Zeitung Heute : Der Kanzler hat einen Masterplan Noch acht Wochen bis zur Wahl

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Lieber P.,

allmählich wird es doch spannend. Damit Du verstehst, worauf ich hinaus will, muss ich Dir erst wieder mit den Umfragen kommen. Nicht nur die so genannten unabhängigen Journalisten hier in der Hauptstadt fragen sich, wie der Bundeskanzler in den nächsten acht Wochen das Blatt noch wenden will, auch Gerhard Schröders engere Freunde werden allmählich nervös. Nur er selbst offenbar nicht. Ich glaube, ich weiß warum. Schröder hat einen Masterplan, den er nicht zu früh bekannt geben will, damit seine Wirkung nicht verpufft. Wenige Wochen vor der Wahl, wahrscheinlich Ende August, wird er…

Aber davon später, zunächst die Umfragen. Die Forschungsgruppe Wahlen hat ermittelt, dass – wäre an diesem Sonntag Bundestagswahl gewesen – 41 Prozent der Wähler CDU/CSU gewählt hätten und neun Prozent FDP; macht zusammen 50 Prozent: Stoiber wäre jetzt Kanzler, Westerwelle sein Vize. SPD und Grüne wären gemeinsam auf 42 Prozent gekommen; aus der Traum. Schröder kann am Horizont der Wahlprognosen eigentlich nur noch einen hellen Fleck ausmachen: Anders als 1998 um diese Zeit halten nicht sehr viele Wähler die Wahl schon für gelaufen; vielmehr glauben immer noch mehr als vier Fünftel (82 Prozent), der Ausgang sei offen. Der „band waggon“ hat sich also noch nicht in Bewegung gesetzt. In der Schlussphase von Wahlkämpfen ist es meistens wie früher in New Orleans, wenn die Dixieland-Band losmarschierte. Dann reihen sich die Unentschlossenen dort ein, wo die Musik spielt.

Zurzeit spielt keine Musik. Die Ostdeutschen mögen den Stoiber nicht, die Westdeutschen sind von Schröder enttäuscht. Und die FDP-Anhänger sind gespalten; 53 Prozent sind dafür, dass Stoiber Kanzler wird, 40 Prozent wollen Schröder. Wenn Du das zusammenzählst, bleiben für den Kanzlerkandidaten Westerwelle ganze sieben Prozent. Ich weiß, dass ist meinungsforschungsmathematisch eine problematische Rechnung – aber interessant ist sie doch, findest Du nicht? Mir sagt sie, dass Westerwelle sein Potenzial ausgeschöpft hat, obwohl er das noch nicht wahrhaben will, wie ich miterlebte, als er kürzlich mit seinem Guidomobil am Starnberger See Station machte.

Nun zum Masterplan, den Schröder ausgeheckt hat, um die Wahl noch für sich zu entscheiden. Dazu musst Du wissen, dass sich der Wahlkampf immer stärker auf die „Hartz-Kommission“ konzentriert, die demnächst detailliert bekannt geben wird, wie durch eine Reform der Beschäftigungspolitik die Arbeitslosigkeit drastisch abgebaut werden kann. Der Versuch, mit der Hartz-Kommission zu punkten, sei eine „extrem ungewöhnliche und sehr gewagte Strategie“, meint Frau Köcher vom Allensbacher Meinungsforschungsinstitut, weil der Kanzler damit auf dem Kompetenzfeld seines Herausforderers auf eigene Versäumnisse aufmerksam mache. „Es gibt keinen Fall, wo dies funktioniert hat.“ Was Allensbach noch nicht wissen kann, ist, dass der Kanzler aus diesem Nachteil einen Vorteil machen will, und zwar folgendermaßen: Am 16.August wird Peter Hartz, der vom Kanzler berufene Vorsitzende der Kommission, offiziell seinen Abschlussbericht vorlegen. Schröder wird diesen Plan unverzüglich übernehmen, ihn von der SPD zum Regierungsprogramm erklären lassen und in seinem Kabinett erste Umsetzungsbeschlüsse fassen. Sein Coup aber wird sein, dass er ankündigen wird, Peter Hartz werde nach der Wahl in die Bundesregierung eintreten und selbst die Verantwortung für die Durchsetzung seiner Reformideen übernehmen, wahrscheinlich als Superminister für Wirtschaft und Arbeit. Schröders VW-Mann Peter Hartz gegen Stoibers Jenoptik-Mann Lothar Späth – da wäre sie doch endlich, die Musik, auf die wir alle warten! Natürlich wird man dementieren, dass es den Plan gibt. Vielleicht wird er ja auch in diesem Augenblick erst geboren. Angeblich hat Hartz gar keine Ambitionen auf ein politisches Amt. Angeblich will er Personalvorstand von VW bleiben. Es gebe schon einen Wirtschafts- und auch einen Arbeitsminister, Werner Müller nämlich und Walter Riester, wird man sagen. Lass Dich davon nicht verunsichern. Müller könnte endlich zurück in die Industrie, und Riester – na ja, vielleicht in die Riester-Rente.

Findest Du nicht auch, dass die Idee richtig Format hat?

Dein M.

Martin E. Süskind

erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

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