Zeitung Heute : Der Kunst verschrieben

James Simons mäzenatische Taten verliehen den Berliner Museen Glanz

Hermann Rudolph

Am Bodemuseum, im Ägyptischen Museum und am Stadtbad Mitte erinnern Plaketten an ihn. Das ist nicht viel für einen Mann, der einst eine Berühmtheit war und dessen mäzenatische Taten noch heute zum Glanz der Berliner Museen beitragen. Als er achtzig wurde, rühmten die deutschen Zeitungen James Simon unisono. Sie nannten ihn – wie Olaf Matthes in seiner Biografie „James Simon. Mäzen im Wilheminischen Zeitalter“ berichtet – einen der „größten Kunstsammler und Kunstmäzen der Gegenwart“, den „Groß- und Altmeister der Berliner Kunstfreunde“, der „wahrhaft eine Bürgerkrone verdient“ habe und befanden, dass die Geschichte Berlins „kein zweites Beispiel ähnlicher selbstloser Aufopferung im Interesse der Museen und der Allgemeinheit“ kenne. Der Nationalsozialismus verdrängte die Erinnerung an James Simon, der Jude war. Sie ist seit dem Krieg nicht wirklich wieder lebendig geworden.

James Simon, geboren 1851, also tief im 19. Jahrhundert, gestorben 1932, ist auch unter den Mäzenen des Kaiserreiches eine singuläre Gestalt gewesen. Dem bedeutenden Unternehmer – das von ihm und seinem Vetter geführte Großhandelshaus für Baumwolle gehörte um die Jahrhundertwende zu den größten Europas – verdankten die Berliner Museen viele der Werke, die ihre Weltgeltung begründen. In enger Abstimmung mit Wilhelm von Bode, dem Generaldirektor der Staatlichen Museen, baute er eine bedeutende Privatsammlung auf, aus der er den Berliner Museen große Schenkungen machte. Dem Kaiser-Friedrich-Museum, dem heutigen Bode-Museum, übergab er zu dessen Eröffnung seine gesamte Renaissance-Sammlung. Dem im Entstehen begriffenen Deutschen Museum im Nordflügel des Pergamonmuseums überließ er seine 350 Stück umfassende Sammlung deutscher und niederländischer Holzplastiken des Mittelalters. Auch das Museum für deutsche Volkskunde, die Ägyptischen und Vorderasiatischen Sammlungen verdanken ihm viel – etwa die Hälfte des Ägyptischen Museums geht auf sein Engagement zurück, und an das Vorderasiatische Museum wäre ohne ihn gar nicht zu denken.

Dass an Simon auch am Stadtbad Mitte gedacht wird, deutet darauf hin, dass Simons Mäzenatentum sich keineswegs auf die Kunst beschränkte. Es richtete sich ebenso auf die sozialen Krisenzonen seiner Zeit. Simon gehörte beispielsweise zu den Finanziers der ersten beiden Volksbadeanstalten in Berlin. Er engagierte sich im Verein für Ferienkolonien, war Mitbegründer des Zentralvereins für Schülerwanderungen und Mit-Initiator des Vereins für Volksunterhaltungen, der breiten Bevölkerungskreisen den Weg zu Kunst und Wissenschaft ebnen sollte und es zum Beispiel erreichte, dass die Berliner Philharmoniker und das königliche Schauspielhaus Vorstellungen zu billigen Preisen anboten. Man schätzt, dass Simon in den 1890er Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel seines Jahreseinkommens allein für soziale Zwecke zur Verfügung stellte.

Das alles ging von einem Mann aus, der nicht nur spendete, sondern im damaligen Berlin und darüber hinaus eine kulturell und politisch hoch interessierte und aktive Rolle spielte. In ihm fand die viel gerühmte, viel umstrittene deutsch-jüdische Symbiose eine exemplarische Ausprägung. Er war Vorsitzender des Hilfsvereins der Deutschen Juden, der die Lebensverhältnisse der Juden in Palästina und Osteuropa zu verbessern suchte. Er war Initiator und treibende Kraft der Deutschen Orient-Gesellschaft, die einerseits den deutschen Einfluss im Vorderen Orient vergrößern wollte, andererseits archäologische Grabungen förderte – beides unter dem Protektorat des Kaisers. Dabei stand Simon den liberalen Parteien nahe, bis er sich, am Ende der Weimarer Republik, den gemäßigten Sozialdemokraten näherte – insgesamt enttäuscht von der Politik, deren „Unglück“ es sei, „dass die Taktik die Hauptquelle spielt“.

Seinen Platz in der Gegenwart hat diese beeindruckende Gestalt noch nicht wiedergefunden. Immerhin hat sich eine Initiative um Bernd Schultz von der Villa-Grisebach, Senatskanzlei-Staatssekretär André Schmitz, Mäzen Günter Braun, Peter Raue und Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck gebildet, die diesem Missstand abhelfen will. Und auch die baden-württembergische Landesvertretung plant, an ihn zu erinnern. Denn sie steht dort, wo einst – Tiergartenstraße 15 – Simons Villa ein Anziehungs- und Mittelpunkt des Berliner Lebens war.

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