Zeitung Heute : Der Klavierbauer ist Tischler, Stimmmeister und Historiker in Personalunion

Silke Edler

Schwungvoll und gleichmäßig lässt Klavierbaumeister Jörg Gohl den Farbbausch über den Tastaturdeckel gleiten. Ein wenig Druck - nicht zu viel - dafür immer gleich stark. "Nur so bekommt man diesen typischen edlen Glanz von Klavieren und Flügeln hin", sagt Gohl. Die Bearbeitung von Klavieroberflächen will ebenso gelernt sein wie die Erneuerung der Saiten, der Holzstege oder der Tasten. Um das alles zu können, muss man dreieinhalb Jahre in die Lehre gehen. "Ein Klavier besteht aus bis zu 10 000 Teilen, das sind viel mehr als bei einem Auto, da muss man schon einige Zeit lernen", erklärt der Klavier- und Cembalobauermeister.

Derzeit restauriert Gohl einen Bechstein-Flügel. "Das ist mein Hauptstück, nebenbei habe ich immer noch Klaviere und Cembali in Arbeit", erklärt er. Seine Auszubildenden lernen ihre Arbeit von der Pike auf. "Zunächst müssen sie erstmal kleine Hölzer gerade und sauber durchsägen", sagt Gohl. Da in seiner Werkstatt alles per Hand angefertigt wird, gehören auch kleine Tischlerarbeiten zum Pensum. Anschließend lernen sie, die Klaviere zu besaiten und den Resonnanzboden zu bearbeiten. Wer sich bis dahin wacker gehalten hat, wird von Gohl an die Mechanik, also an das Spielwerk heran geführt. "Über die ganze Ausbildungszeit bringe ich meinen Lehrlingen außerdem bei, die Instrumente zu stimmen", sagt Gohl.

Zur Ausbildung zum Klavierbauer gehören zwölf Wochen Blockunterricht im Jahr. In Berlin gibt es aber keine Schule dafür mehr. "Die Lehrlinge müssen in Ludwigsburg bei Stuttgart die Schulbank drücken", sagt der Kreuzberger Klavierbauermeister. Die späteren Arbeitschancen hängen nach Gohls Ansicht ganz entscheidend von der Flexibilität der Lehrlinge ab. "Man muss auch bereit sein, ein wenig hin- und herzuziehen", sagt er. Das Anfangsgehalt eines gelernten Klavierbauers liegt bei etwa 2600 Mark. "Nach oben sind keine Grenzen gesetzt", verspricht der Fachmann.

Obwohl sich der Beruf Klavier- und Cembalobauer nennt, übernehmen den tatsächlichen Bau der Instrumente große Firmen wie Steinway, die sich vor einiger Zeit ganz aus Berlin zurückgezogen hat und nach Hamburg umgesiedelt ist. "Unser Metier sind Restaurierung, Reparatur und Service wie das Stimmen der Instrumente oder kleine Ausbesserungen", sagt Gohl. Wer diesen Beruf erlernen will, muss aber nicht zwangsweise Klavier spielen können. "Allerdings wäre es von Vorteil, wenn man irgendein Instrument beherrscht", sagt Gohl. Viel wichtiger sei es aber, dass die Auszubildenden sich in alte Dinge und in deren Geschichte hinein denken könnten.

Zudem brauchen die Lehrlinge einen langen Atem und viel Geduld, bis sie jedes Teilchen eines Klavieres kennen und erkennen, wo die Fehler sitzen. "Ich habe es schon oft erlebt, dass Lehrlinge, trotz eines Praktikums, von dem Beruf enttäuscht sind", sagt Gohl. Ein Praktikum ist bei Gohl übrigens obligatorisch. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Architekturstudent nach seinem Studium um eine Lehrstelle fragt oder der soeben abgegangene Hauptschüler. Eine Chance hat bei Gohl fast jeder. "Was ich brauche, sind bodenständige Leute, die Klaviere bauen möchten, eine Beziehung zu alten Dingen aufbauen können und bereit sind, zu lernen".

Nach der Lehre noch nicht ausgelernt

Der Beruf des Klavier- und Cembalobauers läßt sich nicht von heute auf morgen erlernen. Selbst nach der dreieinhalbjährigen Ausbildung braucht der frisch gebackene Klavierbauer noch etwa zehn Jahre, um die erlernten Fähigkeiten auf eine bestimmte Geschwindigkeit zu trimmen. Der Lohn im 1. Lehrjahr liegt bei 450 Mark, im 2. Jahr bei 550 und im letzten Lehrjahr bei 700 Mark. In Berlin gibt es insgesamt 14 Klavierbau-Betriebe, nur drei davon beschäftigen im Augenblick Lehrlinge.

Nähere Informationen gibt es bei der Landesinnung der Musikinstrumentenbauer Brandenburg in Eberswalde unter der Telefonnummer 03334-212771, bei der Handwerkskammer, Telefon 259 03-347 oder im Internet unter www.hwk-berlin.de .

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