Zeitung Heute : Der Klimaschützer

Gunter Pleuger redet gern und verbreitet selbst in verfahrenen Lagen noch gute Stimmung – doch nun soll der UN-Botschafter öfter schweigen

Christoph Marschall

Es wird immer schwerer, an den Mann ranzukommen. Dabei ist er eigentlich kontaktfreudig, das zeigen schon die Augen, die einen über die Lesebrille hinweg anfunkeln. Sie signalisieren Lebenslust, Neugier, Humor. Aber das Auswärtige Amt lässt ihn nicht, duldet keine offiziellen Gespräche, aus denen ein Journalist zitieren könnte: Wie sich der deutsche UN-Botschafter in New York fühlt, der am 1. Februar den Vorsitz im Sicherheitsrat übernimmt, dem Gremium, das über Krieg und Frieden im Irak entscheidet.

Nicht, dass Außenminister Joschka Fischer Grundsätzliches gegen Porträts hätte, die den Menschen Gunter Pleuger zeigen; die beiden haben ein enges Vertrauensverhältnis in den jüngsten Jahren entwickelt, in denen Pleuger als Staatssekretär für Europa, Amerika und die Nato zuständig war, die EU-Gipfel und die Erweiterung vorbereitete. Zudem gehört es schließlich zur Öffentlichkeitsarbeit moderner Regierungen, ihrer Politik in so entscheidenden Momenten ein Gesicht zu geben, eine Person zum Anfassen mit Lieblingsplätzen in der Stadt, Einblicken in den Arbeitsalltag.

Damit ist es im Fall Pleuger wohl fürs Erste vorbei. Zwei Mal nämlich hat er ganz unerwartet internationale Aufmerksamkeit erregt. Anfang Januar geriet Pleuger über Kreuz mit dem Kanzler. Dabei hatte er in der „New York Times“ nur wiederholt, was schon der Außenminister gesagt hatte: Deutschland bestehe nicht auf einer zweiten UN-Resolution. Dumm nur, dass Schröder sich just im Wahlkampf anders positionierte: Ohne Kriegsresolution sei ein Militärschlag gegen den Irak völkerrechtswidrig – und Deutschland, ergänzte der Kanzler wenig später, werde keinesfalls zustimmen. Anfang dieser Woche folgte eine große Pleuger-Story im „Spiegel“, angereichert mit Zitaten, die in Berlin nicht allen gefallen haben dürften. Schon gar nicht die Bemerkung, „wenn Sie in einen Gewissenskonflikt kommen, haben Sie immer noch die Möglichkeit, sich abziehen zu lassen“. War das auf das Thema Irak gemünzt?

Pleuger würde die Frage gewiss gern beantworten, aber er darf ja nicht. Nähern wir uns dem 61-jährigen Mecklenburger also mit den Augen derer, die ihm in New York begegnet sind, seit er am 11.11.2002 den Botschafterposten antrat. Schnell habe er den Job in den Griff gekriegt, wird erzählt, locker wirke er, unkompliziert und leutselig. Niemanden lasse er seine Chefrolle spüren, sagen Kollegen, sagen auch Untergebene. Geradezu atemberaubend sei mitunter das Vertrauen, das er Gesprächspartnern entgegenbringe; fast undiplomatisch-ungeschützt lege er Abwägungsprozesse offen. Manchmal tue es weniger Ausführlichkeit vielleicht auch, etwa in Pressekonferenzen. Er verstehe sich eben als Aufklärer. Manchen fällt auf, dass er keine Gelegenheit auslasse zu betonen, wie gern er zurückgekommen sei in die Stadt, wo er von 1970 bis 74 als junger Diplomat an der Ständigen Vertretung war und 1973 die Aufnahme der damals zwei deutschen Staaten in die Vereinten Nationen erlebte.

Differenzen überbrücken, selbst in verfahrenen Lagen gute Stimmung verbreiten, fürs Klima sorgen: So kennt man ihn aus Berlin und von EU-Gipfeln. Und er redet nicht nur gern von der Arbeit, sondern plaudert zum Beispiel auf der Fahrt von einer Konferenz zum Flughafen auch über Autos: Ob der 7er BMW oder die Mercedes S-Klasse vorzuziehen sei – aber nicht aus der Perspektive des Fahrers. Wenn einer viel Zeit auf dem Rücksitz des Dienstwagens verbringt, interessiert ihn mehr, ob man den rechten Vordersitz von hinten mit einem Griff verschieben kann, um mehr Fußraum im Fond zu schaffen, oder ob sich eine Position für ein Nickerchen nach einem 16-Stunden-Tag finden lässt.

Wann er Zeit für sich und seine Frau hat, ist den meisten ein Rätsel. Offiziell beginnt der Bürotag im „German House“, der UN-Botschaft in der 49. Straße, Ecke First Avenue, gegen 8 Uhr 45. Aber meist ist er früher in seinem Büro im 21. Stock mit Blick nach Nordost: die First Avenue uptown. Er muss die Zeitungen überfliegen, die Nachrichten aus der Heimat lesen und mit seiner persönlichen Referentin sprechen, die im Nachbarzimmer das Ziel aller Botschaftsarbeit im Blick hat: das UN-Gebäude am Hudson-River fünf Blocks weiter downtown. Um 9 Uhr beginnen die Arbeitsrunden, montags trifft er die Abteilungsleiter der Botschaft, dienstags die EU-Botschafter, freitags ist Videokonferenz mit der UN-Abteilung in Berlin.

Wenn der Sicherheitsrat tagt – und das geschieht jetzt oft –, muss er bis 10 Uhr die fünf Blocks geschafft haben. Oft dauern die Beratungen bis in den späten Nachmittag. Um 18 Uhr steht in der Botschaft die Besprechung für den nächsten Tag an. Zwischendurch muss er sich auf Empfängen sehen lassen, mit Berlin telefonieren. Auch die Berichte ans Auswärtige Amt wollen abgezeichnet sein.

German House, UN-Sitz und das Hotel „Millenium Plaza“ direkt gegenüber, wo er mit seiner Frau eine Suite bewohnt – in diesem kleinen Dreieck spielt sich sein Leben jetzt ab. Die Botschafter-Residenz in der Traumlage Fifth Avenue, 74. Straße am Central Park, repräsentativer Eingang mit geschwungener Marmortreppe, in Fußgängerentfernung zum Metropolitan Museum, wird noch umgebaut. Die alte Klimaanlage war zu reparaturanfällig.

Und das andere New York, auf das er sich so gefreut hat, außerhalb des kleinen Dreiecks, der Big Apple der Erinnerungen von damals? Das muss warten, bis Deutschland im März den Vorsitz im Sicherheitsrat an Guinea abgibt, bis der Irak-Konflikt vorbei ist, so oder so. Erst dann wird der Mensch Gunter Pleuger wissen, ob es seine Lieblingsplätze der 70er Jahre überhaupt noch gibt. Und es wäre eine Überraschung, wenn der begeisterte Erklärer nicht auch erzählen würde, warum es im Irak so kam, wie es dann gekommen sein wird – aber auch, wie Deutschland und die Vereinten Nationen dennoch das Beste daraus machen werden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben