Zeitung Heute : Der Klub und die Kurvendiskussion

Seelenlos, Fußball-Hure, Kunstprodukt: TSG 1899 Hoffenheim heißt der Verein, dem diese Worte gelten. Er kommt scheinbar aus dem Nichts und ist steinreich – und kurz vorm Aufstieg in die erste Bundesliga. Doch der Erfolg kommt nicht vom Geld allein

Sven Goldmann[Sinsheim]

Die Kraniche von Sinsheim stehen an der Autobahn. Ganz vorn ein roter, dahinter drei gelbe und noch ein blauer, mit ihren Schnäbeln picken sie Sand auf, Betondeckel und Eisenrohre. Die Kraniche sind aus Stahl gebaut, sie werden von Kranführern in gelben Westen gesteuert und basteln an der Zukunft des deutschen Fußballs. In Sinsheim, direkt an der A 6 zwischen Mannheim und Heilbronn, entsteht das neue Stadion der TSG 1899 Hoffenheim. Rechts ist der Ring schon geschlossen, links ragen lose Rippen in den Himmel, parallel zu den sanften badischen Hügeln. Das neue Stadion soll das modernste im ganzen Land werden, und wenn es Anfang des kommenden Jahres fertig ist, spielt sein Besitzer vielleicht schon in der ersten Bundesliga. Sollte Hoffenheim heute das Zweitliga-Spitzenspiel beim 1. FC Köln gewinnen, ist der Aufstieg so gut wie perfekt.

Jürgen Klinsmann hat mal gesagt, Hoffenheim sei das spannendste Projekt im deutschen Fußball. Ein Dorfverein, der dem Establishment zeigt, wie es geht. Mit Fachleuten aus Trainingslehre, Medizin und Psychologie. Und mit Geld, viel Geld, einer der reichsten Männer Deutschlands stellt es zur Verfügung.

Der Hoffenheimer Gönner heißt Dietmar Hopp. 1972 hat er den Softwarekonzern SAP mitgegründet, sein Vermögen wird auf mehrere Milliarden Euro geschätzt. Vor einer Woche ist er 68 geworden, das eisgraue Haar ist immer noch voll. Zum 5 : 0 am vergangenen Sonntag gegen Jena hatte er sich Günther Oettinger eingeladen, und der Ministerpräsident aus dem fernen Stuttgart mag sich gewundert haben, dass der Milliardär neben ihm jubelte wie ein Fan in der Kurve.

Hopp ist ein klassischer Mäzen. Einer, der keine Gegenleistung sehen will für sein Geld. Als er im WM-Sommer 2006 die Bundesliga zum Ziel erklärte, spielte Hoffe, wie sie hier sagen, noch in der dritten Liga, und Hopp setzte zur Planerfüllung eine großzügig bemessene Frist bis zum Jahr 2011.

Der Mäzen Hopp hat seinen Jugendklub Hoffenheim aus der Kreisklasse in die zweite Bundesliga geführt. 20 Jahre hat das gedauert, da kommt es auf ein paar Jahre mehr oder weniger auch nicht an. Was zählt, ist die Nachhaltigkeit. Dafür hat er aus der Bundesliga den Trainer Ralf Rangnick geholt und weitere hoch geschätzte Spezialisten, unter anderem den Hockeytrainer Bernhard Peters, den Jürgen Klinsmann so gern als Sportdirektor für den Deutschen Fußball-Bund verpflichtet hätte. Ein Hockeytrainer! Beim DFB waren sie entsetzt und verweigerten Peters den Job. In der badischen Provinz darf er nun umsetzen, was der provinzielle DFB nicht umsetzen wollte.

Hoffenheim ist ein Stadtteil der Großen Kreisstadt Sinsheim im Kraichgau, Nordbaden. 3300 Einwohner, von einem Ende bis zum anderen läuft man eine Viertelstunde. Der Kaufmann schließt seinen Laden zur Mittagspause, und am Bahnhof wird die Schranke noch mit der Hand heruntergekurbelt. Die Fußballprofis trainieren gleich neben der Tankstelle, wo man auch Eintrittskarten und Fantrikots kaufen kann. Es riecht nach frisch gemähtem Gras, nach Stall, nach Dünger.

Es riecht nach Dorf.

Drei Rentner sind zum Training gekommen, sie unterhalten sich über die letzten Spiele, „wenn wir gegen Aachen gewonnen hätten, wären wir jetzt schon durch“. Ein paar Meter weiter sitzt Ralf Rangnick. Der Trainer schreibt, hebt kurz den Kopf zum Beobachten einer Übung, alles in Ordnung, Rangnick widmet sich wieder seinen Notizen. Die Branche nennt ihn Fußball-Professor. Früher hat er Schalke 04 in der Champions League betreut. Rangnick sagt, er möchte die Zeit in Schalke nicht missen, aber das hier in Hoffenheim sei schon einen andere Nummer. Er meint: eine Nummer größer.

Für die zweite Liga ist Hoffenheim schon jetzt eine Nummer zu groß. Nach dem 5 : 0 gegen Jena hat der sonst eher nüchterne Rangnick t von „Traumfußball“ geschwärmt und „dass es besser eigentlich kaum geht“. Wer hat schon einen Stürmer wie den Senegalesen Demba Ba? Drei Tore hat er gegen Jena geschossen. Oder Chinedu Obasi, den schnellen Nigerianer. Der Brasilianer Carlos Eduardo hat schon mit Ronaldinho gekickt. Für diese drei hat Hoffenheim im vergangenen Herbst geschätzte 18 Millionen Euro bezahlt, das ist mehr, als alle 17 anderen Zweitligisten für ihre Neuverpflichtungen zusammen ausgaben.

Dass Geld den Fußball regiert, ist keine neue Erkenntnis. Auch nicht, dass mit dem Geld der Neid kommt. Für die Traditionalisten ist Hoffenheim ein seelenloses Kunstprodukt. „Fußball-Hure Hoffenheim“ brüllen sie und „ihr macht unseren Sport kaputt“. Das ist eine verwegene Behauptung, denn Hoffenheim spielt zauberhaft schönen Fußball. Den Hardcore- Fans aber geht es nicht um das Spiel im engeren Sinn. Trotzig kämpfen sie gegen die Globalisierung, die Macht von Geld und Fernsehen. Die Fans vom 1. FC Kaiserslautern, einem Not leidenden Traditionsklub im Südwesten, haben Hopp einen Brief geschrieben. „Ihr Verein hat alle Evolutionsstufen eines Traditionsvereins ausgelassen, kann keine Wurzeln im Fußballsport vorweisen und tritt alle Werte, die Millionen Fußballanhänger im tiefsten Herzen tragen, mit Füßen.“

Vom britischen Schriftsteller Nick Hornby stammt die These, dass Fußballfans mitnichten schönen Fußball sehen wollen, sondern ihre Mannschaft siegen. Dass sie nicht ins Stadion gehen, um sich zu amüsieren, sondern um zu leiden. Dass die 90 Minuten die schlimmsten der gesamten Woche sind. Nick Hornby hat dieses Leiden zu Literatur verarbeitet, zu „Fever Pitch“, dem wahrscheinlich besten Buch, das je über Fußball geschrieben worden ist. Nach seiner These sucht sich kein Fan seinen Klub aus, er wird hineingeboren, ob er denn nun will oder nicht. Für den Londoner Hornby hatte das Schicksal den FC Arsenal ausgesucht. Für den Badener Hopp war es die TSG 1899 Hoffenheim.

Keine schlechte Wahl, finden die Hoffenheimer.

Besuch empfängt Dietmar Hopp am Großen Wald, auf dem Berg, der keinen Namen hat. Dort oben hat er noch selbst für Hoffenheim gespielt, sein schönstes Tor ging so: „Flanke von rechts, ich stehe am Strafraum, ziehe ab und der Ball saust unter die Latte.“ Vor zehn Jahren hat er eine Tribüne bauen lassen, später noch eine und zuletzt eine Videoleinwand. Heute heißt der Platz auf dem Berg am Großen Wald Dietmar-Hopp-Stadion.

In seiner Loge über der Tribüne hängen gerahmte Bilder. Dietmar Hopp neben Franz Beckenbauer. Franz Beckenbauer neben Dietmar Hopp. Dietmar Hopp spricht langsam, aber bestimmt. Von bürgerlichem Engagement, von Bio-Technologie, Krebsforschung, alles unterstützt mit seinem Geld. Über Fußball redet er gar nicht so viel, und wenn, dann vor allem über die Jugend. Hoffenheims B-Junioren stehen in der Bundesliga auf Platz eins, 19 Punkte vor Bayern München. In ein paar Jahren sollen die ersten Eigengewächse in der Bundesliga spielen.

In den Nachbargemeinen Zuzenhausen, Walldorf und bald auch in Mannheim unterhält Hopp Nachwuchszentren. Er sagt, es sei ihm wichtig, „dass die jungen Leute anständige Menschen werden“. Besuchern zeigt er gern einen Zeitungsausschnitt, „Jürgen Klinsmann hat ihn mir geschickt“. Es ist ein Artikel über ihn und die Nachwuchsarbeit in Hoffenheim, er trägt die Überschrift: „Germany’s Anti-Abramovich“. „Anti, verstehen Sie, Anti!“

Roman Abramowitsch ist ein Reizwort für Hopp. Der russische Milliardär, der sich den FC Chelsea gekauft und knapp 800 Millionen Euro von seinem Vermögen investiert hat, von dem sie in London nicht so genau wissen wollen, wo es herkommt. Chelsea ist Abramowitschs Hobby. Hoffenheim ist für Dietmar Hopp eine Herzensangelegenheit. Als Mäzen hat er vor 20 Jahren angefangen, da war Hoffe gerade aus der Kreisliga abgestiegen.

