Zeitung Heute : Der Kreisel-Skandal

Die Baubranche war die Welt der Männer – bis die flotte Sigrid Kressmann-Zschach kam und das alte West-Berlin aufmischte. Deutschlands bekannteste Investitionsruine ist ihr Meisterwerk. Wird der Steglitzer Kreisel jetzt abgerissen?

Gerd Nowakowski

Warum Sigrid Kressmann-Zschach ihre Firma ausgerechnet Avalon nannte? Im 24. Stock des Steglitzer Kreisels, von der Kantine mit der schönsten Aussicht Berlins, kann man es erahnen. Von hier aus kann man bis zum Fernsehturm in Mitte blicken oder nach Potsdam, weit über die Grenzen des alten West-Berlins hinaus, als die Stadt noch eine von der Mauer umgrenzte Insel war: wie Avalon, die mystische Insel der Seligen und der goldenen Äpfel.

Man musste die Äpfel nur zu pflücken verstehen in der geteilten Stadt. Der Steglitzer Kreisel, mit 119 Metern immer noch das höchste Haus in West-Berlin, schien ein ganz besonders goldener Apfel zu werden – und war am Ende vergiftet in mehrfacher Hinsicht. Das Hochhaus mit den 700 Büros gab dem ersten Berliner Bauskandal der Nachkriegszeit den Namen, war jahrelang die bekannteste Investitionsruine Deutschlands und steckt voller Asbest. Erbittert wird dieser Tage wieder über seine Zukunft gestritten. Abriss und Neubau ist für viele die vernünftigste und auch wirtschaftlichste Lösung; gleichzeitig werden Pläne vorgelegt, die den Kreisel ganz neu erfinden: mit glänzender Fassade und mehrstöckigen Wintergärten. Der Kreisel – bis heute ein stetes Ärgernis.

Das war 1972 noch anders. Beim Richtfest im September 1972 verteidigte der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz das Projekt gegen „hämische, neidische und unsachliche Nörgeleien“ als „eine große Idee, die sich bewähren wird“. Nicht einmal zwei Jahre später war das Projekt pleite. Seitdem gilt der Kreisel als Symbol für die spezifische Berliner Mischung aus Biederkeit und Filz, diesem von einer absurden Subventionsförderung angefeuerten fatalen Geflecht aus ehrgeizigen Politikern, cleveren Geschäftsleuten und einer überforderten Verwaltung, aus Gefälligkeit und Gefallsucht, die jede parlamentarische Kontrolle aushebelt.

Wild-West in der Frontstadt – wer zupackte, konnte alles erreichen. Sigrid Kressmann-Zschach wollte alles erreichen. Die Architektin war Anfang der 70er Jahre mit ihrer Firma Avalon die erfolgreichste Bauunternehmerin der Stadt. Ein Fremdkörper in der Bauwelt, in der Männer den Ton angaben. „Sie hatte als einzige in der Stadt die Übersicht und alle wichtigen Informationen“, schrieb respektvoll die „Zeit“. Sie war „redegewandt, mutig und selbstbewusst, das Vorbild einer emanzipierten Frau“, sagt der Architekt Kostas Papanastasiou.

Bekannter geworden ist Papanastasiou durch die „Lindenstraße“, in der er in fast 750 Folgen mitspielte, und als Wirt der Charlottenburger Gaststätte „Terzo Mondo“. Er war einer von rund 300 Mitarbeitern der Architektin, die Ende der 60er in Berlin ein Großprojekt nach dem anderen hochzog. Dazu gehörte der Kreisel, aber auch das 20-stöckige Kudamm-Karree. Gegen die Durchsetzungsfähigkeit der schlanken Blondine hatten es Politiker und träge Verwaltungsbeamte schwer. Auf nahezu wundersame Weise schaffte es Kressmann-Zschach etwa am Kurfürstendamm, die Zahl der erlaubten Stockwerke nachträglich aufzustocken. „Sie war immer große Dame, aber knallhart“, erinnert sich der damalige sozialdemokratische Charlottenburger Bezirksverordnete Dolf Straub, der gegen ihre Pläne kämpfte.

„Terzo Mondo“Wirt Kostas Papanastasiou lobt seine damalige Chefin immer noch als warmherzig und angenehm, obwohl sie ihn später entließ, als er einen Betriebsrat gründen wollte. Da kannte sie keinen Spaß. Aber sie lud auch alle Mitarbeiter zu Betriebsausflügen ein, dann ging es zum Beispiel nach New York oder Rhodos. Die nicht einmal 40 Jahre alte Unternehmerin residierte mit ihrem Firmenimperium in einem von ihr errichteten luxuriösen Neubau gegenüber dem Hotel Intercontinental – oben im Penthaus wohnte die Chefin. „Die Chefin im Minirock“, wie der „Spiegel“ schrieb, hatte jede Menge Liebhaber und derbe Macho-Sprüche („Männer, Häuser und Geld kann man nie genug haben“).

Die junge Architektin war in den 50ern aus Leipzig in das geteilte Berlin gekommen, in der die SPD mit absoluter Mehrheit regierte. Die Berliner in der zerstörten Stadt mit Wohnraum zu versorgen, war eine zentrale Aufgabe der Politik. Bausenator Rolf Schwedler, von 1955 bis 1972 im Amt, ließ in dieser Zeit unvorstellbare 400000 Wohnungen bauen – darunter auch die Trabantenstädte wie die Gropiusstadt in Neukölln oder das Märkische Viertel in Reinickendorf. Ein Spielfeld für Glücksritter, angeheizt durch die Abschreibungsmodelle und Berlin-Subventionen des Bundes. Sigrid Kressmann-Zschach nutzte das System meisterhaft, um ihren Kommanditisten goldene Äpfel zu verschaffen.

An den finanziellen Folgen dieser Wohnungsbaufinanzierung, die die Lasten für die städtischen Kredite in die Zukunft verschob, leidet die Hauptstadt noch heute. Utopische Renditen, überhöhte Baukosten, Preisabsprachen bei den Baustoffen – in der Frontstadt Berlin sah man darüber hinweg. Auch die Distanz zwischen Politikern und Unternehmern blieb da auf der Strecke. Bausenator Schwedler, der schon mal nach Richtfesten alkoholisiert von der Polizei am Steuer seines Wagens gestoppt wurde, fand nichts dabei, sich mit den Bauunternehmern in der Sauna zu treffen.

Der Sozialdemokrat Willy Kressmann war langjähriger Kreuzberger Bürgermeister. „Texas-Willy“ genannt wegen seiner raubauzigen Art und seiner Vorliebe für die USA. Die Ehe mit der 24 Jahre jüngeren Sigrid Zschach hielt nur zwei Jahre; für sie aber war es die Eintrittskarte in die Gesellschaft. „Plötzlich ist man drin“, erzählte sie später; binnen weniger Jahre blühte ihr Firmenreich auf. Drin, das bedeutete vor allem: als erste Informationen über Bauvorhaben des Senats zu haben. Nachdem sie erfuhr, dass der Senat eine U-Bahn nach Steglitz bauen wollte, kaufte sie systematisch Grundstücke am alten Steglitzer Rathaus auf. Ohne sie lief nichts mehr: Der Senat musste zustimmen, als sie 1968 fast fertige Pläne für ein 30-stöckiges Hochhaus auf den Tisch legte – mit U-Bahnhof im Keller und der ersten deutschen Shopping-Mall. 180 Millionen Mark (rund 90 Millionen Euro) sollte das Hochhaus kosten, die Landesregierung sicherte das Projekt mit einer Bürgschaft ab.

