Zeitung Heute : Der Kapitalismus macht Ernst

Die Firma ist profitabel, trotzdem will Siemens 600 Arbeiter entlassen. Und eine ganze Stadt erkennt nun, was Marktwirtschaft heißt

Harald Schumann[Würzburg]

Wolfgang Glück ist eigentlich ein grundsolider Typ. Seit 40 Jahren arbeitet er für Siemens, und Protest ist nicht seine Sache. „Wenn’s der Firma gut geht, geht’s mir auch gut“, so hat er es stets gehalten, egal was kam. Schichtbetrieb, Wochenendarbeit, Überstunden, auch mal unbezahlt, „wenn es sein muss, machen wir fast alles. Ich kann meine Jungs motivieren“, versichert der 54-jährige Schichtführer. „Aber das jetzt, das geht zu weit“, sagt er, und die Stimme wird laut.

Auch im Rathaus ist schlechte Stimmung. „Das versteht doch keiner mehr“, klagt Marion Schäfer, zweite Bürgermeisterin und bei der SPD. „Der Betrieb ist vollkommen gesund, und trotzdem wollen sie entlassen. Ich könnte mir vorstellen, dass ich persönlich Aktionen unterstütze“.

So vorsichtig formuliert Landrat Waldemar Zorn nicht mehr. Schon sein halbes Leben lang macht er Politik für seine Wähler und die CSU. Jetzt, mit 66 Jahren, spricht er wie ein Aktivist von Attac. „Man muss die Einzelschicksale sehen“, sagt er. „Da sind über 1000 Menschen betroffen, für die geht doch alles den Bach runter. Und das nur, um irgendwelchen anonymen Großaktionären ein paar Prozent mehr zu verschaffen, das sind perverse Verhältnisse.“

Angst, Wut, und Unverständnis – in Würzburg, der friedlichen Stadt am fränkischen Main, wo die Mehrheit CSU wählt und die Welt noch in Ordnung schien, formiert sich eine Einheitsfront des Protests gegen den Weltkonzern Siemens und dessen Tochtergesellschaft für Automobilelektrik Siemens VDO. Da gerät plötzlich ein Informationsstand auf dem Marktplatz zur Spontandemonstration, Bundes- und Landespolitiker aller Couleur mischen sich ein, und für kommenden Donnerstag planen Gewerkschaften und Parteien sogar eine Menschenkette rund um das Werk in der Nürnberger Straße.

Dort arbeiten bisher noch 1600 Menschen, sie bauen und verkaufen all die kleinen Elektromotoren, die im Auto für Komfort und Sicherheit sorgen, vom Fensterheber bis zum ABS-System. Die Produktionshallen sind erfüllt vom Lärm zahlloser Automaten, seit Jahren wachsen hier vor allem die Perfektion und Zahl der Maschinen. So stieg trotz sinkender Preise der Umsatz in den vergangenen fünf Jahren um fast 30 Prozent, während gerademal 80 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt wurden. Mit 19 Millionen Euro, das waren immerhin sechseinhalb Prozent vom Umsatz, trug das Werk vergangenes Jahr denn auch zum Milliardengewinn des Konzerns bei.

„Wir haben jedes Jahr mehr Produktivität gebracht, eigentlich ist es hier gut gelaufen“, sagt Betriebsratschef Wilhelm Sedelmayer – bis vor drei Wochen. Da erfuhr die Belegschaft bei zwei Betriebsversammlungen aus dem Mund des Werksleiters, dass ihre Anstrengungen nicht genügen. Ein Teil der Produktion werde in ein neues Werk im tschechischen Ostrava verlagert, hieß es da. Und für den in Würzburg bleibenden Rest müsse man über Einsparungen verhandeln.

Die Forderungen reichen von der Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich über die Streichung der Schichtzuschläge bis zum Wegfall der bezahlten Pausen. Zwischenrufe und Pfiffe habe es gegeben, berichten Teilnehmer, aber mehr geschah nicht. „Der Schock war zu groß“, erzählt die Montiererin Carmen Rockstroh mit sächsischem Akzent, die vor 14 Jahren auf der Suche nach Arbeit im Würzburger Siemens-Werk landete und neuerdings wieder an ihre DDR-Lehrer denken muss: „Wir schaffen Gewinne, und trotzdem wollen sie uns an den Kragen, hier geht’s jetzt genauso zu, wie sie uns im Staatsbürgerkundeunterricht den Westen immer erklärt haben.“

So hat der Streit um das Siemens-Werk in Würzburg alle Zutaten für einen Symbolkonflikt zum Thema Turbo-Kapitalismus: auf der einen Seite die Manager, die um jeden Preis versuchen müssen, im weltweiten Wettbewerb die Nase vorn zu haben, weil ihre Karriere mit der Entwicklung von Marktanteilen steht oder fällt. Und auf der anderen Seite die Belegschaft und mit ihr die Menschen in der ganzen Region einschließlich der Politik, die nicht verstehen, warum selbst ein profitabler Betrieb Löhne kürzen und Jobs an ein Werk in einem Billiglohnland verlieren soll.

