Zeitung Heute : Der Kunde ist ein König

Saudi-Arabiens Herrscher Fahd hat sich vor 20 Jahren in Genf ein Haus gebaut, jetzt wohnt er zum ersten Mal darin. Die Juweliere freuen sich darüber, nur die Nachbarn nicht

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Jan Dirk Herbermann, Genf

Seit der König in der Stadt ist, müssen die Leute sich bescheiden. Weil er ihnen alles wegkauft. Oder wegmietet. Mercedes-Limousinen zum Beispiel sind aus, bis Ende August, sagt der Angestellte eines örtlichen Autoverleihers. „Wir können noch einen Golf anbieten." Obwohl sogar aus Deutschland frische Limousinen geordert wurden. Man sieht aber, wo sie geblieben sind. 300 sollen es sein, die durch die gewundenen Straßen des Villenviertels Collonge-Bellerive kacheln. Und vier davon stehen gerade vorm Haus, vor der Mauer, die sich über mehr als hundert Meter von Nummer 26 bis 52 am Chemin du Chateau-de-Bellerive zieht. Vier silbergraue Mercedes mit deutschen Kennzeichen. „Gute Auto“, sagt ein Wächter und grinst, schwingt sich in den Wagen und rast unter den alten Eichen in Richtung Genfer See davon. Die anderen Leibwächter fingern an ihren Revolvern.

Seit Ende Mai ist König Fahd Ibn Abd Al-Asis von Saudi-Arabien also in Genf, er kam mit 400 Begleitern und 200 Tonnen Gepäck in sechs Jumbo-Jets, und er residiert im bis dahin verschlafenen Vorort Collonge-Bellerive. Vor zwanzig Jahren hat er hier am Ufer des genfer Sees einen Palast gekauft, für 200 Millionen Franken, dazu kommen noch 14 Nebengelasse für den Hofstaat. Und jetzt wohnt er zum ersten Mal hier. Anfangs war ihm das Grundstück zu klein, jetzt – nachdem er Nachbarn herausgekauft hat und vergrault und ein Wald gerodet ist, ist es 40 Hektar groß. Wie es darauf aussieht, erzählt keiner. Außer die Handwerker. Schwimmbad mit Edelsteinen, Operationssaal, Atombunker, Straßentunnel unter dem Anwesen.

Die Nachbarn haben lange darauf gewartet, dass endlich Leben einzieht in das Haus, aber so hatten sie es sich auch nicht gedacht. Zuviel Verkehr. Bis zu 200 Blumensträuße treffen täglich ein, der ägyptische Präsident Hosni Mubarak und Jordaniens König Abdullah Hussein machten ihre Aufwartung, und auch reiche saudische Untertanen erweisen ihrem Herrscher die Ehre. Ebenso zieht es Hunderte von Arbeitssuchenden in die Nähe des Hofes – immerhin zahlt der König schon einem Gärtner bis zu 7000 Franken im Monat. „Der König ist eigentlich ein angenehmer Nachbar“, sagt eine Anwohnerin. „Wenn nur nicht der ganze Rummel wäre.“

Er gibt überhaupt viel Geld aus. Der selbsternannte „Hüter der edlen Stätten“ von Mekka und Medina und sein Gefolge verprassen rund fünf Millionen Franken. Täglich. Das ist selbst für die Nobelstadt Genf, in der mehr Millionäre als Arbeitslose leben, Rekord. Aber schließlich ist der König mit einem geschätzten Vermögen von 30 Milliarden Euro auch der sechstreichste Mann der Welt.

Für die Mercedes-Limousinen legen die Saudis pro Tag bis zu 3400 Franken auf den Tisch, inklusive Chauffeur. Und auch die Juweliere hoffen: „Kurz bevor die Saudis abreisen, kaufen die uns noch den Laden leer“, sagt Nouran Ben Youssef. Die Marketingfrau eines Edelshops am Quai du Mont Blanc kennt die Sitten: Sie selbst kommt aus dem Libanon.

Auch in den Luxushotels von Genf herrscht eitel Wonne. Da nicht alle Mitglieder des Fahd-Clans und deren Gäste im Palast logieren können, müssen die Prinzen und Prinzessinnen in den Fünf-Sterne-Herbergen der Stadt unterkommen. 500 Zimmer sind insgesamt reserviert. Im piekfeinen Noga-Hilton nahm einer der Wüstensöhne gleich die Hälfte aller Suiten in Beschlag. Ein paar Meter weiter, im Richemond, heißt es: „Wir sind voll, die Saudis sind da.“ Bis zu 4000 Franken pro Nacht verlangt die Direktion. Dafür wird den Scheichs jeder Wunsch von den Lippen abgelesen. „Einer wollte 20 Tüten Popcorn um drei Uhr Morgens“, berichtet eine Hotelangestellte.

Für die Männer aus dem Morgenland öffnen sich auch schon mal im Mondschein die Läden. Das ist der Rhythmus der Wüste. Vor Mittag steht dort keiner auf, zu Bett geht man erst am frühen Morgen. So veranstaltete ein großes Mediengeschäft ein Midnight-Shopping für die potenten Kunden. Jetzt droht eine Klage – wegen des Verstoßes gegen die Ladenöffnungszeiten und die Nichtbeachtung des nächtlichen Arbeitsverbots. „Wir wollen Persönlichkeiten wie König Fahd einen angenehmen Aufenthalt bieten“, wettert der Chef der Genfer Liberalen, Olivier Jornot, „aber da muss ja nicht gleich das Gesetz gebrochen werden.“

Warum der König ausgerechnet nach Genf gekommen ist, blieb lange ein Rätsel. Bereitet er in der Fremde seine Abdankung vor? Sollte er nach seinem Schlaganfall – er kann nicht mehr richtig sprechen – vor der saudischen Öffentlichkeit verborgen werden? Wollte er sich operieren lassen? Jedenfalls räumte die Stadt eine ganze Etage des Universitätskrankenhauses leer, stellte das plüschige Interieur des Königs auf. Er wollte sich am Auge behandeln lassen. Doch der 80-jährige Fahd ließ sich tagelang nicht blicken, er bestand darauf, dass ein US-Fachmann ihn operiert. „Es ist schon erstaunlich, dass der saudische König über eine öffentliche Genfer Einrichtung so verfügen kann“, klagte Albert Nahory von der Hospitalgewerkschaft. Am Ende gab es für den König im republikanisch gesinnten Genf keine Extrawurst: Wie alle Normalsterblichen hatte er sich einem Krankenhaus-Arzt anzuvertrauen. Die Operation am vergangenen Donnerstag war erfolgreich. Sein Leibarzt durfte nur zuschauen. Trotzdem hofft man in Genf, dass Fahd samt Gefolge seinen Besuch nicht vor Mitte August abbricht.

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