Zeitung Heute : Der Kommunikator

Lutz Kawitzki ist der Kontaktbereichsbeamte, der rund um den Breitscheidplatz seinen Dienst tut – er ist auch während der Shopping-Nacht im Einsatz

Regina-C. Henkel

Europa Center, Erdgeschossfläche zwischen Abwärts-Rolltreppe und Springbrunnenanlage. Das Informations-Häuschen ist gerade nicht besetzt und so versucht ein Tourist verzweifelt, sich in Berlin bekanntestem Shopping-Palast selbst zu orientieren. Sein Retter in der Not heißt Lutz Kawitzki, ist 55 Jahre alt, trägt eine grüne Uniform und kennt sich im Europa Center wie kaum ein anderer aus. Lutz Kawitzki ist Kontaktbereichsbeamter, kurz KoB. Er weiß sofort, dass es die Kneipe, an die sich der ältere Herr aus Franken so angenehm erinnert, schon seit Jahren nicht mehr gibt. Statt dieser gebe es „gleich da oben rechts“ eine andere. Das Essen dort sei „ooch janz juut.“

Polizeihauptkommissar Lutz Kawitzki ist unüberhörbar ein waschechter Berliner und KoB aus Leidenschaft. Sein Revier seit 15 Jahren ist ein Dreieck und reicht von der Blauen Kuppel an der Budapester Straße bis Bahnhof Zoo, schließt die Joachimstaler Straße bis zur Kantstraße ein und den gesamten Breitscheidplatz bis zum Europa Center. Eigentlich keine besonders lange Strecke, doch sechs bis sieben Kilometer Fußweg kommen in fast jeder Schicht zusammen.

Anders könnte Kawitzki nicht schaffen, was er als wichtigste Aufgabe eines KoB ansieht: „Man muss präsent sein, eine Bindung zu den Menschen aufbauen. Zu den Geschäftsleuten ebenso wie zu den Punks.“ Das Spektrum der Zigtausend, die das Geschäfts- und Bürogebäude mit dem großen Mercedes-Stern auf dem Dach jeden Tag besuchen, ist breit: Sie kommen zum Shoppen, zur Arbeit, zum Essen, Trinken und Tanzen oder ganz einfach nur zum Flanieren. Kontaktbereichsbeamter Kawitzki mag alle, denn er setzt vor allem auf seine Fähigkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. „Man muss reden“, sagt er und ergänzt: „Wir KoBs sind doch die letzten direkten Ansprechpartner für die Bevölkerung. Wir haben Zeit, uns zu unterhalten und machen alles – von der Eheberatung bis zur Verbrechensbekämpfung.“

Wer den 55-Jährigen eine Weile bei seiner Arbeit beobachtet, kann die Breite seines Aufgabenspektrums in etwa erahnen. Kaum ist der fränkische Tourist zielstrebig auf dem Weg in das Restaurant mit dem „juten Essen“, wendet sich ein vermutlich aus Fernost stammender Berlin-Besucher an den Uniformierten. Natürlich bekommt er die erwünschte Hilfestellung – die Wegbeschreibung zur Touristenzentrale auf der Nordseite des Europa Centers. Dann kommt Elke, die Mittagsschicht des Informationshäuschens. So kann Kawitzki kurz im Damenoberbekleidungsgeschäft vorbeischauen. Die Verkäuferin wartet auf das Aktenzeichen für die gestrige Diebstahlsanzeige. KoB Kawitzki und seine 35 Kollegen vom Polizeiabschnitt 27 in der Bismarckstraße 111 sind für Anzeigen quer durch das ganze Strafgesetzbuch zuständig. Diebstahl – vor allem Taschendiebstahl – steht ganz oben auf der Liste, aber auch Raub, Körperverletzung und Sachbeschädigung kommen vor. Immerhin wird der Breitscheidplatz als Kriminalitätsschwerpunkt in der Polizeistatistik gehandelt.

„Jetzt mach’ ik mir erstma zum Nachbarn“, sagt Kawitzki, als er sich zu einem Kaffee hat überreden lassen. Er legt die schwere Lederjacke mit dem noch schwereren Funkgerät ab. „So um die sechs Kilo kommen da schon zusammen“, beantwortet Kawitzki die Frage nach dem Gesamtgewicht seiner Dienstausrüstung. Mit das wichtigste Utensil des KoB ist das Merkbuch, in dem der Freund und Helfer neben Visitenkarten, Aktenzeichen für die Anzeigenaufnahme vor allem Knöllchen-Vordrucke aufbewahrt. Ladenstiebstähle und Falschparker sorgen dafür, dass der Beamte ein Drittel seiner Arbeitszeit am Schreibtisch verbringen muss. Doch die bürokratischen Aufgaben sind nicht unbedingt das, was ihm am KoB-Sein am meisten gefällt. Lieber ist es Kawitzki, mit den so unterschiedlichen Bewohnern und Besuchern Berlins ins Gespräch zu kommen und mit Tipps zu helfen. Die Anschriftenliste der Botschaften, die er stets dabei hat, sind da immer wieder nützlich. „Ganz selten“ dagegen braucht er die Dienstwaffe. Das jüngste Mal, als er von einer achtköpfigen Gruppe Jugendlicher bedroht wurde. „Da habe ich die Waffe gezogen und durchgeladen. Zum Glück kam aber Hilfe, die ich über Funk angefordert hatte.“

Häufig kommt so ein Waffeneinsatz nicht vor. „Zehn Jahre ist diese Geschichte bestimmt her“, freut sich Kawitzki, der absolut davon überzeugt ist: „Als Kontaktbereichsbeamter darf man nicht der große Oberbelehrer in Uniform sein, sondern muss an die Vernunft appellieren. Es nutzt doch nichts, wenn ich ein Fehlverhalten mit 30 Euro Bußgeld belege. Ein KoB muss vor allem signalisieren: Mir mir kannst Du reden.“

Lutz Kawitzki ist auch vor und während der Langen Nacht des Shoppings im Dienst. Wenn am Donnerstagabend auf dem Breitscheidplatz die Bühnen aufgebaut werden, dreht er genauso seine Runden durch sein Revier und spricht mit Berlinern und Besuchern wie am Sonnabend. Da wird er von zehn Uhr früh bis morgens um 3 Uhr auf den Beinen sein. Und darauf freut er sich sogar: „Die letzten Male war es eine richtig schöne Sache. Zu fortgeschrittener Stunde gab es ein paar alkoholbedingte Streitigkeiten, aber insgesamt war es ruhig. Und alle hatten Spaß.“

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