Dabei geriet vor allem die Kaltschnäuzigkeit der Siemens-Führung zur – vermutlich ungeplanten – Provokation. Als etwa der örtliche Bundestagsabgeordnete und parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Walter Kolbow (SPD), im vergangenen Herbst um Auskunft über eventuelle Verlagerungspläne bat, schrieb ihm Wolfgang Dehen, Chef der Autosparte bei Siemens, „dass wir zu Gerüchten und Spekulationen nicht Stellung nehmen“. Die gleiche Auskunft erhielt auch Barbara Stamm (CSU), die frühere Landessozialministerin und heute Vizepräsidentin des Landtages, deren Wahlkreis in Würzburg ist.

Tatsächlich war aber der Bau des Werks in Ostrava damals längst beschlossene Sache. So jedenfalls liest sich das „unternehmerische Konzept“, das Dehen Anfang des Jahres seinen Aufsichtsräten präsentierte, wenn auch „strictly confidential“ – streng vertraulich –, wie der rote Aufdruck auf jeder einzelnen Seite mahnt. „Die Teilverlagerung ist bis Mitte 2007 abgeschlossen“, kündete eine dieser Folien mit einem detaillierten Zeitplan für die vorgesehenen 617 Kündigungen einschließlich eines Fotos vom geplanten Bauplatz in Tschechien. Dort locken zehn Jahre Steuerfreiheit, großzügige Zuschüsse für die Einarbeitung von neuen Mitarbeitern und deren niedrige Löhne.

„Das ist ungeheuerlich“, empört sich nun CSU-Politikerin Stamm, „erst sprechen sie von Gerüchten und dann so was, das ist doch kein Umgang.“ Sie fordert jetzt von ihrem Regierungschef, Edmund Stoiber, Druck auf Siemens auszuüben. „Ich werde das am Montag im Parteivorstand ansprechen, ich erwarte ein klares Wort von ihm.“

Trotz der Zuspitzung scheuen Siemens-VDO-Vorstand Dehen und auch sein Boss, der neue Konzernchef Klaus Kleinfeld, bisher die öffentliche Auseinandersetzung. Gesprächsanfragen der Presse lassen sie unter Verweis auf „Termingründe“ abblocken, selbst mit der Belegschaft hat Dehen nicht gesprochen. Dabei könnten sich die vermeintlich profitgierigen Manager womöglich leicht entlasten. Denn die geforderte Kostensenkung entspricht durchaus der wirtschaftlichen Logik. So bekamen die Würzburger Elektrowerker für einen Fensterhebermotor für den VW Golf im Jahr 2000 noch sieben Euro, in diesem Jahr sind es noch 5Euro40. Und vieles spricht dafür, dass das für alle Produkte des Werkes so weitergeht, während die maschinelle Rationalisierung an ihre Grenzen stößt.

Darum sind die Beschäftigten auch zu großen Zugeständnissen bereit. „Wenn Einschnitte sein müssen, dann müssen sie eben“, sagt Schichtleiter Glück und ist sich da einig mit seinem Betriebsratsvorsitzenden. „Wir hätten ja über alles reden können“, sagt Sedelmayer. Der 52-jährige Familienvater sagt von sich selbst, dass er „schon ein kalter Hund“ sei, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt. Doch das ist das Neue am Führungsstil bei Siemens: Das klassische Muster der Sozialpartnerschaft hat ausgedient. Anders ist kaum zu erklären, warum Dehen und Kleinfeld selbst diesen gutwilligen Mann in eine völlig ausweglose Lage gebracht haben.

Denn sie bieten ihm und seinen Leuten nur Alternativen, die an Erpressung grenzen: Entweder sie akzeptieren die Entlassung der 600 Mitarbeiter plus Lohnkürzungen und unbezahlter Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. Oder aber die gesamte Produktion wandert nach Tschechien. „Eine vollständige Verlagerung ist bis Dezember 2007 möglich“, heißt es dazu im „unternehmerischen Konzept“. Würde er sich darauf einlassen, müsste der Betriebsrat seinen Leuten den Verzicht auf Geld und Freizeit abhandeln, nur um trotzdem 600 Kollegen in die Arbeitslosigkeit zu schicken. „Die wollen alles auf einmal, was sollen wir da noch verhandeln?“, fragt Sedelmayer resigniert und ahnt, dass sein friedlicher Betrieb womöglich auf den großen Konflikt zusteuert. Werner Ring, der IG-Metall-Bevollmächtigte der Stadt, glaubt gar, Würzburg „sei die Spielwiese“ für Siemens-Chef Kleinfeld, „hier will er sehen, wie weit er gehen kann“.

Hätte er damit Recht, dann wäre das Objekt allerdings ausgesprochen schlecht gewählt. Denn in der Autobranche wird just-in-time produziert. Die Lagerhaltung findet nur noch in fahrenden Lkws statt, und ein Streik in Würzburg würde binnen zwei Tagen große Teile der deutschen Automobilindustrie lahm legen. Darum spricht vieles dafür, dass Dehen und sein Boss nur die Vorteile in Tschechien mitnehmen wollten und die Brisanz des Plans unterschätzt haben. Wolfgang Glück jedenfalls, ihr treuer Schichtleiter im Werk, ist noch zuversichtlich. Notfalls, sagt Glück, „machen wir alle eine Woche Urlaub, dann merken’s, dass mir auch a bisserl Macht haben“.

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