eigentlich nötig?

Die „Zigeuner“ haben sich selbst nie „Zigeuner“ genannt. Es liegt Stolz darin, auf dem eigenen Mahnmal die fremden Namensgebungen auszulöschen. Elisabeth Guttenberger hat der Staatsministerin für Kultur gerade einen Brief geschrieben. Und ihn dann doch nicht abgeschickt. Es ist schon genug geredet, zerredet worden, denkt sie. Der letzte Vorschlag von Christina Weiss war, das „Zigeuner“ durch „Gypsies“ zu ersetzen. Elisabeth Guttenberger hebt die Augenbrauen in zweifelnde Höhen. Sollte sie sich verhört haben? Sind wir jetzt schon in der Operette?

Die Bedeutung eines Wortes liegt in seinem Gebrauch. Kein Wort ist auf immer definiert. Elisabeth Guttenberger und viele andere haben das Wort „Zigeuner“ nur als Pogrom in Lautgestalt wahrgenommen. Der Regisseur Emir Kusturica hat Anfang der 90er Jahre den wunderbaren Film „Die Zeit der Zigeuner“ gedreht. Er könnte nicht „Die Zeit der Roma“ heißen. Versteht sie das? Vielleicht, wenn sie diesen Film sehen würde.

Sie ist doch ungerecht zu Gott und zu Bach gewesen. 1944 hat sie in Auschwitz ein Lied komponiert. Sie will es jetzt nicht selber spielen. Aber sie hat eine Aufnahme. Es ist viel Bach in diesem kleinen Lied. Viel Unsterblichkeit.

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