Zeitung Heute : Der konservative Journalist, Publizist und Herausgeber war "Stimme einer Gegenkultur"

Hermann Rudolph

Das Renommee, das Johannes Gross in der politisch-publizistischen Landschaft der Bundesrepublik hatte, war wohlfundiert. Seine Gesprächsleitung der "Bonner Runde" des ZDF, brillant wahrgenommen zu einer Zeit, in der das Talkwesen noch nicht inflationierte, hatte ihm sogar eine gewisse Popularität in breiteren Kreisen verschafft. Das Notizbuch, das er bald zwanzig Jahre in immer neuen letzten Folgen im "FAZ-Magazin" veröffentlichte, war für eine gehobene Leserschaft die Stimme einer Gegenkultur, die mit Gelehrsamkeit provozierte und mit Exzentrik amüsierte. Über Jahrzehnte hat er mit Aufsätzen und Auftritten den Ruf gefestigt, ein ungewöhnlicher, unzeitgemäßer Kopf zu sein, so dass fast in den Hintergrund getreten ist, dass er auch eine glänzende Medienkarriere hinter sich gebracht hat. Nun, da Johannes Gross mit 67 Jahren gestorben ist, fragt man sich, ob dieser Ruf ihm wirklich gerecht geworden ist.

Seine Attitüde verdeckte zuweilen, dass er eine der bedeutenden intellektuellen Erscheinungen der Bundesrepublik war. Er hat der in Deutschland raren Figur des konservativen Intellektuellen eigenwillige, von aller Bemoostheit freie Façon gegeben, durchaus auf der Höhe des Zeitgeistes, der anderen Göttern verpflichtet war. Vielleicht wird man einmal in den Notizbüchern das Dokument einer Konfession entdecken, die auf diese Form der geistigen Existenz gerichtet war; vielleicht auch nicht. Manches spricht dafür, dass sein Ehrgeiz in diese Richtung ging, nicht zuletzt der Umstand, dass in den späten Lebensjahrzehnten fast seine gesamte schreiberische Energie auf die kleinmeisterliche Form gerichtet war.

Als in den späten fünfziger und sechziger Jahren die Bekehrung der Deutschen zu liberalem, später auch linkem Denken begann, hielt Gross auf Distanz. Er tat es mit Witz, hoher Intellektualität, wohlvertraut mit allen den neuen Weisheiten, die Kulturkritik, Soziologie und Politikwissenschaften damals in Umlauf brachten. Schon der Marburger Student hatte in der von ihm mitbegründeten Zeitschrift "Civis" seine Sympathie für die christliche Demokratie ausgesprochen. Daraus entstand das Buch "Die neue Gesellschaft", zusammen mit Rüdiger Altmann herausgegeben, erste Fingerübung des Mit-Zwanzigers. Es war das Vorspiel eines erstaunlichen, so frühreifen wie souveränen Anfangs als Publizist und Autor.

Noch im Rückblick über mehr als dreißig Jahre fasziniert die kühle, präzis formulierende Intelligenz der Analysen, mit denen Gross die Umbruchzeit der sechziger Jahre sezierte. Die deutsche Innenpolitik, damals noch in der Schwebe zwischen dem Ende der Ära Adenauer und dem sich abzeichnenden Machtantritt der SPD, sah sich einem Röntgenblick ausgesetzt, der ihre Strukturen und Brüche scharf hervortreten ließ. Der bundesrepublikanische Status quo fand sich intellektuell auf die kritische Waage gelegt, aber nicht, wie es der Brauch der Zeit war, vernichtet, sondern, alles in allem gerechtfertigt. 1967 dann legte Gross unter dem einer Buchreihe geschuldeten Titel "Die Deutschen" einen Deutschenspiegel vor, der noch heute einer der besten Beiträge zu dem unerschöpfbaren Thema ist.

Man kommt dem Rang dieses Buches vielleicht nahe, wenn man in ihm ein Gegenstück zu Ralf Dahrendorfs "Demokratie und Gesellschaft in Deutschland" sieht. Wo dieser der Bundesrepublik im Spiegel des Modernisierungs-Entwurfs kritisch durchmusterte, dem damals die meisten aufgeklärten Köpfe anhingen, nahm Gross an ihr Maß aus dem Bewusstsein einer gefestigten Common-sense-Gesinnung heraus. Oder war es nur eine gewollte, imaginierte Festigkeit? Hier sprach sich jedenfalls ein Denken aus, das nicht nur positiv auf den Staat bezogen war, sondern auf die Bundesrepublik in der Verfassung, in der sie in den fünfziger und sechziger Jahren gewachsen war - einen Zug maliziöser Überlegenheit eingerechnet, die zeigte, dass hier in der Einflusszone von Carl Schmitt, dem berühmt-berüchtigten Staatsrechtler, reflektiert wurde. Im Gedanken der "formierten Gesellschaft", den Gross zusammen mit Rüdiger Altmann entwarf - und der dann in Karl Schillers "konzertierter Aktion" ein technokratisches Echo fand -, kann man den politischen Ausdruck davon erkennen: kein Ruck zurück, sondern ein Gesellschaftsmodell, das die selbstzerstörerische Dynamik moderner Gesellschaften bremsen wollte.

Es kam nicht zum Zuge; den Erhard, dem Gross und Altmann das Konzept zugedacht hatten, gab es nur in ihrer Fantasie. Lag es daran, dass Gross sich nun darauf kaprizierte, "Absagen an die Zukunft" zu formulieren? Das war der Titel des ersten Buches, mit dem er zum überzeugten Kolumnisten, Fragmentisten und Aphoristiker konvertierte - getragen von der Überzeugung, dass, verglichen mit den großen Gesellschaftsentwürfen, "noch die Geschichte des Kantons Nidwalden von höchstem Interesse (sei); erfüllt von Gelächter und Trauer, von Bewegung und Lebensfrische".

War es der Grund, dass er den Rundfunk verließ, bei dem er - zuerst beim Deutschlandfunk, dann bei der Deutschen Welle - die komfortable Nische für seine publizistischen Feldzüge gefunden hatte? Nun begann der Aufstieg in die große, gut gepolsterte Medienwelt, als Chefredakteur, dann Herausgeber von "Capital", im Fernsehen, als Leitartikler und Kolumnist der "FAZ", sogar, was kaum einer aus der schreibenden Zunft je erreicht, für mehr als ein Jahrzehnt als Vorstands-Mitglied des Medienkonzerns Gruner & Jahr.

Man kann immerhin sagen, dass der Aufenthalt in den obersten Etagen des Hamburger Medienwesens seinen Witz, seine Schlagfertigkeit, sein Vergnügen an Bildung und Geist nicht getrübt hat. Gewiss, mit den Jahren nahm die Neigung zum Manirierten zu, wurde der Stil gravitätischer, und ein spätes kleines Buch, das, so der Titel, der "Begründung der Berliner Republik" galt, ließ vor allem erkennen, dass er dem wiedervereinten Deutschland weder die Aussicht auf Risiken noch auf größere Chancen abgewinnen konnte; es hätte "Berlin ist doch Bonn" heißen können. Aber Gross selbst blieb, trotz Schicksalsschlägen und Krankheit, unverwandt er selbst - eine Gestalt, wie es sie unter den "lieben Deutschen" - wie er, mit Luther und Goethe, seine Landsleute gern nannte - eigentlich nicht geben konnte. Es hat ihn, zu unserem hohen Vergnügen und zu unserer Bereicherung, doch gegeben.

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