1969 wird mit dem Bau des Kreisels begonnen – benannt nach einer kreisförmigen Verkehrsführung, die nie realisiert wurde. Schon bald zeigt sich, dass weder die Baukosten realistisch, noch Mieter für das Projekt zu finden sind. Doch die „schöne Sigi“, die mit ihrem Rolls-Royce, den Partys in ihrem parkähnlichen Anwesen am Halensee und ihren wechselnden Geliebten die Boulevardzeitungen beschäftigt, weiß einen Ausweg. Sie geht frech davon aus, das Land werde 20 Geschosse zu überhöhten Mieten übernehmen müssen, damit der Bau nicht scheitert.

Obwohl die Pleite absehbar ist, engagiert sich das Land immer stärker. „Das Bauvorhaben muss zu Ende geführt werden, und man wird gegebenenfalls sagen müssen, wer einmal A gesagt hat, muss auch B sagen, und wenn es sein muss, das ganze Alphabet durch“, äußert Bausenator Schwedler in einem Vermerk. Doch auch das reicht nicht. Am Ende hatten sich die Baukosten mit 330 Millionen Mark fast verdoppelt, die Avalon Konkurs angemeldet, die Stadt 40 Millionen Mark verloren und eine Bauruine geerbt, bei der bis 1977 nichts mehr passierte. „Die Frau vom Bau ist vom Gerüst gestürzt“, schrieb die „Bild“ hämisch.

Der Turmbau zu Steglitz war auch der Anfang vom Ende der sozialdemokratischen Selbstherrlichkeit, bei der Wahl von 1975 verlor die SPD ihre absolute Mehrheit, die CDU wurde erstmals stärkste Partei. Der Untersuchungsausschuss hatte zuvor deutlich gemacht, wie naiv und inkompetent die Verwaltung und die Senatoren gehandelt hatten. Die Mischung aus Blauäugigkeit und Chuzpe liest sich wie eine Blaupause für die weiteren Skandale, die Berlin in den folgenden Jahrzehnten noch erleben sollte. Reihenweise konnten sich leitende Senatsmitarbeiter nicht mehr an ihre Beteiligung am Zustandekommen des Projekts erinnern; die Senatoren Schwedler und Striek räumten ein, den Rechenkünsten der Architektin zu leichtfertig vertraut zu haben. Deren kühle, präzise Auftritte vor dem Untersuchungsausschuss machen dafür nachdrücklich klar, dass die Frau der starke Mann in der Affäre war. Nahezu ohne Ergebnis endet der Untersuchungsausschuss; dem schon 1972 aus dem Amt geschiedene Bausenator Schwedler wird „fahrlässige Verletzung seiner Pflicht“ attestiert. Finanzsenator Heinz Striek tritt erst im April 1975 zurück, als die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt.

Suspendiert vom Amt wegen Falschaussage wird Berlins oberster Finanzbeamter Klaus Arlt. Der hatte den Untersuchungsausschuss über seine intimen Kontakte zu der Architektin belogen. Er hatte mit ihr – auf deren Kosten – Reisen nach Wien und in den Harz unternommen, jeweils im Doppelzimmer. Über Finanzierungsfragen wollte er mit Kressmann-Zschach niemals gesprochen haben. Seine Unterschrift fand sich trotzdem unter einem Finanzierungsbescheid für die Avalon. Geschadet hat es Arlt nicht. Nach jahrelangem Prozess konnte er mit vollen Bezügen in Frühpension gehen.

Und der forsche Aufklärer Klaus Riebschläger (SPD) wurde Nachfolger von Finanzsenator Striek. Derselbe Riebschläger, der 1980 sein Amt verlor, nachdem er dafür gesorgt hatte, dass der Bauunternehmer Garski eine Landesbürgschaft über 112 Millionen Mark für Projekte in Saudi-Arabien bekam – und dort in den Sand setzte. Auch in der Antes-Affäre 1986, als Bauunternehmer Amtsträger für Baugenehmigungen bestachen und führende Parteipolitiker von CDU, SPD und FDP mit Spenden bedacht wurden, fiel Riebschläger auf. Er hatte von einem unter Bestechungsverdacht stehenden Bauunternehmer Spenden in Höhe von 120 000 Mark angenommen und an die SPD weitergeleitet.

