Zeitung Heute : Der Kleinere gibt nach - Mit Vox hat RTL ein neues Familienmitglied

Thomas Gehringer

Kate Winslet empfängt den Besucher des Fernsehsenders Vox mit einem schicksalsschweren Blick - ein schwacher Trost im tristen Gewerbegebiet von Köln-Ossendorf. Der Kino-Knüller "Titanic" beim deutschen TV-Zweitligisten: Das Filmplakat am Eingang kündet immer noch von diesem unwirklichen Programm-Coup, auch wenn die Realität den kleinen Sender längst eingeholt hat. Der Film von James Cameron war Teil eines Programmpakets, das Vox von dem Hollywood-Studio Twentieth Century Fox erworben hatte. "Zum Marktpreis", wie Vox-Chefin Anke Schäferkordt betont.

Zufällig hielt allerdings der Australier Rupert Murdoch sowohl bei Vox als auch bei Fox Anteile. Mit ihm im Rücken gelang es dem Kölner TV-Zwerg, den wirklich Großen auf dem TV-Markt ein Schnippchen zu schlagen. Doch das Imperium - pardon, die Familie - schlug zurück: Heute hat nicht mehr Murdoch, sondern die zur Hälfte vom Bertelsmann-Konzern getragene CLT-Ufa (49,8 Prozent der Anteile) sowie ihre Tochter RTL (49,9 Prozent) das Sagen bei Vox. Also versinkt die "Titanic" demnächst im RTL-Kanal, und Anke Schäferkordt gibt pflichtschuldig zu Protokoll: "Man muss innerhalb der Familie Verständnis dafür haben, dass der Marktführer sagt, der erfolgreichste Film aller Zeiten muss bei uns laufen." Und immerhin liege ja das Recht auf Zweitausstrahlung bei Vox.

Es ist, als hätte der Privatsender mit der wechselvollen Geschichte endlich seine Bestimmung gefunden. 1993 ging Vox als "informationsorientiertes Vollprogramm" auf Sendung. Prominente Journalisten von ARD und ZDF standen Pate: Ruprecht Eser war Programmchef, "Mr. Tagesthemen" Hanns-Joachim Friedrichs sein Berater, und Wibke Bruhns, einst erste Nachrichtensprecherin im deutschen Fernsehen, moderierte die Hauptnachrichten. 50 Prozent des Gesamtprogramms wollte man selbst produzieren und bereits 1997 schwarze Zahlen schreiben. Was für eine grandiose Fehleinschätzung!

Bereits nach wenigen Wochen verließ Eser das sinkende Schiff, und auch der etwas hochfahrende Anspruch ("Wann kommt endlich was Gescheites im Fernsehen? Heute") wurde durch Spielfilme und Serien schnell auf kommerzielles Normal-Maß zurechtgestutzt. Treibende Kraft war dabei Bertelsmann. Die Gütersloher, die anfangs nur eine Minderheitsbeteiligung (24,9 Prozent durch die Konzerntochter Ufa) halten durften, wollten von Beginn an Vox in die RTL-Familie eingliedern. Lange Zeit stand dem das deutsche Medienrecht, das einen beherrschenden Einfluss eines Konzerns bei mehreren Sendern verhindern sollte, im Wege. Also bedurfte es mehrerer Etappen: Im Frühjahr 1994 stand Vox nach kapitalem Fehlstart bereits vor dem Aus; nach monatelangem Liquidationsverfahren wurden für die ausgestiegenen Print-Verlage (z.B. Süddeutscher Verlag, Holtzbrinck) mit Rupert Murdochs News International (49,9 Prozent) und dem französischen Pay-TV-Spezialisten Canal plus (24,9 Prozent) neue Gesellschafter neben der Ufa gewonnen. Sechs Jahre später - das Medienrecht war inzwischen gelockert worden - haben die Bertelsmänner endlich die volle Kontrolle über Vox. Canal plus und auch Murdoch, der sich auf den Pay-TV-Markt konzentriert, haben ihr Anteile abgegeben.

