Zeitung Heute : Der Kleinkunst dienen

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

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Sonntagabend, ich fuhr mit dem Fahrrad über den Gendarmenmarkt. Da standen viele Leute um eine zwei Meter große Marionette herum, die von fünf jungen Menschen mit weißen Masken an langen Eisenstangen gehalten und bewegt wurde. Sie strich mit ihrer Styroporpranke einem einjährigen Kind zärtlich über den Kopf, das vom Vater auf seinen zwei Beinen gehalten wurde. Wäre das Kind ein Jahr älter gewesen, hätte es vielleicht schon allein stehen können, aber es hätte auch bereits ein Misstrauen gegenüber unbekannten Riesen entwickelt und wäre wahrscheinlich laut heulend weggerannt. So spielte es staunend seine Rolle in der Vorstellung, und alle waren entzückt.

Bis der Vater fand, dass es genüge, und sein Kind aus dem Ring heraustrug. Nun suchten die Puppenspieler mit ihrer Riesenmarionette ein neues furchtloses Opfer. Sie ließen sie langsam nach rechts laufen, da stoben die Leute auseinander, dann nach links, da stoben sie auch. Nur ich stob nicht. Das hätte mit meinem Fahrrad noch viel feiger ausgesehen als bei allen anderen. Phh, dachte ich, biste mal locker, spielste mal mit. Kannst ja nicht immer der Stiesel sein, der nicht mitsingt, weil’s ihm peinlich ist, der, wenn alle längst lallen, sich noch sorgt, „Bruttosozialprodukt“ nicht silbenrein über die Lippen zu bringen.

Ich blieb stehen und lächelte wohl ein wenig verkrampft. Die Touristen waren froh, dass sich ein Doofer gefunden hatte, und ließen ihre Kameras laufen. Gern hätte ich ihnen zugerufen: „Ja, glotzt nur, ihr Stiesel, so locker sind wir hier nämlich in Berlin.“ Dazu aber fehlte mir die Lockerheit.

Die Marionettisten ließen die Marionette meine Hand schütteln, mir auf die Schulter klopfen – und setzten sie auf den Gepäckträger meines Rades.

Was tut man da? Die fünf Stangenhalter schwiegen, die Puppe auch. Na, da fuhr ich los, der Kunst zuliebe. Es muss schon ein ziemlich blödes Bild ergeben haben: Ein Verklemmter auf seinem Fahrrad, dem das alles sehr unangenehm ist, und fünf keuchende Puppenspieler, die wie die Blöden, an ihrem Stangengeschöpf hängend, hinterherrennen.

Nach etwa dreißig Metern fand ich, dass ich genug für die Kleinkunst getan hätte. „War mir ’ne Freude“, sagte ich bemüht locker. Die Maskenmenschen atmeten schwer, schwiegen professionell und hoben ihre Puppe vom Gepäckträger.

Vielleicht waren sie ja sauer, weil sie sich vom spendenwilligen Touristenknäuel so weit weg bewegen mussten. Vielleicht war alles aber auch ganz anders: Es könnte sich um eine Prüfung gehandelt haben. An der Schauspielschule „Ernst Busch“ werden auch Puppenspieler ausgebildet, und hin und wieder legen welche ihr Diplom auf der Straße ab. Die Prüfer tarnen sich als Gaffer. Sollten die auch fürs Publikum Noten vergeben, müssten mir die feigen Stiesel vom Gendarmenmarkt ja so was von dankbar sein. David Ensikat

Die Abteilung Puppenspiel der Schauspielschule „Ernst Busch“ sucht nach Puppenspielstudenten. Die oftmals sehr unterhaltsamen Diplomprüfungen sind, auch wenn sie nicht auf dem Gendarmenmarkt stattfinden sollten, öffentlich. Parkaue 25 in Lichtenberg, Telefon: 5577903-0.

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