Der Kennerblick : Survival für Modeopfer

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Der Titel von Richard David Prechts Bestseller beschreibt bestens das Dilemma, in dem sich Modeeinkäufer und Pressevertreter während der wilden Modetage in Berlin befinden.

Romy Uebel
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Romy Uebel ist Modejournalistin und kennt die Branche in- und auswendig. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Mit dem Glamour der VIP-Fotos hat deren Realität nämlich während dieser drei bis vier Tage recht wenig zu tun, denn Absprachen sind unter PR-Leuten und Event-Organisatoren spärlich und eher impressionistisch. Das Ergebnis für die Besucher: Stress!

Überlebensstrategien sollten also schon vorher genauestens durchdacht sein. Im Normalfall ist man an einem Abend gleich zu vier Essen eingeladen und sollte dazu noch einen Umtrunk hier, ein Grillfest dort und einen Cocktailempfang am anderen Ende der Stadt unter einen Hut bringen. Da wird es zum Balanceakt, Contenance, Effizienz und Konzentration zu bewahren.

Aber nicht, dass falsche Vorstellungen aufkommen: Das ist natürlich nur das Füllprogramm zwischen den eigentlichen Pflichtveranstaltungen, den Messebesuchen und Modenschauen.

In den vorigen Wochen dürften schätzungsweise 500 E-Mails mit Einladungen aufgelaufen sein. Nach dem Durchsieben erstellt man einen groben Zeitplan, der eine Durchschnittsanwesenheit von zirka 20 Minuten pro Event voraussetzt und wie jede Saison zum Scheitern verurteilt ist. Es eröffnen sich drei Krisenherde: Transportmittel, Ernährung und Outfitwahl!

Shuttles klingen schick, sind aber meist nutzlos, es sei denn, man verfügt über einen persönlichen Chauffeur. Das normalsterbliche Modeopfer weicht auf die öffentlichen Verkehrsmittel, aufs Fahrrad oder Auto aus. Zur Verfügung sollte man alle gleichzeitig haben, denn in unvorhersehbaren Abständen sind Schnelligkeit, Spontaneität oder Komfort gefragt.

Ähnlich verhält es sich mit Häppchen und versprochenen Leckereien am Messestand, denn die klingen besser als sie sind, jedenfalls fünf Tage in Folge. Entweder schleicht man vollkommen unterzuckert umher oder stopft sich aus purer Langeweile oder aus Panik vor der nächsten Nahrungsflaute voll.

Nach acht Stunden in stickigen Hallen knurrt nicht nur der Magen, der Blick auf die Uhr zeigt auch, dass nur maximal eine Stunde bis zur ersten Präsentation oder Ladeneröffnung bleibt. Ein Geruchstest unterm Arm, bestätigt, dass eine Dusche und neue Klamotten dringend nötig wären. Echte Profis deponieren Kleidchen und Pumps, Erfrischungstücher, Beinkühlspray und Make-up im Auto oder bei Freunden in zentraler Wohnlage, denn heim oder ins Hotel schafft man es meistens nicht.

Die ehrlichsten Fotos vom Modezirkus würden sicherlich versteckte Kameras bei den Fashionistas zu Hause liefern, die am Sonntag, wenn alles vorbei ist, mit Gurkenmaske in Jogginghosen vorm Fernseher sitzen und bei einer Pizza ihre Wunden lecken. Aber genug gejammert: Die Modewoche ist da und verbindet alle Protagonisten in Aufregung und süßsaurer Hassliebe. Mit Fashion Weeks ist es eben wie mit Verwandten, man freut sich immer zweimal: wenn sie kommen und wenn sie gehen!

Diverse Dinner, Umtrünke, Cocktailempfänge: Die Beilagen

zur eigentlichen Arbeit

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