Zeitung Heute : Der kritische dritte Tag

Der Tagesspiegel

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Schwere Verbrennungen stehen für die meisten Menschen ganz oben auf der Angstskala der schlimmsten denkbaren Unglücke. Für Menschen aus den Industrieländern gibt es noch eine Steigerung: Wenn das Unglück im Ausland, fernab der medizinisch-technischen Zivilisation passiert. Wenn ein Teil der Brandopfer der Explosion auf Djerba Überlebenschancen hat, dann aus drei Gründen: Erstens ist die medizinische Versorgung in Tunesien im Vergleich der nordafrikanischen Länder recht gut. Zweitens ist Tunis nur drei Flugstunden von der deutschen Hightech-Medizin entfernt. Drittens kommt ihnen eine heimtückische Eigenschaft des Feuers zugute: Es verschlingt seine Opfer meist nicht sofort, sondern langsam im Laufe von Tagen.

Obwohl offene Flammen meist um die 900 Grad heiß sind, ist der unmittelbare Kontakt mit dem Feuer in den seltensten Fällen tödlich – nicht Verbrennungen, sondern Rauchvergiftungen sind die mit Abstand häufigste Todesursache. Da die Haut ein schlechter Wärmeleiter ist, hält sie die Hitze lange vom Inneren des Körpers ab – dafür opfert sie sich selbst je nach Verbrennungsgrad (1 bis 4) durch Rötung, Blasenbildung, Absterben und schließlich Verkohlung. Deshalb ist in den ersten zwei Tagen nicht die Brandwunde, sondern – ab etwa 15 Prozent betroffener Körperoberfläche – der Kreislaufschock die größte Gefahr: Körperflüssigkeit, die durch Verdunstung und undichte Blutgefäße verloren geht, muss schnellstens ersetzt werden. Dieser Schock ist heute beherrschbar – mit Infusionen, Schmerzmittel und intensivmedizinischem Fachwissen. In dieser Hinsicht können sich die Notfallkliniken in Tunis und Sousse mit regulären deutschen Krankenhäusern messen. Am dritten Tag nimmt die Krankheit jedoch eine dramatische Wende – das Feuer verbrennt sein Opfer noch einmal von Innen: Das durch die Hitze zerstörte Gewebe entzündet sich, überschwemmt den Organismus mit Giftstoffen. Dadurch beginnen Nieren, Lunge und andere lebenswichtige Organe zu versagen. Zugleich dringen Bakterien durch die zerstörte Haut ein und vermehren sich nahezu ungehemmt im ganzen Körper, da das Immunsystem durch Gifte und fehlgeleitete Signalstoffe gelähmt ist.

Diese auch mit Antibiotika nicht kontrollierbaren Infektionen sind die häufigste Todesursache bei schweren Verbrennungen. In Deutschland werden die Patienten rechtzeitig vor Beginn dieser „Verbrennungskrankheit“ in eines von 39 hoch spezialisierten Zentren für Schwerbrandverletzte verlegt. Das gilt als erforderlich, wenn 20 Prozent der Haut – ein Bein oder zwei Arme – Verbrennungen 2. Grades erlitten haben oder 10 Prozent bis zum 3. Grad verbrannt sind. Da derartig schwere Verbrennungen relativ selten sind – etwa 1200 Fälle pro Jahr –, genügen bundesweit 177 Spezialbetten.

Um Infektionen vorzubeugen, verfügen Verbrennungszentren über nahezu keimfreie Behandlungsräume. Chirurgen, Internisten und Intensivmediziner tragen die verbrannte Haut sorgfältig ab und ersetzen sie, meist in sich über Wochen hinziehenden Teiloperationen, durch Transplantate. Wenn die eigene unversehrte Haut nicht reicht, muss speziell behandelte Leichenhaut oder biotechnisch hergestellte Kunsthaut verwendet werden. Heute überlebt mehr als die Hälfte der Patienten mit 75 Prozent Verbrennungen – noch vor 20 Jahren galten 30 Prozent verbrannte Haut als Todesurteil.

Die Opfer von Djerba kamen am entscheidenden dritten Tag nach dem Unfall in deutsche Verbrennungszentren, für die Mehrzahl wohl gerade noch rechtzeitig. Ihr Glück im Unglück war deshalb der deutsche Pass: Ein Tunesier hätte nach einem ähnlichen Brandunfall kaum eine Überlebenschance.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle-Wittenberg.

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