Zeitung Heute : Der Landvermesser

Jörg Plath

Im April 1945 überquert Julius Posener, der 1935 wegen seiner jüdischen Herkunft aus Berlin nach Paris und dann nach Palästina emigrierte, als "erster Palästinenser" mit der englischen Armee den Rhein. 1947 verfasst er in Jerusalem einen erstaunlichen Bericht, der jetzt erstmals auf Deutsch vorliegt: "In Deutschland 1945 bis 1946". Der Emigrant und spätere Nestor der deutschen Architekturgeschichte zeigt darin ein überraschend großes Verständnis für die Deutschen, ohne sie zu entschuldigen.

Posener zufolge ist es vor allem die alliierte Politik, die aus der anfänglichen Freundlichkeit, mit der die Sieger 1945 von den Deutschen empfangen wurden, Verbitterung werden ließ. Die Doppelrolle der Sieger als Schutz- und Zwangsmacht sei fatal für die Demokratisierung, die Reeducation laufe auf "neue Unterdrückung" hinaus, die Entnazifizierung sei eine Farce, Hunger und Kälte täten ein Übriges. Kollektivschuldthese und die Konzentration auf die Gräuel der Judenvernichtung machten es den Deutschen leicht, jede Verantwortung abzuweisen.

Die Katharsis, für die Posener bei Prominenten wie Martin Niemöller oder in den präzise charakterisierten neuen Parteien zahlreiche Ansätze findet, bleibt im Alltag aus. Stattdessen beginnen die Deutschen, sich als Opfer des Krieges zu betrachten. Poseners durch trockenen englischen Humor aufgelockerter Bericht ist dennoch keine Apologie - er ist ein Dokument seiner Anhänglichkeit an das Land seiner Geburt, über die er an keiner Stelle ein Wort verliert.

Erst am Ende deutet Posener seine Gefühle an, als er einen alten Solinger Juden bewundernd zu Wort kommen lässt, der sich für einen ehrbaren Gestapomann einsetzt. Die Bewunderung gilt der Souveränität, mit der der Überlebende den Preis für die Rückkehr in die Heimat bezahlt, die auch die Heimat der Mörder ist.

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