Jahrelang rührte sich nichts an der Bauruine. Erst im vierten Anlauf ersteigerte Ende 1977 ein Investor den Rohbau für lächerliche 32 Millionen Mark – inklusive einer zehnjährigen Mietgarantie des Bezirks, der sein Rathaus in die Landmarke verlegte. Der Bezirk nutzte 1988 dann sein vereinbartes Vorkaufsrecht für das Hochhaus, obwohl es erste Hinweise auf Asbestprobleme gab. Noch einmal zahlt das Land 67 Millionen Mark.

Das war ein Fehler, ist Yusuf Atci überzeugt. Er hat sein Büro im 13. Stock des Kreisels und ist Vorsitzender des Personalrats des Bezirksamts. Die Mitarbeiter-Vertretung hat zuerst auf die Asbest-Gefahr hingewiesen. Seit Jahren klebt nun an jeder ummantelten Säule des Hochhauses ein Warnzettel: „Achtung, enthält Asbest.“ Nägel einschlagen ist verboten, es könnte den giftigen Staub freisetzen. Das passt zum ungepflegten Eindruck. Der Aufzug ruckelt, die Klimaanlage dröhnt lautstark, der Bodenbelag ist abgenutzt und im Treppenhaus finden sich zerschlagene Deckenplatten und zahllose Graffiti.

Gesundheitsgefahr geht nicht nur innen von den ummantelten Stahlträgern aus, auch die Asbest-verkleidete Fassade ist undicht. Atci sorgt sich um die Gesundheit der Bezirksamts-Mitarbeiter. „Am liebsten sofort raus“, sagt er – ja, wenn klar wäre, wohin. Und wer es bezahlt. Denn der Bezirk hat kein Geld, Ersatzräume zu bezahlen bis das Haus saniert ist. Ein Gutachten hat außerdem errechnet, dass ein Abriss und Neubau wegen der weiteren Nutzung der vorhandenen Fundamente nur halb so teuer wäre wie eine auf über 80 Millionen Euro geschätzte Sanierung des Palastes der West-Republik.

Becker & Kries, die Besitzer des florierenden Flachbaus zu Füßen des Hochhauses, haben angeboten, den Turm wieder zurück zu kaufen und etagenweise zu sanieren. Mit einem kühn auskragenden Dach, glänzender Fassade und einigen mehrstöckigen gläsernen Gärten soll der Kreisel sein Schmuddel-Image verlieren. Palmen sollen künftig hinter Glas wachsen, schwebt den Planern vor. Da ist sie wieder, die Insel der Seligen. Nur ohne goldene Äpfel.

Auch der Baufachmann Erhard Felske hält einen Abriss für „Wahnsinn“. Wenn der Turm „erst abgerissen ist, kommt da nie wieder etwas hin“, sagt der Mann, der den Rohbau des Kreisels verantwortlich geleitet hat. Er hat nach der Pleite als Sprecher der Unternehmer-Gemeinschaft die Ansprüche der Baufirmen vertreten und glaubt immer noch, der damalige Konkurs wäre vermeidbar gewesen – wenn es nicht in der SPD Kräfte gegeben hätte, Sigrid Kressmann-Zschach zu Fall zu bringen und sich selbst zu profilieren. Und auf Sigrid Kressmann-Zschach, die bereits 1990 im Alter von 61 Jahren starb, lässt er nichts kommen. Ein „pfiffiges Luder“ sei sie gewesen, sagt er, fair und nie hinterhältig, die gute Arbeit vorgelegt habe. Und stolz ist Felske auf seine Arbeit immer noch – von den 18 Meter tiefen Kellern bis zum Dach in 119 Metern Höhe sei der Bau in bester Ordnung – was den Beton angeht.

Eine öffentliche Anhörung zur Zukunft des Kreisels gibt es am kommenden Dienstag, den 31. Mai, um 16 Uhr 30 Uhr im Bürgersaal des Rathauses Zehlendorf, Kirchstraße 1–3.

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