"Es ist nicht so, dass ich die Ansage von RTL bekomme, was ich zu tun habe", erklärt Anke Schäferkordt. Auch RTL-Chef Gerhard Zeiler wird nicht müde zu betonen, dass die einzelnen Sender der RTL-Familie selbstständig bleiben. Zeiler sei "nicht direkt mein Chef", sagt die 37-jährige Vox-Chefin, die noch bis 1995 selbst bei RTL gearbeitet hatte. Eine etwas merkwürdige Konstruktion: Auf der einen Seite verhandelt Anke Schäferkordt, welche Filme oder Serien sie aus dem RTL-Fundus übernimmt, auf der anderen Seite muss sie Zeiler im Vox-Beirat regelmäßig Rede und Antwort stehen. Differenzen gebe es jedoch nicht: "Wir sind uns einig, dass die Positionierung von Vox im Markt beibehalten wird." Als "sophisticated Programm" dürfe Vox durchaus auch weniger massenwirksame Sendungen zeigen, hatte Zeiler einmal in einem Interview erklärt. Darüber muss Anke Schäferkordt allerdings schmunzeln: Mit der Eigenschaft "sophisticated" habe Zeiler wohl eher die Abgrenzung innerhalb der Familie als eine wirkliche Beschreibung von Vox gemeint.

Nun ist es ja nicht sonderlich schwer, kultivierter und anspruchsvoller als RTL und besonders als RTL 2 zu Werke zu gehen. Gemeint ist also, das etwas ältere (30 bis 39 Jahre), etwas gebildetere und etwas besser verdienende Vox-Publikum auch in Zukunft im Auge zu behalten. Mit zusätzlichen Serien und Kino-Filmen soll RTL, aus dessen Beständen Vox bereits jetzt rund zehn Prozent des Programms bestreitet, vor allem die Hauptsendezeit bestücken. Das ist durchaus ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Denn die Programmpakete, die Sender wie RTL mit amerikanischen Produzenten abschließen, enthalten eine Menge Durchschnittsware, die ein Sender allein gar nicht abspulen kann. Und während RTL auf amerikanische Serien oder TV-Movies fast völlig verzichtet, feiert Vox mit solchen Programmen im Tagesprogramm oder auch abends ("Ally McBeal") große Erfolge. Man ergänzt sich prima, ist daher der offizielle Tenor an beiden Kölner Standorten.

Nachdem die RTL-Tochter IP Deutschland die Vermarktung der Werbezeiten und damit auch zwei Dutzend Mitarbeiter von Vox übernommen hat, stünde kein weiterer Personalabbau bei dem auf 100 Mitarbeiter geschrumpften Ossendorfer Sender an, heißt es. Allerdings gab es einige Kündigungen, die angeblich mit dem Wechsel bei den Gesellschaftern nichts zu tun haben. Prominentester Abgang ist Programmchef und Chefredakteur Jörg Schütte, der den Sender "im Laufe des Jahres" mit unbekanntem, aber offenbar verlockendem Ziel verlässt, sagt er. Anke Schäferkordt fand es "spannend, mit internationalen Gesellschaftern zusammenzuarbeiten", doch jetzt begrüsst sie die klare Gesellschafter-Struktur. Das zwischen Bertelsmann und Murdoch vereinbarte "Shoot-out", bei dem der eine den anderen durch gegenseitiges Überbieten herauskaufen kann, sei "für die Mitarbeiter in den letzten Jahren ein gewisser Unsicherheitsfaktor" gewesen. Als einzige steht der totalen Bertelsmann-Kontrolle Alexander Kluges dctp im Wege, die dank der Zusammenarbeit mit Spiegel-TV auch die Vox-Nachrichten anliefert. Immerhin verfügt die dctp nicht nur über 0,3 Prozent der Vox-Anteile, sondern vor allem über eine unabhängige Sendelizenz.

Die eigentlich nahe liegende Idee, dass RTL nun wie auch im Falle von RTL 2 die Nachrichtensendungen für Vox produziert, "würde inhaltlich sicher diskutiert werden, ist aber vor dem Hintergrund unserer Lizenzsituation ein Tabuthema", sagt Anke Schäferkordt. Der "unvollendeten Symphonie", so der ehemalige Bertelsmann-Vorstand Mark Wössner nach dem misslungenen Vox-Start, fehlt immer noch der Schluss-Akkord - jedenfalls aus Gütersloher Perspektive betrachtet.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben