Zeitung Heute : Der König des Döner

Als kleiner Junge verkaufte Remzi Kaplan geschälte und gesalzene Salatgurken als Fastfood–Mahlzeit. Heute besitzt er die größte Dönerfabrik in Berlin

Suzan Gülfirat

„Ich wollte immer Geschäftsmann sein. Schon als Kind war das mein größter Wunsch“, sagt Remzi Kaplan. In seinem geräumigen Büro in der Provinzstraße in Wedding hängen Familienporträts an den Wänden, auf dem großen Schreibtisch stehen vier Telefone. Er hat es geschafft, seinen Traum von der Selbstständigkeit zu erfüllen. „Bitte eine halbe Stunde keine Gespräche durchstellen“, sagt er durch die Sprechanlage zu seiner Sekretärin. Der Chef ist ein viel beschäftigter Mann. Schließlich hat er die größte Dönerfabrik der Hauptstadt, ist zudem der Vize-Vorsitzender der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung Berlin-Brandenburg und der Vorsitzende des „Vereins Türkischer Dönerhersteller“ in Europa. Kürzlich veranstaltete er im Tempodrom ein Benefizkonzert zu Gunsten behinderter Kinder in der Türkei. Doch wie viele erfolgreiche Unternehmer, hat auch er einmal ganz klein angefangen.

Schon als Sechsjähriger ging er mit seinem Vater in der Türkei auf Märkte und schaute fasziniert zu, was dieser machte. Der Händler kaufte Waren ein und verkaufte sie für einen höheren Preis weiter. Das brachte den Sohn selbst auf eine Idee: Er erwarb Glückslose für zehn türkische Lira und verkaufte sie zwei Lira teurer weiter. Zuweilen stand er auch am Wegesrand und bot gegen Entgelt geschälte und gesalzene Salatgurken als Fastfoodhäppchen an. Mit türkischen Gurken klappt das sehr gut, weil sie höchstens eine handbreit lang sind.

Heute ist der Junge von damals der Chef von 125 Mitarbeitern. Ihm gehören nicht nur zwei Dönerfabriken und zwei Imbissstuben mit dem Namen „Kap-Lan“ im Bezirk Wedding, sondern auch eine Fabrik in Hamburg und eine in Holland.

„Der Döner übersteht jede Krise“, ist sich Remzi Kaplan sicher. Seine Firma gehört zu den neun großen Döner-Betrieben in Berlin und Brandenburg, die den EU–Normen entsprechen. Die Gründe für den Siegeszug der türkischen Fastfood-Spezialität liegen für Remzi Kaplan im wahrsten Sinne des Wortes auf der Hand. „Man kann ihn zwischen Brot gepackt unterwegs essen, kann sehen, was drin ist und er macht satt. Außerdem hat jeder Ort ab 2000 Einwohner eine Dönerbude“, sagt er.

Dönerkrise hin, Wirtschaftsrezession her. Der Branche öffnen sich sogar neue Märkte. „Der Export nach Spanien und Polen läuft immer besser“, erzählt der Geschäftsmann. Seine Fabrik in Berlin beliefert überwiegend Restaurants und Imbisse in der Stadt, die Firma in Holland exportiert die türkischen Fleischspieße auch ins europäische Ausland. Insofern ist er optimistisch, was die Zukunft seiners Unternehmens und die Zukunft des Döners betrifft. Die EU-Osterweiterung werde der Branche neuen Aufschwung bringen, ist er sich sicher. „Für uns Dönerhersteller tun sich immer wieder neue Marktlücken auf“, sagt er.

Nicht als Geschäftsmann oder als Student, wie man vielleicht vermuten könnte, kam er hierher, sondern als Kind türkischer Gastarbeiter. Seine Eltern kamen 1971 mit ihm und den anderen beiden Geschwistern nach Berlin, um in der Fabrik zu arbeiten. Weil Remzi Kaplan erst elf Jahre alt war, kam er in die Grundschule. Danach besuchte er die Hauptschule, die er ohne Abschluss verließ, wie sehr viele Gastarbeiterkinder seinerzeit auch. „Ich mochte die Schule nicht. Was hätte ich damals für Chancen gehabt, selbst mit einem Abschluss“, begründet er heute seine damalige Motivationslosigkeit. Arbeitslos blieb er trotzdem nicht. Er machte das, was er bereits gut konnte und verkaufte mit seinem Vater auf Wochenmärkten Spezialitäten aus der Heimat, wie Auberginen, Zucchinis, Schafskäse und Oliven. Später verkaufte der Sohn an eigenen Marktständen, eröffnete sein eigenes Geschäft in Wedding und stieg ins Fleischergeschäft ein.

Hat er als junger Mann vom schnellen Geld und schnellen Autos geträumt, wie manch anderer Junge heutzutage? „Ich kam gar nicht dazu, solche Luftschlösser zu bauen“, antwortet er auf die Frage. Denn ehe er sich versah, hatte er eine Familie zu ernähren. Bereits mit 24 Jahren war er Vater von drei Kindern. Mit seiner Frau Saziye feierte der 44-jährige Familienvater im vergangenen Jahr den 25. Hochzeitstag. „Die Familie zu Hause muss glücklich sein, damit der Kopf frei zum Arbeiten ist.“ Im Familienalbum, das Remzi Kaplan eigens für die Feier zur seiner silbernen Hochzeit anfertigen ließ, ist er als Marktjunge zu sehen, der gerade Mandarinen einpackt. Auf anderen Fotos sitzt seine junge Frau hinter einer Maschine in der Fabrik oder die ganze Familie – Vater, Mutter und die Kinder– steht hinter der Theke eines modernen Marktwagens.

Steil nach oben ging die Kaplan-Kurve erst, nachdem die Mauer fiel. Der damals 30-jährige Markthändler erkannte die Lücke in der Wirtschaftswelt und eröffnete 1991 zusammen mit seinem Bruder eine kleine Dönerfabrik in Wedding, die die vorproduzierten Spieße nur an Imbissbuden in den Ost-Bezirken verkaufte. Das Geschäft lief besser als die beiden je erwartet hatten. 1999 expandierte das kleine Unternehmen zu einer großen GmbH mit seinem heutigen Namen. Mittlerweile arbeiten eine Tochter und der Sohn in der Firma mit. Die Geschäfte der Firma in Holland führt sein Bruder.

Zwischenzeitlich machte die „Kap-Lan Dönerproduktion“ einen Abstecher nach Schönwalde (Landkreis Barnim) in den so genannten Speckgürtel. Ende 1998 zog sie dann in ein größeres Gebäude um. Doch das Geschäft rentierte sich für Remzi Kaplan nicht. „Ich verlor die Selbstabholer aus Berlin und bekam dadurch nicht entsprechend viele neue Kunden“, erzählt er rückblickend. Erschwerend kam hinzu, dass er und die meisten Mitarbeiter täglich aus Berlin anreisen mussten. Einige hatten Schwierigkeiten, in der Umgebung eine Wohnung zu finden. Die Firma machte schließlich eine Kalkulation, bei der sich herausstellte, dass unter dem Strich nur wenig Gewinn blieb. Knapp zwei Jahre später verkaufte Remzi Kaplan die Firma in Schönwalde, zog wieder in den Weddinger Kiez zurück und machte dort weiter, wo er zuvor aufgehört hatte.

Kap-Lan. Dönerproduktion & Fleischgroßhandel, Provinzstraße 21 (Wedding), Telefon;: 48 49 01-0.

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