Zeitung Heute : Der Künstler hinterm Schilf

John Heartfield und die Märkische Schweiz: Besuch im Waldsieversdorf

Renoviert. Seit Juni 2010 kann das Heartfield-Haus besichtigt werden. Foto: dpa
Renoviert. Seit Juni 2010 kann das Heartfield-Haus besichtigt werden. Foto: dpaFoto: picture alliance / ZB

Wald und Seen, wohin man sieht. Hier der Große, dort der Kleine Däbersee, ein Stück weiter der Papillensee, der Gartz- und der Kesselsee. Ab und zu gibt es eine Badestelle oder ein Strandbad, ansonsten sind die idyllischen Gewässer von Schilf und hohen Bäumen eingerahmt. Wie am Schwarzen Weg von Waldsieversdorf, wo sich inmitten von dichtem Grün ein dunkles Blockhaus mit hellblauen Fensterläden versteckt. Ein bescheidenes Domizil, das sich auf den ersten Blick kaum von den umliegenden Datschen unterscheidet. Erst bei näherem Hinsehen wird man auf das eine oder andere Detail der sogenannten Turmvilla aufmerksam. Die Panoramaterrasse zum Beispiel und die gepflegte Einrichtung. John Heartfield, Begründer der politischen Fotomontage, war hier mal zuhause. Wie hatte es ihn nach Waldsieversdorf in die Märkische Schweiz verschlagen?

1891 in Berlin-Schmargendorf geboren, gehörte der Künstler Helmut Herzfeld nach einer abgebrochenen Buchhändlerlehre und Ausbildung an verschiedenen Kunstgewerbeschulen zunächst zur Berliner Bohème, die sich im Romanischen Café um Else Lasker-Schüler und George Grosz scharten. Aus Protest gegen die anti-englische Kriegspropaganda während des Ersten Weltkriegs legte er sich den britisch anmutenden Namen John Heartfield zu und trat der KPD bei.

Zusammen mit Kurt Tucholsky gab er 1929 das Buch „Deutschland, Deutschland über alles“ heraus und wurde zum ständigen Mitarbeiter der „Arbeiter-Illustrierte-Zeitung“, für die er zahlreiche Fotomontagen anfertigte. 1933 floh er nach Prag und 1938 nach England, wo er sich als freischaffender Künstler etablierte. I950 kehrte er aus dem Exil zurück und ging nach Leipzig, um als Buchillustrator und Bühnenbildner zu arbeiten.

Er hatte es nicht ganz leicht in der DDR. Die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten machte ihm mit der sogenannten Formalismus-Debatte zu schaffen. Bertolt Brecht konnte die Kampagne gegen den Freund zwar nicht aufhalten, doch wollte er ihm wenigstens helfen, mit den gesundheitlichen Folgen fertig zu werden. Heartfield hatte in kurzer Folge zwei Herzinfarkte erlitten. „Lieber Johnny, eigentlich müssten deine Freunde mit dir ganz andere Seiten aufziehen. Es scheint Dir nachgerade zur Gewohnheit zu werden, sie durch die Folgen Deines unqualifizierbaren Herumrasens in Schrecken und wirklichen Kummer zu versetzen. Stop that, young man! Ernst beiseite: Du solltest dieses absurde Leipziger Klima endlich mit dem berühmt guten hier vertauschen. (...) Sollen wir uns in der Nähe Berlins umschauen? Wäre so was wie Buckow zu weit weg…?“, schrieb der Dichter, der bekanntlich selbst in der Märkischen Schweiz sein Refugium gefunden hatte.

Nicht zufällig ist die Gegend von jeher beliebte Sommerfrische. Auf kleinstem Raum wechseln sich Schluchten – die sogenannten Kehlen – , Bäche und stille Moore ab. Dabei ist das Klima so angenehm mild und die Luft so rein, dass sie Buckow zum Kurort prädestinieren. „Majestät, in Buckow geht die Lunge auf Samt“, sagte der Leibarzt von Friedrich Wilhelm IV.

Während sich Bertolt Brecht hier am Ufer des Schermützelsees ansiedelte, wurde Heartfield 1953 im benachbarten Waldsieversdorf fündig. Er bezog die „Turmvilla“, die eigentlich eher eine bescheidene Baracke war und verwandelte sie nach und nach in ein Kleinod.

Nach dem Tod Heartfields 1968 dämmerte das Gebäude vor sich hin. Dann haben die Gemeinde und der Freundeskreis John Heartfield zusammen mit der Akademie der Künste die Restaurierung in Angriff genommen. Seit Juni 2010 ist das Haus nun für Besucher geöffnet und lädt dazu ein, den Künstler von seiner privaten Seite kennen zu lernen. Hier ist nicht nur die Ausstellung der Akademie der Künste „John Heartfield und die ‚Free German League of Culture’“ mit Reproduktionen von Fotomontagen und Archivalien aus dem englischen Exil zu sehen, auch Möbel, Zinnteller oder kleine Figuren zeugen von erlesenem Geschmack. Am schönsten ist der Arbeitsplatz: Der massive Tisch aus dunklem Holz bietet einen herrlichen Blick ins Grüne.

Wer neugierig auf das Werk des Künstlers ist, kann sich übrigens auch im Kultur-, Ausstellungs- und Tourismuszentrum WaldKAuTZ von Waldsieversdorf umsehen, wo eine Dauerausstellung zwanzig der wichtigsten Arbeiten aus der Zeit von 1928 bis 1942 vorstellt. Ulrike Wiebrecht

Das John Heartfield-Haus in Waldsieversdorf, Schwarzer Weg 12, ist vom 7. Mai bis 2. Oktober, jeweils freitags bis sonntags von 13 bis 18 Uhr, geöffnet. Telefonnummer: 03 34 33/ 157 782, im Internet zu finden unter: www.johnheartfield-haus.de

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