Zeitung Heute : Der Kollaps der Preise reißt die Kaffeebauern mit

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Von Peter Fritsch

und Henry C. Jackson

Antonio Luna dachte, er hätte das Schlimmste schon durchgemacht. Damals, in den 80er Jahren, als sein Dorf im kaffeereichen Hochland von Nordnicaragua ins Kreuzfeuer eines Guerilla-Krieges geriet. Die Contra-Rebellen kämpften mit Unterstützung der USA gegen die marxistische Sandinista-Regierung. Doch das Schlimmste kam noch. Seit Mai lebt Lunas Familie unter einer Plastikplane, am Rand einer Straße, zusammen mit 3000 anderen hungrigen, arbeitslosen Kaffeepflückern. Luna ist vor einem Konflikt geflüchtet, der verheerender ist als alles, was er zuvor erlebt hat: eine Auseinandersetzung auf dem internationalen Kaffeemarkt.

Die (inflationsbereinigten) Preise für Kaffeebohnen sind auf einem Jahrhundert-Tiefststand gesunken. „Wir haben seit Februar keine Arbeit“, sagt der 33-jährige Luna teilnahmslos, während sich eine Schar unterernährter Kinder um ihn drängt. „Wir betteln hier um unser Leben."

Im den Kaffeeanbau-Regionen von Mittelamerika bis Afrika reißt der Kollaps der Weltmarktpreise schätzungsweise 125 Millionen Menschen mit. Die sozialen Folgen für die Länder, die noch unter der Schuldenkrise und den Kriegen der 80er und 90er Jahre leiden, sind immens. Allein in den vergangenen zwei Jahren haben in Mittelamerika und Mexiko 600 000 Kaffee-Arbeitskräfte ihre Arbeit verloren, schätzt die Weltbank. Mehr als 1,5 Millionen Bauern der Region litten unter Hunger, meinen Hilfsorganisationen. In Guatemala seien 6000 Kinder arbeitsloser Plantagen-Arbeiter am Verhungern. Um Überleben zu können, stiegen kolumbianische Bauern in den Drogenhandel ein.

So schnell dürfte sich an den niedrigen Kaffeepreisen nichts ändern. Grund für die Krise ist schließlich das Überangebot. Und das wird nicht so schnell sinken, da viele kleine Kaffeepflanzer für sich kaum legale Alternativen sehen. Sie haben miterlebt, wie einige Farmer auf Erdnüsse und Sesam umgestiegen sind und nun am Rande des Bankrottes stehen.

In den USA und anderen Industrieländern ist Kaffee billiger zu haben. Doch die Einzelhandelspreise sind weit weniger gesunken als die Preise, die den Kaffeezüchtern gezahlt werden. Was heißt, dass die großen Konzerne, die Kaffee verarbeiten und das Endprodukt verkaufen, Rekordumsätze machen und satte Gewinne einstreichen. Vier der größten Konzerne sind die US-Unternehmen Procter & Gamble, Kraft Foods, Sara Lee und Nestlé. Sie bringen es gemeinsam auf einen Weltmarktanteil von 40 Prozent.

Bis zu den 90er Jahren waren stabile Kaffeepreise ein politisches Anliegen der USA. Gerade in Ländern wie Nicaragua, wo mehr als 40 Prozent der ländlichen Arbeitskräfte von Kaffee leben. Das nach Erdöl meist gehandelte Gut der Welt galt zu Zeiten des Kalten Krieges nicht nur als morgendliches Aufweck-Getränk, sondern als Bollwerk gegen den Kommunismus. 1962, während der Kuba-Krise, unterzeichneten 66 Kaffee importierende und exportierende Länder ein Abkommen (ICA, International Coffee Agreement), das die Exportmengen jedes einzelnen Erzeugerlandes sowie den Mindest- und Höchstpreis für den Verkauf festlegte. Doch als die Berliner Mauer 1989 fiel, brach auch der Kaffee-Pakt zusammen. An seine Stelle trat eine neue Freihandels-Ideologie. Die Folge war ein Export- und Produktionsboom. Die Kaffeepreise sind seit 1997 um 80 Prozent gefallen.

Die Konzerne sind sich der Folgen der niedrigen Preise bewusst. Einige wenige wie Starbucks zahlen höhere Preise, andere unterstützen soziale Projekte. Die meisten sind aber der Überzeugung, die beste Lösung wäre eine Steigerung des Kaffeekonsums. Die amerikanische National Coffee Association hofft, den Konsum stimulieren zu können, wenn sie „mehr wissenschaftliche Forschung über die Vorteile des Kaffees für die Gesundheit“ betreibe, sagt Verbandspräsident Robert F. Nelson.

Übersetzt und gekürzt von Gregor Hallmann (Harken), Matthias Petermann (Babcock), Tina Specht (Telekom-Konzerne, FBI), und Karen Wientgen (Kaffee).

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