Zeitung Heute : Der Kanzler muß den Kurs vorgeben

CLAUDIA LEPPING

Sechs Wochen nach dem Ende der militärischen Auseinandersetzung um das Kosovo bricht der Kanzler zu seiner ersten Balkanreise auf. Es wird höchste Zeit. Denn die internationale Gemeinschaft muß schleunigst zeigen, wie ernst es ihr mit ihrem Auftrag zum Aufbau eines effizienten Protektorats im Kosovo ist. Fast scheint es, als liefe die Entwicklung aus dem Ruder: Die UCK-Armee ist auf dem besten Wege, nach jener Macht zu greifen, die laut Einigungsabkommen erst nach freien und fairen Wahlen verteilt werden soll. Vor allem die Machtansprüche der Untergrundarmee machen die Bildung einer gemeinsamen Regierung mit Ibrahim Rugova, dem beharrlich auf Mäßigung setzenden Chef der Demokratischen Liga (LDK), unmöglich. Gerhard Schröder muß also einen neuen Kurs bestimmen in seinen politischen Gesprächen. Er muß sich einmischen und entscheiden, daß der Neuaufbau von politischen und wirtschaftlichen Institutionen nicht mit einer Militärregierung im Sinne der UCK zu machen ist.Im Kosovo gibt es noch viel zu verlieren. Gerhard Schröder wird mit allen Vertretern der Provinz sprechen. Mit dem starken Mann der UCK, Hashim Thaci, mit Rugova und mit dem Chef der politisch eher schwachen Serbischen Widerstandsbewegung, dem Milosevic-Gegner Trajcovic. Nicht nur historisch betrachtet sind UCK und LDK wie Feuer und Wasser, seitdem sich die Militärorganisation für selbständig erklärte und aus Frust über den passiven Widerstand Rugovas und seiner LDK zur Selbstverteidigung der Provinz schritt. Das Ausland hatte stets ungerührt zur Kenntnis genommen, was Rugova an Menschenrechtsverletzungen der Serben aufzeichnete und an Appellen zum Gewaltverzicht der Kosovaren vortrug. Bis zu den Wahlen im nächsten Jahr will sich die LDK reformieren und eine Parteistruktur schaffen, die es ihr erlaubt, endlich jene politische Verantwortung zu übernehmen, die sie als Widerstandsregime gegen Belgrad jahrelang folgenlos für sich beanspruchte. Bis heute ist von organisierter Führungsqualität noch nicht viel zu spüren. Wie schon im Krieg gegen die Serben, als die UCK sämtliche Parteien auf "ihrem" eroberten Territorium verbot, denunziert diese bis heute LDK-Politiker, um sich selbst als wichtigste politische Kraft zu gerieren. An der Seite der USA und der Vereinten Nationen feiert sich die UCK als Sieger. Unter den Augen der UN-Verwaltung besetzt UCK-Chef Thaci entgegen allen Abkommen die Spitzen der Verwaltung bis zur Bürgermeisterebene mit Leuten seines Generalstabs. Doch die UN verhandeln lieber mit Thacis ehrgeizigem Klan als mit LDK-Visionären.Schröder wird kaum Chancengleichheit herstellen können, aber er muß Rugova drängen, endlich handlungsfähig zu werden. Schließlich verkörperte der "Ghandi des Kosovo" stets die westlichen Werte von Demokratie und Rechtsstaat. Zugleich muß der Kanzler die UN-Vertretung auffordern, Thaci nicht länger schalten und walten zu lassen. Hashim Thaci ist der unumstrittene, aber der zweifelhafteste Sieger des Krieges: Soviel Geld für den Fonds "Die Heimat ruft" hatten die UCK-Anhänger im Ausland noch nie für seine Armee gesammelt; soviel Waffen wurden wohl noch nie zwischen Albanien und Kosovo geschmuggelt; soviel kriegserfahrene Soldaten haben ihm noch nie zur Seite gestanden. Sein Bekenntnis zu Wahlen im politischen Kampf um die Macht kommt ihm genauso leicht über die Lippen wie die Ankündigung, nach UN-Abzug in drei Jahren einen eigenen Staat anzustreben. Doch dieses Ziel verstößt gegen jenes Völkerrecht, das das Kosovo zu Serbien zählt. Die UCK wird gebraucht, um die Region zu demilitarisieren und eine albanisch-serbische Polizeistruktur zu schaffen. Die Fortschritte dabei entlassen Thaci nicht aus der Pflicht, zu beweisen, daß er die UCK zu einer kontrollierbaren demokratischen Partei wandeln will.

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