Zeitung Heute : Der Krieger als Friedensengel

Sein Chefberater lobt die Härte Ariel Scharons. Und auch US-Präsident Bush selbst fühlt sich Israel immer mehr verbunden. Das bringt ihm innenpolitisch Punkte bei Juden und konservativen Christen. Für den Erfolg des Nahostgipfels in Akaba wird es aber hinderlich sein.

Malte Lehming[Washington]

Von Malte Lehming,

Washington

Über den Wolken wird geplaudert. Es ist Montag, später Nachmittag. Seinen Gala-Auftritt in Evian hat der amerikanische Präsident absolviert. Nun fliegt er Richtung Scharm el Scheich. Dort will George W. Bush einige wohlgesinnte arabische Staatschefs treffen. Sie sollen ihm den Rücken stärken für die wichtigste Station seiner einwöchigen Reise – den Dreiergipfel mit Israels Premier Ariel Scharon und dem Palästinenser Mahmoud Abbas. Der soll am heutigen Mittwoch in der jordanischen Stadt Akaba stattfinden. Begleitet wird Bush von Außenminister Colin Powell und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice. In Akaba entscheidet sich, ob der Friedensprozess im Nahen Osten, der vor 32 Monaten jäh abgebrochen wurde, eine neue Chance bekommt.

Im Flugzeug nach Scharm el-Scheich setzt sich Powell zu den mitreisenden Journalisten. Die löchern ihn erst wegen der partout nicht aufzufindenden irakischen Massenvernichtungswaffen. Sie erinnern ihn an seine flammende Rede vor der Uno. Powell verteidigt sich redlich, aber unbeholfen. Der Präsident habe ihn um diese Rede gebeten, er habe sich auf Informationen der CIA gestützt. Das klingt, als wolle er seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Dann geht’s um den Nahen Osten. Kann die US-Regierung wirklich etwas bewegen? Powell verbreitet Optimismus. Alle ziehen an einem Strang. Günstiger könne die Gelegenheit kaum sein. Außerdem sei das Treffen in Akaba sorgfältig vorbereitet worden. „Wie Sie wissen“, sagt Powell, „sind seit vielen Tagen der stellvertretende Außenminister William Burns und der Chefberater des Weißen Hauses, Elliott Abrams, in der Region.“ Deren Zwischenberichte seien äußerst ermutigend. Der Zweitgenannte fällt auf. Vor einem halben Jahr wurde Abrams von Bush mit der obersten Zuständigkeit für den Nahen Osten betraut. Was auch immer dort passiert, wird die Handschrift dieses Mannes tragen. Abrams, der sich selbst als neokonservativ bezeichnet, ist vorbestraft. Er war einst heftig in die Iran-Contra-Affäre verwickelt. Um nicht wegen noch schwererer Verbrechen angeklagt zu werden, bekannte sich der damals 43-Jährige im Oktober 1991 schuldig, den Kongress unter Eid belogen zu haben. Aggressiv hatte er zuvor die Politik der Reagan-Regierung gutgeheißen, die Contra-Rebellen in Nicaragua aufzurüsten. Sein Mundwerk sitzt stets locker. Den Prozess gegen ihn nannte er „kafkaesk“, seine Ankläger seien „dreckige Bastarde“. Doch das ist jetzt vergeben und vergessen. Als Abrams ins Weiße Haus einzog, lobte ihn dessen Sprecher Ari Fleischer als einen „hervorragenden Diplomaten“.

Im Hubschrauber mit Scharon

Seinen Überzeugungen ist der Reagan-Zögling bis heute treu geblieben. Im Nahostkonflikt steht er, selbst Jude, fast hundertprozentig auf Seiten der israelischen Regierung. Anerkennend spricht er über die „Härte“ und „Entschiedenheit“, mit der Scharon den Aufstand der Palästinenser bekämpft. Dem Friedensfahrplan wiederum, der gemeinsam von Uno, EU, USA und Russland auf den Weg gebracht wurde, steht Abrams skeptisch gegenüber. Jede Mitsprache von Uno, EU und Russland ist ihm suspekt. Bereits Bill Clinton habe von Israel zu viele Konzessionen verlangt, mault er. Auch ein Zurück zu den Angeboten, die Barak den Palästinensern gemacht habe, könne es nicht geben. Daheim nimmt Abrams ebenfalls kein Blatt vor den Mund. Er warnt die amerikanischen Juden vor einem Verlust ihrer Identität durch Assimilation und Mischehen. Außerdem müssten sie verstehen, dass ihr Einsatz für Israel der Unterstützung durch konservative Christen bedarf.

