Zeitung Heute : Der kleine Unterschied und seine Folgen Vor Gericht: Der „Bild“-Chef gewinnt gegen die „taz“

Ulrike Simon

Der Eintritt ist frei. Mit diesem Satz endete am Wochenende eine Meldung in der „taz“. Es war eine Art Veranstaltungstipp, mit dem die Zeitung auf einen Prozess hinwies, den „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann gegen sie führt. Der juristische Streit wird im Branchenjargon „Penis-Prozess“ genannt. Die Klage trägt das Aktenzeichen 27 O 615/02, gestern war Verhandlung.

Etwa 30 Gäste waren der Einladung der „taz“ ins Berliner Landgericht gefolgt. Für eine normale Verhandlung wäre das beachtlich; in diesem Fall ist es jedoch wenig, bedenkt man, dass der Veranstaltungshinweis von Radio-Interviews, Vorabberichten in Zeitungen und einer täglichen Countdown-Kampagne in der „taz“ selbst begleitet worden war. Die meisten der Anwesenden waren Journalisten, die sich amüsierten, wie sich Kai Diekmann gegen eine Satire wehrt, die am 8. Mai dieses Jahres auf der so genannten „Wahrheit“-Seite der „taz“ stand.

Unter der Überschrift „Sex-Schock! Penis kaputt“ ging Autor Gerhard Henschel darin dem erfundenen Gerücht nach, Kai Diekmann habe sich in Miami einer Penis-Verlängerung unterzogen. Die „Untenrum-Operation“, bei der auch „Adern, Schwellkörper und Fleischteile aus den Genitalien einer männlichen Leiche“ verwendet worden seien, sei jedoch missglückt. Sie sei einer Kastration gleichgekommen. Diekmann habe den behandelnden Arzt daraufhin auf 200 Dollar Schadenersatz verklagt. Das alles war satirisch gemeint, wie alles, was auf der manchmal witzigen, oft aber pubertären, verletzenden und beißwütigen „Wahrheit“Seite steht. Diekmann sah seine Intimsphäre verletzt und erwirkte eine einstweilige Verfügung, die geforderte Unterlassungserklärung unterschrieb die „taz“ aber nicht. Am Dienstag ging es nun um 30000 Euro, die Diekmann als Schmerzensgeld verlangte.

„Natürlich war die Sache geschmacklos und unappetitlich“, sagte „taz“-Chefredakteurin Bascha Mika nach der Verhandlung, aber Satire dürfe und müsse Grenzen überschreiten. Die „taz“ habe lediglich mit den Waffen der „Bild“ gekämpft. Bascha Mika stellt sich hinter ihre Redaktion, das muss sie schließlich. Die „Wahrheit“-Seite genießt bei der „taz“ absolute Freiheit, und die verteidigt sie gegen jeden, auch internen, Kritiker. Bisweilen nehmen die „Wahrheit“-Redakteure dafür sogar die Chefredaktion in Geiselhaft.

Die Verhandlung im Saal 143 glich einer Theatervorstellung, besser: der Aufführung einer mittelmäßigen Boulevardkomödie. Nicht zuletzt wegen der Konstellation der Parteien: hier die große, mächtige „Bild“ mit Professor Peter Raue – ein älterer Herr mit weißem Haupt, Anwalt, Mäzen und herausragende Figur des Berliner Bildungsbürgertums; dort Johannes „Johnny“ Eisenberg, Anwalt der kleinen, alternativen „taz“ und Schrecken aller bürgerlichen Zeitungen, in verwaschenen Jeans, die Robe locker übers grüne Hemd gezogen. „taz“ und „Bild“, zwei in Hassliebe einander verbundene Zeitungen aus gegensätzlichen ideologischen Traditionen, aber gleichsam von ihren Lesern für ihre Frechheit und Respektlosigkeit geliebt.

Der volle Saal, in den die Journalisten vor Verhandlungsbeginn schnell ein paar zusätzliche Holzbänke trugen, war Diekmann-Anwalt Raue sichtlich unangenehm. Eisenberg ganz und gar nicht. Er war sich der Erwartungen seines Publikums bewusst. Weniger den Richter Michael Mauck und schon gar nicht die gegnerische Partei schaute er beim Reden an. Die meiste Zeit hatte er sein Gesicht dem Publikum zugewandt.

Niemand im Saal zweifelte daran, dass es sich bei dem „taz“-Artikel um eine Satire handelt, und Satire darf bekanntlich alles – fast alles. „Das heißt nicht, dass das nicht doch zu weit geht“, sagte der Richter. Diekmann sei zum Objekt des Gespötts geworden. Tatsächlich fragt man sich, ob es für Diekmann nicht besser gewesen wäre, den Artikel zu ignorieren. Auch in seinem eigenen Haus wird seit Wochen darüber gejuxt. Der „Spiegel“ leitete kürzlich einen Artikel über die Springer-Presse mit der Frage ein, warum Diekmann ausgerechnet gegen diesen „taz“- Artikel vorgehe. Als dieselbe Zeitung schrieb, in Oslo hätten Jugendliche ein menschliches Gehirn gefunden, und sie Diekmann aufrief, er möge sich bei der norwegischen Polizei melden („Es mag Ihnen noch nicht aufgefallen sein, aber Ihnen fehlt etwas Wichtiges“), da wehrte sich Diekmann nicht.

Der „Bild“-Chef, der nicht im Saal anwesend war, will allein schon die Diskussion über Dinge, die seine Intimsphäre betreffen, verbieten. „Herr Diekmann ist tief verletzt“, sagte Raue. Dem Satz folgte Glucksen und Lachen aus dem Publikum, und auch dem Richter fiel es während der Verhandlung schwer, die Gesichtsmuskeln zu beherrschen.

Genau darauf, auf die Lächerlichkeit des Themas, setzte Eisenberg, als er deftig, wortreich und ausschweifend argumentierte, welch hehre Ziele die „taz“ mit ihrer Satire verfolgte. Nicht weniger als die „verseuchte Container-Öffentlichkeit“ wollte die Zeitung bekämpfen. Diekmann sei schuld am Blut-, Sperma- und Fruchtwasserjournalismus, der bei „Bild“ einen qualitativen Sprung erlebt habe, daran, dass „der öffentliche Raum verseucht“ sei. Und deshalb gebe es keinen Besseren als ihn, um gegen diesen Presse-Stil ein Exempel zu statuieren. Eisenbergs Logik: Ein Chefredakteur, in dessen Blatt ständig über die privatesten Dinge der Menschen geschrieben wird, hat selbst kein Recht auf Intimsphäre: „Warum soll man über Schweinejournalismus stilvoll schreiben?“, fragte er.

Eine neuerliche PR-Kampagne, um die 30000 Euro Schmerzensgeld aufzutreiben, muss die stets am Rande des Ruins stehende „taz“ nicht aufrollen. Sie darf die in dem Bericht verwendeten Formulierungen jedoch nicht wiederholen. Die Richter urteilten, die „taz“ habe zwar Diekmanns Persönlichkeitsrechte verletzt, jedoch nicht so schwer wiegend, dass ihm Schmerzensgeld zustehe.

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