Abramowitsch wird von Chelseas Fans geliebt und von den anderen immerhin respektiert. Hopp wird offen angefeindet. Ein paar Aachener trugen beim Gastspiel in Hoffenheim T-Shirts mit der Aufschrift: „Fick dich, Hopp!“ Auf der Tribüne in Augsburg wurde er von Ehrengästen beschimpft. Seitdem tut er sich Auswärtsspiele nicht mehr an. In der Wahrnehmung vieler Fans ist Hopp einer, der seinem Trainer Tag für Tag Geldkoffer vor die Füße wirft, auf dass der schnell noch ein paar Nationalspieler einkauft.

Jan Schindelmeiser sagt, dass er dieses Thema nicht mehr hören könne. „Glauben Sie wirklich, Herr Hopp hat etwas mit dem operativen Geschäft zu tun?“, fragt der Hoffenheimer Manager und antwortet selbst: „Wenn es hoch kommt, kümmert er sich ein paar Stunden in der Woche um den Verein. Er finanziert das Projekt, aber sonst hält er sich völlig raus.“

Schindelmeiser ist der einzige aus dem Umfeld des Projektes, der in Hoffenheim wohnt. Im Trainingszentrum neben der Tankstelle, er hat noch keine Zeit gefunden, sich eine Wohnung zu suchen. Im WM-Sommer 2006 ist er mit seinem Freund Ralf Rangnick gekommen. Sie hatten schon immer geträumt von dem berühmten „weißen Blatt Papier“, von einem Klub, wo man bei Null anfangen konnte. „Dietmar Hopp hat uns diese Chance gegeben“, sagt Schindelmeiser. „Und, glauben Sie mir, wir gehen mit seinem Geld um, als wäre es unser eigenes, schwer verdientes.“

Wie verträgt sich das mit den aus aller Welt zusammengekauften Stars? Schindelmeiser winkt ab. Keiner hätte sich dafür interessiert, dass die drei Neu-Hoffenheimer allesamt Anfang Zwanzig waren. Mittlerweile, sagt Schindelmeiser, „kommen die ersten zu uns und sagen: Super, was ihr da mit den jungen Leuten zusammengebastelt habt“. Letzten Sonntag, beim 5 : 0 über Jena, lief Hoffenheim mit einer Mannschaft auf, die im Durchschnitt nicht mal 23 Jahre alt war.

Matthias Jaissle war mit dabei. 20 Jahre jung, blond, ein Wirbel spaltet das Haar über der Stirn. Jaissle ist beim VfB Stuttgart groß geworden. Mit 18 war er auf dem Sprung in die Stuttgarter Bundesligamannschaft, aber einen Profivertrag wollten sie ihm dort nicht geben. Im Dezember 2006 rief Ralf Rangnick bei ihm an. „Der Rangnick, persönlich, ich wusste gar nicht, dass der mich kennt.“ Also ist Jaissle nach Hoffenheim gegangen, und in Stuttgart haben sie ihn gefragt, ob er denn noch ganz richtig im Kopf sei. Nach Hoffenheim! Aufs Dorf! Jaissle lacht. „Jetzt rufen die ersten an und sagen ganz kleinlaut, dass das mit Hoffenheim eine ganz gute Sache war.“ Keiner aus seinem Stuttgarter Jahrgang spielt in der Bundesliga. Jaissle ist in Hoffenheim Stammspieler geworden und hat es bis in die Junioren-Nationalmannschaft geschafft.

Spieler wie Matthias Jaissle stehen für das Hoffenheimer Programm. Oder Tobias Weis. Steffen Haas. Marvin Compper. Chinedu Obasi, Demba Ba und Carlos Eduardo. Jan Schindelmeiser sagt, sie hätten sich mit Hopps Geld ja auch ganz andere Leute holen können. Routiniers, die schnellen Erfolg garantiert hätten.

Zum Beispiel Jens Lehmann. Als der Nationaltorwart, unglücklich beim FC Arsenal, mal laut darüber nachdachte, er würde zur Not auch in die zweite Bundesliga wechseln, war der Hoffenheimer Geschäftsführer Jochen Rotthaus plötzlich ein begehrter Gesprächspartner für die Zeitungen in ganz Deutschland. Rotthaus ist Lehmanns Cousin. Ja, sagt der Manager Schindelmeiser, es habe da mal ein Gespräch mit Lehmann in London gegeben, ein ganz loses, denn eigentlich hätten sie von vornherein gewusst, dass es keinen Sinn mache. Jens Lehmann ist 38 Jahre alt.

Der Geschäftsführer Rotthaus sagt, er telefoniere noch heute täglich mit seinem berühmten Cousin. Sie unterhalten sich über England und die ganz besondere Atmosphäre dort beim Fußball, und Rotthaus überlegt dann schon mal, wie sie diese Stimmung vielleicht transferieren können in das neue Hoffenheimer Stadion. Die Wände in seinem Büro sind zugeklebt mit Bauzeichnungen. Die Business Seats sind gelb schraffiert, die Logen rot, „alles schon verkauft“ sagt Rotthaus.

Vor dem Spiel heute gegen Köln steht Hoffenheim in der zweiten Liga auf Platz drei. Das würde zum Aufstieg reichen. Ralf Rangnick, der Fußball-Professor, hat die Stimmung in seiner Mannschaft in einen schönen Satz gegossen: „Wir müssen nichts, aber wir können alles.“

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