Kann Bush durch diesen Mann zum Friedensengel im Nahen Osten werden? Die Ernennung von Abrams war ein klares Signal. Immer deutlicher wird, dass Bush zu Israel ein besonders inniges Verhältnis hat. Auf seinem bisher einzigen Besuch im Jahre 1998 ließ er sich von Scharon im Hubschrauber die Situation in der Westbank erklären. Anschließend stellte er sich mit einer Kipa auf dem Kopf andächtig vor die Klagemauer. Wie kein anderer aus seiner Familie fühlt Bush sich den Juden und Israel verbunden. Sein Großvater, Prescott Bush, war noch der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt worden. Er war Direktor einer Bank, auf der reiche Deutsche, die Hitler halfen, ihr Vermögen deponierten. Bush Senior wiederum, der 41. US-Präsident, lag mit Israel wegen des Siedlungsbaus im Dauerclinch. Und vom damaligen Außenminister James Baker ist das berühmte Zitat überliefert: „Fuck the Jews. They don’t vote for us anyway.“

In der Tat: Bislang waren Amerikas Juden stramme Parteigänger der Demokraten. Für Al Gore stimmten zuletzt 79 Prozent, für Bush Junior lediglich 19 Prozent. Selbst die neokonservativen jüdischen Intellektuellen, wie William Kristol, der Chefredakteur des „Weekly Standard“, rührten nicht etwa für den Texaner die Werbetrommel, sondern für dessen parteiinternen Rivalen John McCain. Bush war ihnen wegen seiner Familienzugehörigkeit und seiner Öl-Geschäfte lange Zeit verdächtig. Er galt als araberfreundlich und unsensibel. Nach einer Wahlkampfvisite im Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles, inklusive einer großen Holocaust-Ausstellung, hatte Bush ins Gästebuch geschrieben: „God bless this world!“

Der 11.September 2001 änderte alles. Während sich viele Europäer im ersten Schock den Amerikanern nahe fühlten, empfanden viele Amerikaner eine neue Nähe zu Israel. „Nun wissen wir, was Terror bedeutet“, war oft zu hören. Die Tendenz verstärkte sich, in Israel vor allem ein Hort der Freiheit und Demokratie zu sehen, das von einem Heer blutrünstiger Tyrannen und Terroristen umgeben ist. Hinzu kam ein zweiter Trend: Immer mehr Evangelikale glauben, dass die Juden einen biblisch begründeten Anspruch auf das gesamte Heilige Land haben. Sie lehnen jeden territorialen Kompromiss ab. Die virulenteste Groß-Israel-Lobby in den USA sitzt heute nicht in Kalifornien und New York, sondern in Alabama und Mississippi.

Die Koalition aus jüdischen Neokonservativen und einer stetig wachsenden Zahl von christlichen Fundamentalisten hat sich zu einer neuen politischen Macht entwickelt. In deren Wahrnehmung muss Al-Qaida ebenso entschieden bekämpft werden wie Hamas, zwischen Osama bin Laden und Jassir Arafat wird kaum ein Unterschied gesehen. Immer mehr Bündnisse werden geschlossen, um diese Ideologie zu festigen. Gary Bauer, ein prominenter christlicher Konservativer aus Kentucky, tut sich mit William Kristol zusammen, dem jüdischen Intellektuellen aus New York. Der orthodoxe Rabbiner Yechiel Eckstein gründet gemeinsam mit dem ehemaligen Direktor der „Christian Coalition“, Ralph Reed, eine Organisation mit dem bezeichnenden Namen „Stand for Israel“. Der prominente Prediger Jerry Falwell ruft aus: „Ich liebe und unterstütze Israel, weil ich glaube, dass Gott das Heilige Land den Juden versprochen hat.“

Geld für die Wiederwahl

Diese Kreise darf Bush mit seiner Nahostpolitik nicht verprellen. Vielleicht gelingt es ihm sogar, die eng gestrickten Verbindungen zwischen den amerikanischen Juden und der demokratischen Partei aufzubrechen. Das ist, wenige Monate vor dem offiziellen Beginn des Präsidentschaftswahlkampfes, die große Hoffnung der republikanischen Strategen.

Dabei geht es nicht allein um Wählerstimmen – Juden stellen nur knapp vier Prozent der Wahlberechtigten, die große Mehrheit lebt in Kalifornien und New York, wo Republikaner ohnehin keine Chancen haben. In Florida, Illinois, Michigan und Maryland allerdings könnten sie im kommenden Jahr das Zünglein an der Waage sein. Doch abgesehen davon geht es auch ums Geld. 21 Prozent der Spendeneinnahmen für den demokratischen Vorwahlkampf im Jahr 2000 stammten von Juden. Die Kasse der Republikaner dagegen wurde nur zu 2,5 Prozent von Juden gefüllt.

Wer wissen will, ob Bush tatsächlich substanziellen Druck auf Scharon ausüben wird, sollte daher nicht allein auf das Spektakel inAkaba schauen. Es hilft auch ein Blick in „The Club“ in der Stadt Birmingham im US-Bundesstaat Alabama. Dort fand am 5.Mai ein Israel-Bond-Dinner statt. Neben etwa 250 Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft nahmen daran gleich sechs hochrangige Republikaner teil, darunter Gouverneur Bob Riley. Früher waren Israel-Bond-Dinner eine Domäne der Demokraten. Das ist vorbei. In der „Washington Post“ werden Republikaner bereits mit der Prognose zitiert, Bush werde bei der nächsten Wahl 40 Prozent der jüdischen Stimmen bekommen. Der Artikel endet mit einer Frage: Wird Bush eher den Rat von Blair und Powell befolgen und energisch die Gründung eines palästinensischen Staates vorantreiben? Oder wird er sich lieber um seine Wiederwahl kümmern? Wirklich offen ist die Antwort nicht.

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