Zeitung Heute : Der König im Internet

MATILDA JORDANOVA-DUDA

Togbui Ngoryfia Olatidoye Kosi Céphas Bansah, mit Gottes Segen König von Hohoe Gbi, ist ein traditioneller afrikanischer Monarch. Er regiert über 200 000 Ewe im Osten von Ghana. 1992 wurde er gekrönt. Das Foto auf seinem Briefkopf zeigt ihn im feierlichen Gewand, eine goldene Krone auf dem Haupt, die Füße auf Tigerfellen ruhend. Bevor er zu diesen Ehren kam, mußte er ein schmerzvolles Ritual über sich ergehen lassen: Die Stammesältesten schnitten mit Messern in 12 Körperteile. Das Blut eines Schafes hat er getrunken, um gegen fremde Machenschaften immun zu sein. Daß so ein Mann mit dem Internet zu tun hat, glaubt man zunächst nicht.

In Bansahs Hauptstadt Hohoe gibt es ein Krankenhaus, ein Postamt, einen Markt, ein Kino, ein paar Bankfilialen und mehrere Schulen. Aber das reicht dem König nicht. Er würde gerne noch eine Zahnarzt-Praxis und auch eine Berufsschule haben, wo die Jugend Schreiner, Elektriker, Schmied - und EDV-Spezialist lernen kann. Denn Hohoe Gbi ist längst im Internet präsent. Mit Informationen über Traditionen und Volkskunst, über die afrikanische Großfamilie, über Handel und Gewerbe und über das Nebeneinander von christlicher Religion und alten Vodoo-Göttern ( www.koenig.matoma.de ).

Céphas Bansah lebt weit weg von Hohoe Gbi, in Ludwigshafen. Er wurde 1970 von seinem Großvater, dem damaligen König, nach Deutschland geschickt, um Landmaschinenmechaniker zu lernen. Später eröffnete er eine Kfz-Werkstatt und hat mit seiner deutschen Frau und den Kindern in Ludwigshafen Wurzeln geschlagen. Unter der Woche wühlt er in Maschinenteilen im ölverschmierten Blaumann und bringt Autos über den TÜV. Als jedoch der alte König 1987 starb, mußte Bansah das Erbe antreten, denn sein Vater und der älteste Bruder waren beide Linkshänder und daher als Nachfolger ungeeignet - die linke Hand gilt bei den Ghanaern als unrein. Seitdem regiert der Kfz-Meister per Telefon, Fax und Internet.

Als König sei er vor allem für die sozialen Belange seiner Untertanen zuständig, sagt Bansah. Aus der Ferne könne er besser für sein Land werben und habe das Internet als ein gutes Medium entdeckt, um sein Volk zu unterstützen. Dort sucht er nach Informationen zu Entwicklungszusammenarbeit oder Märkten für landwirtschaftliche Produkte aus Ghana. Er reist öfters in die Heimat, um seinen Landsleuten einen "König zum Anfassen" zu bieten. 1997 hat er das Buch "Majestät im blauen Anton" herausgebracht, in dem sein Schicksal beschrieben wurde. Die Vorstellung des Buchs auf der Frankfurter Messe hat dem König zu Popularität in Deutschland verholfen. Die Honorare für seine Auftritte in Fernseh-Talkshows nützt Bansah, um Entwicklungsprojekte in seinem Land zu finanzieren. "Ich bin immer auf der Suche nach Möglichkeiten, das Buch und damit meine Arbeit für mein Volk in Ghana einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen", sagt Seine Majestät. Internet-Experten haben den König in einer TV-Sendung gesehen und ihm angeboten, seine Website zu gestalten. "So haben wir uns zusammengesetzt und die Texte und Bilder aus dem Buch sowie die dazu passenden Symbole ausgewählt." Viele Besucher der Homepage sind bei den Auszügen über den königlichen Werdegang und über die ghanaischen Sitten neugierig geworden, haben das komplette Buch bestellt oder den Monarch zu Firmenjubiläen eingeladen.

Die afrikanischen Symbole, Adinkra genannt, finden sich auf Arbeitsgeräten, Stoffen und Häusern. Hier zieren sie nicht nur die königliche Homepage, sie sind Icons zu den Rubriken "Das Volk", "Der König", "Die Projekte". Einige von den Projekten sind schon realisiert. So hat Hohoe Gbi mit Hilfe des Fördervereins Hohoe Friends e.V. und anderer Spender aus Deutschland die längste Fußgängerbrücke in Ghana bekommen. Die Eröffnung der Brücke ist mit einem Foto dokumentiert: Eine Menschentraube in weißen und bunten Gewändern hängt an dem Gelände.

Der König im Internet hat noch viel zu tun: Im Krankenhaus fehlt es zum Beispiel an Geräten, Medikamenten und Einwegspritzen. Auch Trinkwasser brauchen die Dorfbewohner. Nicht zu vergessen die Berufsschule, deren Bauskizze im Netz begutachtet werden kann. Ein Zweig der Schule soll an die EDV-Technologie heranführen. "Die Geschäftsleute in meiner Heimat nutzen das Internet seit langem für ihre Geschäfte", sagt Bansah, "aber die Jugend in den Dörfern hat keine Möglichkeit, an Computern zu lernen." Als der 51jährige noch ein Kind war, gab es in seiner Schule auch fast keine Bücher. Die Schüler schrieben die Texte und Zahlen auf eine Schiefertafel, wischten sie ab und schrieben aufs Neue. Da mußte natürlich vieles auswendig gelernt werden: "Wir Afrikaner haben alle unseren Computer im Kopf."

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