Zeitung Heute : Der Lärm nach dem Schuss Wie die deutschen Weltmeisterinnen feiern

Frank Hollmann[Schanghai]

Durch die riesige Lobby des Hua Ting Hotels schallt ihr „So seh’n Sieger aus“. In dieser Nacht werden sie nicht wenige Gäste aus dem Schlaf gegrölt haben. „Hoffentlich sind genug Männer zum Tanzen da“, sagt Bundestrainerin Silvia Neid noch, als die deutschen Fußballerinnen in der Nacht zum Montag auf der Siegesfeier einfallen.

Uschi Holl ist eine der lautesten. Die Torfrau war während der gesamten Weltmeisterschaft die Tongeberin für die Gesänge, auch wenn sie die WM nur auf der Ersatzbank erlebte: „Mit vielen Emotionen. Wir waren ja auch auf der Bank immer im Spiel.“ Dann tanzt sie mit dem WM-Pokal.

Derweil vibrieren pausenlos die Handys. „Mein Mann hat sich gleich nach dem Schlusspfiff gemeldet“, sagt Physiotherapeutin Christel Arbini. Die 52-Jährige ist als Einzige aus dem Betreuerstab seit dem Start der deutschen Frauennationalmannschaft dabei und war seitdem bei fast jedem Länderspiel. „Beim ersten Länderspiel gab es nur drei Betreuer: Trainer, Teammanager und ich.“ 25 Jahre später können die deutschen Fußballerinnen in einem größerem Kreis feiern.

Hartmut Engler, Sänger der Popgruppe Pur, flirtet mit Fatmire Bajramaj. Ulrich Roth, ehemaliger Kapitän der deutschen Handballnationalmannschaft schwärmt von der Leistung der deutschen Damen: „Unglaublich attraktiv. Wenn man die Dynamik dieses Endspiels sieht, weiß man, welche Entwicklung der Damenfußball in den letzten Jahren genommen hat. Ich war begeistert.“ Genauso wie Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB): „Der nächste Titel ist der WM-Titel im eigenen Land.“ Deutschland hat sich um die Weltmeisterschaft 2011 beworben.

Der sei der DFB durch den Erfolg der Damen nun ein gutes Stück näher kommen, sagt DFB-Generalsekretär Horst Schmidt: „Eine sehr gute Heimmannschaft ist ein wichtiger Schlüssel zu einer erfolgreichen Abwicklung einer Weltmeisterschaft. In China hat man einen neuen Maßstab gesetzt, und von Deutschland wird man erwarten, dass es noch ein Stückchen besser wird.“

Dann freilich wird die Mannschaft ein anderes Gesicht haben. Zwar wolle sie niemanden zum Rücktritt auffordern, hatte Trainerin Silvia Neid schon vor dem Finale erklärt. Doch spätestens nach Olympia 2008 soll der Umbruch erfolgen. Schon jetzt setzt Neid auf Spielerinnen, die sie 2004 zum U-19-Weltmeister formte. Der Abschied einiger Routiniers scheint nur eine Frage der Zeit.

Sandra Minnert beispielsweise, bereits 34, warfen Knieprobleme zuletzt immer wieder zurück. Wegen einer Verletzung verlor sie nach dem Eröffnungsspiel ihren Stammplatz an die erst 22 Jahre alte Duisburgerin Annike Krahn, eine der großen Gewinnerinnen der WM. Ähnlich wie Minnert erging es Torfrau Silke Rottenberg. Ein Jahrzehnt lang war sie die unumstrittene Nummer 1, bis ein Kreuzbandriss den Weg für Nadine Angerer frei machte. Die Potsdamer Torhüterin blieb in sechs Spielen ohne Gegentor, eine Bilanz, die Rottenberg kaum eine Chance auf Rückkehr lässt.

Bei der Siegesfeier jedenfalls hielt sich Rottenberg mit nachdenklichem Gesicht im Hintergrund. Feierlaune wie bei Nadine Angerer wollte sich nicht einstellen. Die strahlte unter ihrer breiten Mütze nicht nur in die zahlreichen Kameras, sondern ließ sich selbst von Mannschaftskameradin Ariane Hingst interviewen. Die hatte einem Reporter das Mikrofon stibitzt: „Gibt es noch etwas, was du uns mitteilen möchtest, Nadse?“ Angerers Antwort: „ Ich möchte sagen, dass ich mich auf das Nachhausekommen freue, weil da gibt’s bestimmt viele Partys, wo wir weiterfeiern können. Ein guter Sportler ist auch, wer ein Glas mehr trinken kann.“

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