Zeitung Heute : Der Krebs, vor der man sich schützen kann

Der Tagesspiegel

Von Rosemarie Stein

Mit einer Stummfilmsequenz begann am Montag in Berlin der 25. Deutsche Krebskongress. Dessen Präsident Klaus Höffken erklärte, warum: Krebs sei noch immer ein Tabu, das die Leute verstummen lasse. „Reden wir darüber" ist deshalb das Tagungsmotto. Ein doppeltes Tabu betrifft den Darmkrebs. Krebs, und dann auch noch im Darm –darüber spricht man nicht. Das Tabu zu brechen, damit er verhütet oder im noch heilbaren Stadium erkannt wird, ist das Ziel der im „Darmkrebsmonat März" laufenden großen Kampagne, die auf Initiative der Felix-Burda-Stiftung stattfindet und von allen großen Krebsorganisationen unterstützt wird.

Was man „Krebsvorsorge" nennt, ist in der Regel nur die Früherkennung einer bereits existierenden bösartigen Geschwulst. Beim Darmkrebs aber ist tatsächlich von „Vorsorge" zu sprechen. Der geschulte Mediziner kann nämlich schon die Krebsvorstufen durch das Endoskop erkennen und gleich entfernen: Es geht um Darmpolypen, die lange Zeit harmlos sind, aber allmählich krebsig entarten können. Ein Darmkrebs bildet sich durchschnittlich im Laufe eines Jahrzehnts, sagte der Bochumer Gastroenterologe Wolff Schmiegel – Zeit genug also für die Vorsorge.

Seit 30 Jahren bieten die gesetzlichen Krankenkassen im Rahmen der Krebsfrüherkennung einen zweiteiligen Test an. Bei der Tastuntersuchung des Mastdarms entdeckt der Arzt durch das Abtasten mit seinen Fingern mehr als die Hälfte aller Tumoren in diesem untersten Darmabschnitt.

Der zweite Teil besteht darin, den Stuhl auf verborgenes („okkultes“) Blut zu untersuchen, und dies bereitet dem Patienten nun wirklich keine Mühe. Er muss lediglich einen Pappumschlag öffnen und die darin vorhandenen Testfelder per Pappspatel mit Stuhlproben bestreichen. Der Rest der Arbeit findet im Labor statt.

Das ist kein Aufwand, aber dennoch, so teilte der Magen-Darm-Spezialist Wolff Schmiegel mit, ist in den vergangenen 30 Jahren die Zahl der Todesfälle an Darmkrebs (letztes Jahr etwa 30 000) in Deutschland nicht zurückgegangen; vor allem deshalb nicht, weil die meisten die Untersuchungsmöglichkeiten nicht nutzen, vielleicht, weil sie davon noch gar nichts gehört haben.

Zur Zeit, im Darmkrebsmonat März, bekommt man die Testbriefchen für fünf Euro in der Apotheke. Leider findet man in der Packung außer der Gebrauchsanweisung keine weiteren Informationen. Christa Maar, die Präsidentin der Felix-Burda-Stiftung, hält das auch nicht für nötig, weil sich ohnehin nur gut Informierte aktiv um den Test bemühten.

Kein Test allein hilft

Aber Vorsicht: der Stuhltest muss durch andere Untersuchungen begleitet werden, warnt der Essener Internist und Biometriker Jürgen Windeler (Medizinischer Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen). Er stellte Informationen zusammen, wie man sie so klar sonst selten findet. Sie haben auch heute noch Gültigkeit, bestätigte der Internist jetzt gegenüber dem Tagesspiegel:

Der Stuhltest allein ist nämlich nicht völlig zuverlässig. Mindestens jeder zweite Darmkrebs fällt dabei nicht auf, die Rate der falsch-negativen Ergebnisse ist also sehr hoch. Deshalb darf sich kein negativ Getesteter in Sicherheit wiegen.

Umgekehrt fallen von zehntausend Tests 500 bis 1000 positiv aus, die meisten davon falsch-positiv. Denn von 1000 Testteilnehmern mit positivem Ergebnis, also „Blut im Stuhl", haben nur 60 tatsächlich Darmkrebs. Das stellt sich bei der zur Klärung unerlässlichen Darmspiegelung (Koloskopie) heraus. Ihr müssen sich also auch 940 Gesunde unterziehen. Bevor man sich zum Stuhltest entschließt, sollte man also wissen, dass es sich bei diesem „Screening" um eine eher grobe Filteruntersuchung handelt. Sonst sind die Wochen, die bis zur Darmspiegelung vergehen können, womöglich von unbegründeten Sorgen erfüllt.

Dass zur Vorsorge ausreichende Informationen gehören, betonte auch Rolf Kreienberg, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft. Wenn es sich um Eingriffe an Gesunden handelt, stellen auch die Juristen besonders hohe Anforderungen an den „Informed consent", die Zustimmung des Betroffenen nach gründlicher Information, die es jedem erlaubt, Nutzen und Nachteile gegeneinander abzuwägen.

Der Nutzen der Darmspiegelung ist erwiesen. Entfernt man gleich bei der Untersuchung mit der Schlinge endoskopisch alle Polypen (was wegen der Unempfindlichkeit der Darmschleimhaut schmerzlos ist), dann lässt sich die Darmkrebssterblichkeit um 74 bis 90 Prozent senken. Das ergaben Studien, über die Wolff Schmiegel berichtete.

Der Biometriker Jürgen Windeler hat den Nutzen anders berechnet: Pro 1000 Testteilnehmer wird ein Todesfall verhindert. 15 von 1000 Bürgern erkranken im Laufe von zehn Jahren an Darmkrebs. Ohne Test sterben daran fünf, mit jährlichem Stuhltest (und, bei Verdacht, darauffolgender Spiegelung) nur vier. Jedem fünften – 20 Prozent der Betroffenen – könnte der Test also das Leben retten.

Als Nachteil der Vorsorgeuntersuchungen ist im wesentlichen die psychische Belastung durch die vielen falsch-positiven Ergebnisse des Stuhltests zu nennen. Anstrengend ist auch die etwas umständliche Prozedur der Darmspiegelung. Seltene Komplikationen sind Blutungen oder Perforationen, und auf etwa zehntausend Koloskopien kommt ein Todesfall, wie Jürgen Windeler mitteilt.

Koloskopie ist teuer

Im Vergleich zum Test auf Blut im Stuhl gilt die Darmspiegelung aber als „Goldstandard", formulierte Steffen Gass. Der Arzt vertritt die Kassenärztliche Bundesvereinigung in einer Arbeitsgruppe des gemeinsamen Bundesausschusses mit den Krankenkassen, der soeben eine Verbesserung der Darmkrebsvorsorge ausgehandelt hat. Sie soll am 1. Juli in Kraft treten.

Der nicht sehr zuverlässige Stuhltest soll zwar nicht ganz aufgegeben werden, weil er, so Gass zum Tagesspiegel, „das Problembewusstsein weckt"; er soll aber nur noch alle zwei Jahre und erst ab 50 stattfinden, nicht mehr wie bisher jedes Jahr und fünf Lebensjahre früher beginnend.

Dafür hat man künftig von 55 Jahren an aufwärts Anspruch auf eine Darmspiegelung, die nach zehn Jahren wiederholt werden soll – das ist sinnvoll, weil Darmkrebs im Wesentlichen eine Krankheit des fortgeschrittenen Alters ist, mit Ausnahme der genetisch bedingten Formen (nach Angaben von Wolff Schmiegel betrifft das fünf bis zehn Prozent der Menschen).

Beschlussreif ist dieser Plan aber erst, wenn Ärzte und Kassen sich auf eine Richtlinie zur Qualitätssicherung der Koloskopie geeinigt haben, denn, so sagte Wolff Schmiegel: „Auf keinen Fall darf es Abstriche an der Qualität geben" – eine Gefahr, die bei der Ausweitung des Verfahrens droht.

Der Arbeitsausschuss legt jedoch strenge Maßstäbe an, wie es bei Eingriffen an Gesunden unerlässlich ist, betonte Gass: Gastroenterologen oder auch Chirurgen, die sich an diesem Screening beteiligen wollen, müssen eine Mindestzahl jährlicher Koloskopien nachweisen, ihre Komplikationsrate offen legen und in der Lage sein, zugleich mit dem diagnostischen Eingriff Polypen zu entfernen.

Geprüft wird ferner die Qualität der Hygiene – durch Endoskope können Keime übertragen werden – und die Frage, ob die Praxis für Notfälle gerüstet ist. Denn eine Vorsorgeuntersuchung darf keinesfalls mehr schaden als nützen.

Wichtige Adressen:

Deutsche Krebsgesellschaft e.V.

Hanauer Landstraße 194, 60314 Frankfurt am Main, Telefon: 069/6300960. Dort gibt es die Broschüre „Darmkrebs verhindern“.

Deutsche Krebshilfe

Thomas-Mann-Straße 40, 53111 Bonn, Telefon: 0228/7299095. Dort gibt es den Ratgeber „Darmkrebs“ sowie auch Adressen zur Beratung bei genetischer Vorbelastung in der Familie.

Felix-Burda-Stiftung

Rosenkavalierplatz 10, 81925 München, Telefon: 089/92502501. Internetadresse: www.carcinos.de

KID – Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums

Telefon: 06221/410121. Berliner Krebsgesellschaft e.V. Robert-Koch-Platz 7, 10115 Berlin, Telefon:030/ 2832400/01.

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